Chemnitz Tunesier wirft Polizei Körperverletzung vor

Ein Tunesier wirft Chemnitzer Polizisten vor, ihn bei seiner Festnahme schwer verletzt und später fremdenfeindlich beleidigt zu haben. Er erlitt einen Schien- und Wadenbeinbruch.

Hatem Khemiri
Jennifer Stange

Hatem Khemiri

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Chemnitzer Polizeibeamten sollen einem Tunesier bei dessen Festnahme mehrfach das Bein gebrochen haben. Die Polizeidirektion Chemnitz ermittelt gegen die Polizisten wegen Körperverletzung im Amt. Zugleich laufen Ermittlungen gegen den Geschädigten Hatem Khemiri, 34, weil er in eine Schlägerei verwickelt gewesen sein soll.

Khemiri sagt, er sei am 5. April gegen 20 Uhr auf dem Weg zum Einkaufen gewesen, als es vor einem Chemnitzer Supermarkt zu einer verbalen und tätlichen Auseinandersetzung zwischen einem Libyer und mehreren Deutschen kam. "Ich wollte helfen, den Libyer wegziehen", sagt Khemiri. Die Deutschen seien Nazis gewesen, glaubt er.

Ermittlungen wegen versuchter schwerer Körperverletzung

Dann sei die Polizei mit drei Einsatzwagen dazugekommen. Khemiri sagt, er sei auf die Beamten zugegangen, um die Situation zu klären. Einer der Beamten habe ihm gesagt, er solle die Fresse halten und der Polizei nicht erklären, wie sie ihren Job zu machen haben. Dann sei er von Beamten zu Boden geworfen worden.

Fotos zeigen, wie er auf dem Bauch liegt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Beine angewinkelt und die Füße überkreuz. Khemiri sah nicht, was hinter ihm geschah. Er sagt, er habe einen gewaltigen Druck auf seinen Unterschenkeln gespürt, dann habe sein linkes Bein nachgegeben. Es brach. Er habe sich sofort übergeben müssen.

Die Polizei Chemnitz will sich zu den konkreten Vorwürfen nicht äußern. Es werde derzeit untersucht, wie es zu Khemiris Verletzungen gekommen ist.

Nach der Auseinandersetzung seien Khemiri und der Mann aus Libyen in Gewahrsam genommen worden, um weitere Störungen zu verhindern, so die Sprecherin der Polizeidirektion Chemnitz. Beide gelten als Tatverdächtige, die an einer Auseinandersetzung zwischen etwa 15 bis 20 Personen beteiligt gewesen sein sollen. Die Polizei ermittelt wegen versuchter schwerer Körperverletzung, weil ein 26-Jähriger während der Auseinandersetzung geschlagen worden sein soll.

"Die Form der Brüche spricht für eine Fixierung des Beins"

Er habe niemanden geschlagen, sagt Khemiri. Er habe sich auch nicht gewehrt. Trotzdem hätten ihn die Beamten im Polizeifahrzeug weiter getreten und beleidigt. Schließlich habe er sich bis auf die Unterhose entkleiden müssen und sei in eine Zelle der Polizeidirektion Chemnitz gebracht worden. Er sei kein Mensch, er solle sich in sein Land verpissen, hätten die Polizisten immer wieder gesagt. Stundenlang klagte er demnach über Schmerzen, doch erst mitten in der Nacht sei der Krankenwagen gerufen worden.

Auch zu diesen Vorwürfen will sich die Polizei derzeit nicht äußern, es werde ermittelt, heißt es.

Khemiri lebt seit vier Jahren in Deutschland, er ist verheiratet, züchtet Kanarienvögel, "kein Mensch für Schlägereien" sei er. Und nie, versichert er, nie habe er etwas mit der Polizei zu tun gehabt, nie Ärger gemacht.

Khemiris Frau erstattete Anzeige wegen Körperverletzung im Amt. Khemiri wurde nach eigenen Angaben bisher weder als Tatverdächtiger noch als Geschädigter vernommen. Die Polizei wollte auch dazu keine Stellung nehmen und verwies auf die laufenden Ermittlungen. Bei der Rechtsmedizin der Universität Leipzig, die laut eigenen Angaben zuständig wäre, ist der Fall auch drei Wochen später noch nicht bekannt.

Die Röntgenaufnahmen zeigen ein im unteren Bereich gebrochenes Schienbein und einen Wadenbeinbruch nahe der Kniekehle. Das Bein musste operiert und mit vier Nägeln versorgt werden.

Oberarzt Carsten Hädrich hält es für wahrscheinlich, dass das Schienbein bei der Festnahme gebrochen wurde, denn durch einen einfachen Tritt sei ein Bruch des stabilen Schienbeins kaum möglich. "Sowohl die Form der Brüche als auch die Tatsache, dass überhaupt die Knochen gebrochen sind, spricht für eine Fixierung des Beins."



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