Neuneinhalb Jahre Gefängnis Messerangriff in Chemnitz - Hohe Haftstrafe für Alaa S.

Totschlag und gefährliche Körperverletzung: Rund ein Jahr nach der tödlichen Messerattacke von Chemnitz hat das Landgericht Alaa S. verurteilt. Die Tat führte zu heftigen politischen Diskussionen.

Alaa S. im Dresdner Gerichtssaal
Matthias Rietschel/REUTERS

Alaa S. im Dresdner Gerichtssaal


Fast genau ein Jahr nach dem tödlichen Messerangriff auf Daniel Hillig in Chemnitz ist der 24 Jahre alte Angeklagte Alaa S. schuldig gesprochen worden. Die Kammer des Landgerichts Chemnitz verurteilte ihn wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu neuneinhalb Jahren Gefängnis. Der Syrer hat nach Ansicht des Gerichts im August 2018 am Rande des Chemnitzer Stadtfests gemeinsam mit einem flüchtigen Iraker den 35-jährigen Hillig erstochen.

Die Kammer tagte aus Sicherheitsgründen in einem Gebäude des Oberlandesgerichtes Dresden. Nach der Messerattacke war es in Chemnitz zu rassistisch motivierten Übergriffen gekommen, die mehr als das Verbrechen selbst auch auf internationaler Ebene ein Schlaglicht auf die Stadt warfen.

Bilder von rechten Demonstrationen, Aufmärschen von Neonazis und Fußball-Hooligans, von Übergriffen sowie dem Zeigen des Hitlergrußes in zahlreichen Fällen gingen um die Welt. Ein jüdisches und drei weitere Restaurants wurden überfallen. Der Streit über die Frage, ob es "Hetzjagden" gegeben habe, wurde zur Zerreißprobe für die große Koalition aus Union und SPD.

Die Verteidigung hatte auch angesichts der politischen Dimension des Falls am Vormittag noch einen Freispruch für S. gefordert. "Für uns ist das mitnichten ein normales Verfahren", sagte Verteidiger Frank Wilhelm Drücke. Er appellierte noch an das Gericht, sich bei der Urteilsfindung nicht von Forderungen aus Politik, Gesellschaft oder von dem "marodierenden Mob" beeinflussen zu lassen.

Video: Krawalle nach tödlicher Messerattacke im Rückblick

Urteil ähnlich hoch wie Forderung der Anklage

Alaa S. hatte in der Verhandlung zu den Vorwürfen gegen ihn geschwiegen. In einem am Dienstag ausgestrahlten Telefoninterview des ZDF-Magazins "Frontal21" beteuerte er noch seine Unschuld. Diese Aussagen hatten laut Gericht aber keinen Einfluss auf die Urteilsfindung. Dafür seien laut Strafprozessordnung allein die im Laufe der Verhandlung durch die Kammer gewonnenen Erkenntnisse entscheidend, hatte es geheißen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und kann vor dem Bundesgerichtshof angefochten werden. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung beantragt. Die Höchststrafe bei Totschlag beträgt 15 Jahre. Die drei Vertreter der Nebenklage gingen am Donnerstag in ihren Plädoyers über diesen Antrag hinaus und forderten elf Jahre Gefängnis.

Im Lauf der insgesamt 19 Verhandlungstage waren Zweifel am Hauptbelastungszeugen aufgekommen. Der einstige Angestellte eines Döner-Ladens hatte zunächst davon berichtet, dass er den Angeklagten aus einem Fenster des Imbisses am Tatort gesehen habe, wie er mit schlagenden oder stechenden Bewegungen auf das Opfer eingewirkt habe. Bei späteren Vernehmungen und auch vor Gericht wurden seine Aussagen unpräziser.

Der Staatsanwalt räumte Widersprüche und Einsilbigkeit des Zeugen ein. Den "Kernsachverhalt" aber habe er von Anfang bis Ende gleich beschrieben. Der Mann sei über Monate durch äußere Einflüsse wie Drohungen und die Ermittlungen mürbe gemacht worden. Man müsse aber seine Aussagen in der Gesamtheit bewerten. Überdies seien wichtige Details von anderen Zeugen bestätigt worden.

Lesen Sie hier mehr zu dem Fall und den Erinnerungslücken des Zeugen.

Nach den Krawallen von Chemnitz fiel auch die rechtsextreme Terrorgruppe "Revolution Chemnitz" auf. Der Prozess gegen die acht mutmaßlichen Mitglieder beginnt am 23. September. Die Stadt wehrte sich gegen das Image als Nazi-Hochburg. So organisierte die Chemnitzer Band Kraftklub das #wirsindmehr-Konzert gegen Rechts und Rassismus unter anderem mit den Toten Hosen, zu dem 65.000 Menschen kamen.

Am Sonntag ist in Chemnitz wieder eine Großdemonstration angesetzt - von der vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Bewegung Pro Chemnitz.

apr/jpz/dpa

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