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01. Dezember 2015, 19:45 Uhr

Kritik und Proteste

Chicago feuert Polizeichef

Nach den tödlichen Schüsse eines Polizisten auf einen Teenager in Chicago gibt es Konsequenzen. Polizeichef Garry McCarthy wurde entlassen - von Bürgermeister Rahm Emanuel, der ebenfalls in Bedrängnis geraten ist.

Die öffentlichen Proteste gegen den Umgang Chicagos mit den tödlichen Schüssen auf einen schwarzen Jugendlichen waren groß. Jetzt hat die Stadt reagiert und ihren Polizeichef gefeuert. Bürgermeister Rahm Emanuel gab die Entlassung Garry McCarthys auf einer Pressekonferenz bekannt.

Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Polizei der Stadt sei "erschüttert und erodiert", sagte Emanuel. Es sei an der Zeit für eine "neue Führung, um die Herausforderungen anzugehen". Darum habe er den bisherigen Polizeichef Garry McCarthy um Rücktritt gebeten.

Dieser Schritt kann als Versuch gewertet werden, wütenden Protesten und Blockaden der vergangenen Tage ein Ventil zu bieten. Die schwarze Protestbewegung Black Lives Matter fordert auch den Rücktritt Emanuels.

Hintergrund ist der Tod des 17-jährigen Laquan McDonald, der im Oktober 2014 von 16 Polizeikugeln getroffen wurde. Nur zwei trafen ihn im Stehen. Die Stadt hatte bis zur Anklage vergangene Woche länger als ein Jahr gebraucht. Das kurz darauf veröffentlichte Video zeigt die Tat und war letztlich Auslöser der Proteste.

Tausende Menschen waren in den vergangenen Tagen in Chicago auf die Straße gegangen, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Außerdem warfen sie den Behörden Vertuschung vor und brachten mit der Parole "16 Schüsse - 13 Monate" ihren Unmut über die späte Anklage des Polizisten zum Ausdruck.

Das von einer Kamera auf dem Armaturenbrett eines Polizeiwagens aufgenommene Video war erst nach der Klage eines Journalisten veröffentlicht worden. Von der Polizei beschlagnahmte Aufnahmen einer Überwachungskamera eines Fast-Food-Restaurants verschwanden Medienberichten zufolge auf rätselhafte Weise.

In einem Gastbeitrag für die "New York Times" erhob Professor Bernard Harcourt von der Columbia-Universität schwere Vorwürfe: Der Fall sei vertuscht worden, um zu verhindern, dass das Video von McDonalds Tod die Wiederwahlchancen Emanuels torpediere.

Angesichts vieler weiterer schwarzer Opfer von Gewalt weißer Polizisten wie Michael Brown in Ferguson hätte ein Video tödlicher Polizeischüsse "Herrn Emanuels Wiederwahlchancen begraben. Und es hätte wahrscheinlich die Karriere von Polizeipräsident Garry F. McCarthy beendet".

Eine Woche nach Emanuels Wiederwahl im April habe sich die Stadt mit McDonalds Angehörigen auf eine Entschädigung von fünf Millionen Dollar geeinigt. Zudem habe Chicago Tausende Dollar ausgegeben, um die Veröffentlichung des Videos zu verhindern.

Video zeigt Polizeigewalt in Chicago: 73 Sekunden bis zum Tod

wit/dpa/AFP

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