Terrorismus-Finanzierung Deutscher IS-Mann wollte wohl eigene Mutter abzocken

Staatsschützer haben die Wohnungen zweier Syrer durchsucht. Hintergrund ist ein Betrugsfall mit IS-Bezug: Offenbar wollte der deutsche Dschihadist Christian Emde Geld von seiner Mutter ergaunern.

Christian Emde (Archiv)
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Wenn es um den Dschihad ging, war der Islamist Christian Emde nie um deutliche Worte verlegen. "Wir werden definitiv zurückkehren, und es wird nicht mit Freundlichkeiten sein oder sonst irgendwas. Das wird mit der Waffe sein", sprach Emde im Jahr 2014 in die Kamera eines Fernsehteams in der Stadt Rakka. Einige Zeit später scheint sein Kampfesmut der Verzweiflung gewichen zu sein.

"Mama, ich habe Schwierigkeiten." So beginnt eine Sprachnachricht, die der Solinger Konvertit im Februar 2017 an seine Mutter schickt. Die Botschaft ist nun ein wichtiges Beweisstück in einem lange verdeckt geführten Verfahren von Staatsschützern der Polizei Köln und der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf. Es geht um Betrug, Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und eine skurrile Geldübergabe mitten auf der Kölner Domplatte am Rosenmontag.

An diesem Dienstagmorgen schlugen die Fahnder schließlich zu. Nach SPIEGEL-Informationen durchsuchten Beamte zeitgleich zwei Wohnungen in Köln und in den Niederlanden. Der Verdacht: Die beiden Syrer Sherzad und Mohamad S. sollen im Jahr 2017 Teil eines Komplotts gewesen sein, mit dem Christian Emde von Syrien aus seine Mutter offenbar um ihr Erspartes brachte.

Alles beginnt mit einer anonymen Facebook-Nachricht an Emdes Mutter am 10. Februar 2017. Ihr Sohn ist zu diesem Zeitpunkt bei der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) schon länger eine vergleichsweise große Nummer, laut Sicherheitsbehörden ein wichtiger Funktionär in der Propaganda-Abteilung der Terrororganisation. Vor seiner Ausreise zum IS war Emde Mitglied im 2012 verbotenen Solinger Salafistenverein Millatu Ibrahim, ein frühes Sammelbecken für bekannte Islamisten wie den Ex-Rapper Denis Cuspert alias "Deso Dogg" und den Österreicher Mohamed Mahmoud.

Blutgeld nach Autounfall?

Der anonyme Kontakt auf Facebook, offenbar ebenfalls beim IS, überbringt der Mutter schlechte Nachrichten: Christian habe großen Ärger. In darauffolgenden Anrufen erzählt der Informant von einem tragischen Unfall, in den Christian angeblich verwickelt sei. Er habe in Syrien versehentlich jemanden totgefahren, die Familie des Opfers wolle Blutgeld zur Wiedergutmachung. Christian säße in Haft, würde ohne baldige Zahlung hingerichtet, so der Informant. Zum Beweis schickt er eine Sprachnachricht, in der Christian Emde seine Mutter inständig um Hilfe bittet. 20.000 Euro seien nötig. Dass die Geschichte wohl nur eine perfide Masche der Terroristen ist, um an Geld zu kommen, ahnt die Mutter nicht, sie will ihrem Sohn helfen.

Was folgt, ist ein kleiner Agentenkrimi. Die Mutter gehorcht den Anweisungen des Informanten und begibt sich am Rosenmontag 2017 gegen 18 Uhr auf die Kölner Domplatte. Nach SPIEGEL-Informationen übergibt sie mitten im Karnevalstrubel 1700 Euro in bar an Sherzad und Mohamad S., die offenbar als Emdes Helfer in Deutschland fungierten. Ob das Geld anschließend tatsächlich zum IS nach Syrien floss, ist noch unklar. Was die beiden Geldabholer nicht wissen: Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz hat Wind von dem geplanten Treffen am Dom bekommen und fotografiert die Zusammenkunft mit Mutter Emde. Mit den Informationen des Geheimdiensts kommt das Verfahren dann ins Rollen.

Die Ermittlungen der Behörden entlarven die Geschichte vom tödlichen Unfall in Syrien schon bald als Finte. Auch die Identität des Anrufers und Informanten, der die Geldübergabe einfädelte, ist inzwischen offenbar geklärt. Stimmanalysen und eine Überprüfung der verwendeten Handynummer deuten nach SPIEGEL-Informationen auf Ahmed T. hin, ein vor Jahren zum IS ausgereister Dschihadist aus Frankfurt am Main. Die Bundesanwaltschaft führt gegen ihn und Christian Emde ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Ob Emde und sein mutmaßlicher Komplize Ahmed T. noch am Leben sind, ist nicht bekannt.

Die beiden syrischen Geldabholer, deren Wohnungen die Polizei nun durchsuchte, bleiben vorerst auf freiem Fuß.

Im Video: Die brisante Liste - Deutsche IS-Rückkehrer? (SPIEGEL TV 2016)

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