Urteil gegen früheren Fußballprofi Metzelders Parallelwelt

Christoph Metzelder ist im Kinderpornografie-Prozess zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er wirkte erst selbstsicher, dann angefasst. Der Angeklagte habe »echte Reue gezeigt«, sagte die Richterin.
Christoph Metzelder im Amtsgericht Düsseldorf: »Ich möchte Sie hier im Saal stellvertretend für die Opfer von sexueller Gewalt um Vergebung bitten«

Christoph Metzelder im Amtsgericht Düsseldorf: »Ich möchte Sie hier im Saal stellvertretend für die Opfer von sexueller Gewalt um Vergebung bitten«

Foto: Federico Gambarini / dpa

Der Prozess dauert knapp vier Stunden, da nimmt Christoph Metzelder seine schwarze Maske ab, sortiert die handschriftlichen Notizen vor sich und legt ein Geständnis ab.

Er habe sich in »einer digitalen Parallelwelt« befunden, sagt er. Beim Wort »Schuld« bricht seine Stimme. »Neben der strafrechtlichen Bedeutung«, so Metzelder, »geht es hier um eine moralische Schuld.« Er sei sich bewusst, dass hinter jeder seiner Taten ein Verbrechen stehe: »Ich möchte Sie hier im Saal stellvertretend für die Opfer von sexueller Gewalt um Vergebung bitten.« Dann weint er.

Seit Anfang September 2019 ist das alte Leben des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Christoph Metzelder, 40, vorbei. Damals fuhren Ermittler zur Sportschule Hennef bei Bonn, wo er gerade einen Trainerlehrgang absolvierte. Sie nahmen sein Handy mit, durchsuchten sein Haus in Düsseldorf und seine Büroräume.

Seitdem stand ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum: Metzelder, der Vorzeigesportler, der sich viele Jahre lang für benachteiligte Schülerinnen und Schüler eingesetzt hatte, soll kinder- und jugendpornografisches Material besessen und weitergegeben haben. Am Donnerstag musste er sich dafür vor dem Amtsgericht Düsseldorf verantworten. Das Urteil am Ende: eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten, ausgesetzt zur Bewährung.

Er wirkt anfangs fast selbstsicher

Metzelder wirkt zunächst gefasst an diesem Tag, fast selbstsicher. Er kommt einige Minuten vor Prozessbeginn in den Saal, begrüßt seinen Verteidiger, Fäustchen gegen Fäustchen. Metzelder setzt sich, jede seiner Bewegungen wird von den Fotografen festgehalten. Als die Richterin in den Saal kommt, steht er auf und knöpft sich sein graues Sakko zu.

Schnell wird klar, dass er heute bereit ist, Fehler einzugestehen. Es vergingen rund 600 Tage, an denen er öffentlich zu den Anschuldigungen geschwiegen hat. Kurz nach Prozessbeginn ergreift er das Wort: »Ich äußere mich jetzt«, sagt Metzelder.

In seiner ersten Erklärung spricht er von seiner Fußballkarriere, von der Sportmarketingagentur, die er später gründete, und von seiner Stiftung. Er erzählt von den Auszeichnungen, die er für sein ehrenamtliches Engagement bekommen hat. Er sei »stolz« darauf gewesen, sagt Metzelder. Doch den Landesverdienstorden und das Bundesverdienstkreuz am Bande wolle er nun zurückgeben, unabhängig vom Ausgang des Prozesses.

Die Ehrungen, sagt er, würden »einen Anspruch an den Ordensträger« erheben, »der auch in die Zukunft gerichtet ist«. Er ist offenbar der Meinung, diesem Anspruch nicht gerecht geworden zu sein. Wie sein neues Leben aussieht, berichtet er auch: »Die Durchsuchung war eine Zäsur, beruflich und privat«, sagt er, »ich lebe seitdem zurückgezogen.«

Es geht um 297 Dateien

Als die Staatsanwältin Kathrin Radtke die Anklage verliest, blickt ihr Metzelder dabei fast 30 Minuten lang ins Gesicht. Es geht um 297 Dateien mit kinder- und jugendpornografischem Inhalt, die Ermittler auf seinem Handy gefunden haben sollen. Metzelder soll drei Frauen solche Dateien per WhatsApp geschickt haben, insgesamt 27 Bilder und zwei Videos.

Staatsanwältin Radtke beschreibt manche Bilder im Detail: Zu sehen seien »teilweise oder ganz entkleidete Jugendliche«, jünger als 14 Jahre. Ein Bild zeige ein Mädchen, jünger als 10 Jahre, das Oralverkehr ausführe. Auf einem weiteren sei »ein Kleinkind« zu sehen, dessen »Beine auseinandergedrückt« würden.

Metzelder macht sich Notizen, während Radtke vorliest. Dann äußert sich sein Verteidiger, Ulrich Sommer. Der Gesetzgeber meine, den Schutz von Kindern verbessern zu können, indem er den Umgang mit den beschriebenen Bildern kriminalisiere, sagt Sommer. Es hört sich an, als würde er davon nicht viel halten.

Die Öffentlichkeit sei im Umgang mit dieser Strafform »nicht geübt«, sagt der Verteidiger. Laien würden die entsprechenden Bilder als »schrecklich oder anstößig« bezeichnen. Dem Strafgesetzbuch gehe es aber nicht um Anstößigkeit. Das Strafrecht schütze Rechtsgüter, nicht Gefühle. Er, Sommer, gehe davon aus, dass diesem Anspruch vor Gericht Genüge getan werde. Seine Ausführungen sind ein Appell, weniger moralisierend, sondern nüchterner auf die Vorwürfe zu blicken.

Die Staatsanwaltschaft will keinen Deal

Es ist bemerkenswert, dass Metzelders Verteidiger dem Gericht offenbar sagen will, wie es seinen Job zu machen hat. Noch, so scheint es, gehen Metzelder und seine Anwälte davon aus, Handlungsspielraum zu haben. Um 10 Uhr legt Richterin Astrid Stammerjohann eine Pause ein. Es gibt ein Rechtsgespräch zwischen allen Seiten, es dauert zweieinhalb Stunden, doch die Staatsanwaltschaft will keine Verständigung. Also geht es weiter.

»Soll eine Einlassung erfolgen?«, fragt Richterin Stammerjohann. Verteidiger Sommer nickt, dann spricht Metzelder sein Geständnis in ein schwarzes Mikrofon: Ja, er habe auf frei zugänglichen Internetseiten inkriminierte Bilder gefunden und diese dann verschickt, sagt er. Metzelder redet davon, in Chats »Extremfantasien« ausgetauscht zu haben.

Vom selbstsicheren Auftreten ist in diesem Moment nicht mehr viel übrig. Metzelder wählt fragwürdige Formulierungen, spricht von der »Faszination des Unaussprechlichen«, vom »Reiz der Grenzüberschreitung«. Doch was genau soll an Bildern von missbrauchten Kindern faszinierend sein? Wo liegt der Reiz? Dazu sagt er nichts.

Er gesteht, sich 18 Dateien verschafft und weitergegeben zu haben. Manche verschickte er angeblich doppelt. In einschlägigen Foren oder im Darknet sei er nicht unterwegs gewesen. Übergriffe auf Kinder habe es nicht gegeben, so etwas sei auch nicht geplant gewesen.

Zuhörer und Journalisten müssen den Saal verlassen

Metzelder spricht in seinem Geständnis viel von sich selbst, kaum von den Kindern, die auf den Bildern und in den Videos zu sehen waren. Er wisse, dass er eine Wunde hinterlasse, die möglicherweise nie verheilen werde, sagt er. Damit werde er »für den Rest meines Lebens« zurechtkommen müssen.

Im Gerichtssaal werden die Bilder gezeigt, die Chatverläufe gelesen. Die Zuhörer und Journalisten müssen den Saal deswegen kurz verlassen. Bevor Stammerjohann die Beweisaufnahme schließt, äußert sich noch Heiko Klatt, Metzelders Medienanwalt. In den vergangenen Monaten habe die Presse durch ihre Artikel die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten verletzt. Klatt spricht von einer »mittelalterlichen Hexenjagd«, Metzelder sei durch die Medien vorverurteilt worden. Das, sagt Klatt, solle das Gericht strafmindernd berücksichtigen.

In ihrem Urteil geht Stammerjohann später darauf ein. Metzelder müsse zwar ein öffentliches Interesse hinnehmen, das sei nun mal die Kehrseite seiner Berühmtheit, sagt sie. Andererseits erkenne sie auch »eine vorweggenommene Bestrafung«. Zudem mache Metzelder bereits eine Therapie. »Und er hat echte Reue gezeigt«, sagt die Richterin.

Sie verurteilt Metzelder zu zehn Monaten auf Bewährung, weil er einer anderen Person in 26 Fällen Besitz an kinderpornografischen Schriften verschafft und weil er selbst kinderpornografische Schriften besessen hat. Weisungen und Geldauflagen gibt es nicht für Metzelder.

Das Verfahren werde ihm »als Warnung dienen«, sagt Richterin Stammerjohann noch. Nach sieben Stunden verlässt Metzelder den Saal, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Er läuft vorbei an Dutzenden Kameras und Reportern, er will sich nicht zum Urteil äußern.