Chronologie Der Fall Pascal

Der Prozess um den 2001 verschwundenen Pascal aus Saarbrücken ist zu einem der aufwendigsten Verfahren der deutschen Rechtsgeschichte geworden. Etliche Hinweise, rund 150 Prozesstage, knapp 300 Zeugen und keine Spur von dem Jungen - eine Chronologie.


30. September 2001: Der damals fünfjährige Pascal verlässt die Wohnung seiner Eltern in Saarbrücken-Burbach und verschwindet spurlos. Die Suche nach dem Kind beginnt.

1. Oktober 2001: Das Landeskriminalamt (LKA) richtet eine "Soko Hütte" ein. Bis zum 5. Oktober 2001 durchkämmen mehr als hundert Beamte samt Hunden, Tauchern und einem Hubschrauber die Umgebung.

20. Oktober 2001: Die Staatsanwaltschaft übernimmt die Pressearbeit im Fall Pascal und erlässt eine Nachrichtensperre.

September 2002: Pascals Eltern setzen im Internet mehr als 20.000 Euro Belohnung für denjenigen aus, der Pascal lebend zurückbringt.

19. November 2002: Im Großraum Saarbrücken nimmt die Polizei unabhängig vom Fall Pascal vier mutmaßliche Kinderschänder fest. Sie stehen im Verdacht, einen inzwischen neunjährigen Jungen, Bernie M., mehrere Jahre lang sexuell missbraucht zu haben.

23. Februar 2003: Die Polizei geht davon aus, dass der Junge vermutlich Opfer eines Kinderschänderrings wurde und tot ist.

24. Februar 2003: Zwölf mutmaßliche Kinderschänder sind gefasst. Sie sollen am Missbrauch und der Tötung des Jungen beteiligt gewesen sein. Die Hinweise auf Pascals Schicksal ergeben sich aus den Berichten eines Spielkameraden, der im Alter von drei bis fünf Jahren sexuell missbraucht worden sein soll.

26. Februar 2003: Einige der Verdächtigen gestehen laut Polizei, Pascal missbraucht und ermordet zu haben. Es gebe übereinstimmende Aussagen, dass Pascal schon am 30. September 2001 getötet worden sei.

21. Juli 2003: Die Staatsanwaltschaft erhebt eine erste Anklage: Ein 49-Jähriger soll Pascal und andere Kinder von 1999 bis September 2001 in mindestens 17 Fällen missbraucht, aber nicht ermordet haben.

30. September 2003: Die Polizei nimmt einen 13. Verdächtigen fest.

12. Oktober 2003: Der 49-jährige Angeklagte wird vom Saarbrücker Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und in die Psychiatrie eingewiesen.

19. Februar 2004: Die Staatsanwaltschaft gibt das Ende der Ermittlungen und die Anklage gegen 13 Beschuldigte bekannt.

20. September 2004: Vor dem Landgericht beginnt der Prozess.

14. Juni 2005: Pascals Mutter stirbt, zwei Wochen später auch sein Vater.

18. Juni 2005: Die "Tosa"-Wirtin streitet vor Gericht alle Vorwürfe ab. Der 30. September 2001 sei "ein ganz normaler Tag" gewesen.

7. Oktober 2005: Einer der Angeklagte, ein 51-Jähriger, wird krank. Das Verfahren gegen ihn wird eingestellt.

10. Oktober 2005: Das Landgericht hebt die Haftbefehle gegen vier Angeklagte auf. Es bestehe kein dringender Tatverdacht mehr, heißt es in der Begründung.

3. April 2006: Auch ein 45-jähriger Angeklagter wird auf freien Fuß gesetzt.

12. Juni 2006: Das Gericht lässt die restlichen sechs Angeklagten aus der Untersuchungshaft frei. Es gebe erhebliche Zweifel an der Anklage.

31. August 2006: Die Hauptbelastungszeugin und Angeklagte Andrea M. widerruft alle ihre Aussagen zu Missbrauch und Mord an Pascal.

23. November 2006: Die Polizei sucht ergebnislos einen verwilderten Schrebergarten in Saarbrücken nach der Leiche von Pascal ab.

7. Dezember 2006: Im Prozess wird die Video-Aussage von Pascals Spielgefährten gezeigt. Der Junge schilderte 2002, wie er nacheinander von mehreren Männern vergewaltigt wurde.

10. Januar 2007: Ein Hauptangeklagter im Pascal-Prozess kommt wieder hinter Gitter. Der 44-Jährige wurde wegen Hausfriedensbruch, Körperverletzung und Diebstahls festgenommen. Laut Anklage hat er als Letzter Pascal vergewaltigt. Dabei sei der Junge getötet worden.

20. August 2007: Das Gericht schließt nach 143 Verhandlungstagen die Beweisaufnahme ab.

23. August 2007: Die Staatsanwaltschaft fordert für fünf Hauptangeklagte lebenslange Haft wegen Mordes sowie für sechs weitere Angeklagte mehrjährige Freiheitsstrafen. Im Fall eines Mannes plädiert die Anklage aus Mangel an Beweisen auf Freispruch.

27. und 29. August 2007: Die Verteidiger der zwölf Angeklagten fordern allesamt Freisprüche für ihre Mandanten.

31. August 2007: Drei der zwölf Angeklagten sprechen vor dem Landgericht ein Schlusswort. Einer der Hauptangeklagten bezeichnet dabei den Prozess als "Frechheit". Zudem sei es "ein Witz", was die Medien in der Berichterstattung aus ihm gemacht hätten.

7. September 2007: Knapp drei Jahre nach Beginn der Hauptverhandlung spricht das Landgericht die Angeklagten vom Mord- und Missbrauchsvorwurf frei.

ffr/dpa/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.