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24. Juli 2011, 16:47 Uhr

Chronologie des Doppelanschlags

Norwegens Schwarzer Freitag

Drei schicksalhafte Stunden, mehr als 90 Tote: Ein Doppelanschlag in Oslo und auf der Insel Utøya hat Norwegen traumatisiert. Die Polizei muss sich nun Kritik gefallen lassen - denn erst wurden offenbar Notrufe nicht beachtet, dann fehlte ein Boot. Die Ereignisse im Minutenprotokoll.

Oslo - Als jede Minute kostbar war, kam es zu schwerwiegenden Pannen bei der norwegischen Polizei: Der Beinaheuntergang eines Bootes und die Entscheidung, auf die Anti-Terror-Einheit aus Oslo zu warten, haben das Einschreiten der Sicherheitskräfte gegen das Massaker auf der norwegischen Insel Utøya verzögert. Ein im benachbarten Hønefoss angefordertes Polizeiboot habe sich für den Transport der Beamten als ungeeignet erwiesen, teilte die Polizei am Sonntag mit.

"Mit so vielen Menschen und Ausrüstung an Bord lief das Boot voll Wasser, und der Motor setzte aus", beschrieb Einsatzleiter Erik Berga die Polizeipanne am Freitag. Das erklärt, warum der 32 Jahre alte mutmaßliche Massenmörder Anders Behring Breivik nach neuesten Berechnungen der Polizei 60 Minuten lang Zeit hatte, um 86 Menschen kaltblütig zu erschießen. Zuvor hatte er nach dem derzeitigen Ermittlungsstand im Regierungsviertel von Oslo mit einer Bombe mehrere Menschen getötet.

Sie könne Kritiker verstehen, die den Sicherheitskräften ein zu langes Zögern vorwerfen, erklärte die Polizeichefin von Hönefoss, Sissel Hammer. "Ich bitte um Verständnis, dass es seine Zeit braucht, um eine Spezialeinheit in Marsch zu setzen", sagte Hammer. "Das Personal muss alarmiert werden, es muss Schutzkleidung anlegen, sich bewaffnen und sich dann zum Tatort aufmachen."

Ein Hubschrauber hätte zu lange gebraucht

Die "Delta" genannte Anti-Terror-Einheit legte die 45 Kilometer lange Strecke von Oslo nach Utøya im Auto zurück, was Oslos amtierender Polizeichef Sveinung Sponheim am Samstag so begründete: "Im Auto ging es schneller, ein Hubschrauberflug hätte zu lange gedauert." Der einzige zur Verfügung stehende Helikopter parkte auf dem rund 50 Kilometer südlich von Oslo gelegenen Flughafen Rygge.

Utøya liegt im Nordwesten der Hauptstadt. In der norwegischen Polizei wird seit langem kritisch angemerkt, dass es der "Delta"-Einheit an Transportmöglichkeiten mangelt. Bei ihrem Eintreffen griff die Spezialeinheit auf Boote von Freizeitkapitänen zurück, um nach Utøya übersetzen zu können, sagte Berga. Dort ergab sich Breivik den Elitepolizisten. Polizeikreisen zufolge wird nun in der Polizei heftig darüber diskutiert, ob die Ortskräfte nicht früher hätten eingreifen müssen.

Die erste Meldung über den Angriff des in eine Polizeiuniform gekleideten Rechtsextremisten ging nach einer offiziellen Übersicht um 17.27 Uhr bei der Polizei in Hönefoss ein - nach Angaben von Camp-Teilnehmern hat es aber schon vorher Versuche gegeben, einen Notruf abzusetzen.

Die ersten Beamten trafen gegen 17.52 Uhr am Bootssteg zur Überfahrt nach Utøya ein, mussten aber "auf ein zuverlässiges Boot warten". Die Sondereinheit erreichte den Anleger um 18.09 Uhr und brauchte 16 Minuten bis zur Insel. Zwei Minuten danach ließ sich Breivik widerstandslos festnehmen.

Die Chronologie der Ereignisse im Minutenprotokoll:

15.32 Uhr: Die norwegische Nachrichtenagentur NTB berichtet von einer heftigen Explosion im Regierungsviertel. Die etwa 600 Jugendlichen auf Utøya hören kurz darauf erste Nachrichten von dem Anschlag in der etwa 30 Kilometer entfernten Hauptstadt Oslo. Es ist der dritte Tag ihres Feriencamps.

15.58 Uhr: Das Kabinett erklärt, dass Ministerpräsident Jens Stoltenberg zum Zeitpunkt der Detonation nicht in seinem Büro war.

Gegen 16.30 Uhr: Die Jugendlichen empfangen auf ihren Smartphones Bilder des Anschlags in Oslo. Das Ausmaß der Katastrophe wird ihnen bewusst, viele versammeln sich in einem Gebäude und diskutieren darüber. "Wir trösteten uns damit, dass wir auf unserer Insel wenigstens in Sicherheit seien", schreibt eine Camp-Teilnehmerin am nächsten Tag in ihrem Blog.

16.45 Uhr: Der Radiosender NRK meldet mindestens ein Todesopfer durch die Explosion in Oslo.

Gegen 17 Uhr: Ein Mann in Polizeiuniform erreicht mit einem kleinen Boot die Insel Utøya. Er trägt sichtbar zwei Waffen, was in Norwegen ungewöhnlich ist. Zunächst erklärt er, er sei zum Schutze der Jugendlichen gekommen, dann beginnt er plötzlich zu schießen.

17.10 Uhr: Die Polizei bestätigt, dass in Oslo eine Bombe explodiert sei.

Jugendliche, die sich in der Mitte der Insel Utøya versammelt haben, hören vom Ufer Lärm. Zunächst vermuten sie, es handle sich um explodierende Ballons. Als ihnen klar wird, dass geschossen wird, bricht Chaos aus. Mehrere Jugendliche rufen eine Notrufnummer an. Dort wird ihnen jedoch erklärt, sie sollten die Leitung nicht blockieren, falls ihr Anruf nicht mit dem Anschlag in Oslo zu tun habe.

17.15 Uhr: Laut Augenzeugen erreicht der Täter das Gelände, auf dem die Zelte stehen, geht diese systematisch ab und schießt aus kurzer Distanz auf jeden, den er dort vorfindet.

17.20 Uhr: Eine Gruppe versteckt sich in einer dunklen Ecke in einem der wenigen Gebäude auf der Insel.

17.25 Uhr: Als die Schüsse näher kommen, fliehen die Jugendlichen durch ein Fenster. Einige von ihnen schreiben Textnachrichten an ihre Eltern.

17.27 Uhr: Zeitpunkt des ersten Notrufs an die norwegische Polizei (laut Angaben der Behörde).

17.30 Uhr: Die Jugendlichen fliehen in Richtung der Ufer, einige springen ins kalte Wasser, um sich schwimmend in Sicherheit zu bringen. Der Täter schießt auf alles, was sich bewegt. Ein Mädchen berichtet, wie sie auf dem Körper einer toten Kameradin liegt und dabei versucht, sich möglichst still zu verhalten.

17.38 Uhr: Eine Sondereinheit der Polizei bricht von Oslo nach Utøya auf. Die Einsatzleitung entscheidet, über Land zu fahren, da ein Hubschrauber offenbar nicht unmittelbar einsatzbereit ist.

17.45 Uhr: Der Besitzer eines gegenüber der Insel gelegenen Campingplatzes hört eigenen Angaben zufolge seit mehr als einer halben Stunde Schussgeräusche. Doch erst jetzt wird ihm klar, dass sich auf der Insel etwas Schreckliches abspielen muss. Erste Überlebende erreichen schwimmend das etwa 600 Meter von Utøya entfernte Ufer. Sie berichten, dass andere noch im Wasser angeschossen wurden und vermutlich ertrinken würden. Der Besitzer des Campingplatzes und einige Urlauber fahren mit mehreren kleinen Booten in Richtung der Insel, um Überlebende zu retten.

17.52 Uhr: Erste Polizisten erreichen das Gebiet, da sie aber kein eigenes Boot haben, müssen sie zunächst warten.

17.57 Uhr: In Oslo tritt Ministerpräsident Stoltenberg vor die Kameras und spricht von einer "ernsten Situation".

18.00 Uhr: Vier Jugendliche, die offenbar noch nicht wissen, dass der Polizist auf Utøya in Wahrheit keiner ist, rennen ihm Schutz suchend entgegen. Alle vier werden erschossen. Andere sehen dies aus ihren Verstecken, ohne eingreifen zu können.

18.09 Uhr: Die Sondereinheit der Polizei aus Oslo erreicht das Gebiet gegenüber der Insel Utøya.

Der Täter wird gestellt

18.25 Uhr: Die Polizei erreicht die Insel. Zunächst weiß sie nicht, wie viele Attentäter sich dort befinden. Viele der Jugendlichen bleiben aus Angst zunächst weiter in ihren Verstecken. Nach wenigen Minuten wird der 32-jährige Täter gestellt - laut Polizeiprotokoll um 18.27 Uhr, früheren Angaben zufolge gegen 18.35 Uhr. Der Mann ergibt sich ohne Gegenwehr und wird festgenommen. Die kleinen Boote, die zur Rettung der Jugendlichen losgefahren waren, sind teilweise zu voll, um weitere Menschen aufzunehmen.

19 Uhr: Noch immer werden Überlebende aus dem Wasser gerettet. Auf der Insel wagen es einige der Jugendlichen noch immer nicht, aus ihren Verstecken hervorzukommen. "Ich wusste nicht, ob ich ihnen trauen konnte", sagt eine der Überlebenden über die Insassen der Boote. "Ich wusste nicht, wem ich überhaupt noch trauen konnte."

19.38 Uhr: Die Explosion im Regierungsviertel von Oslo hat laut Polizeiangaben sieben Todesopfer und zwei Schwerverletzte gefordert.

19.54 Uhr: Die Polizei gibt bekannt, dass sie an einen Zusammenhang zwischen beiden Anschlägen glaubt.

21.01 Uhr: Der auf Utøya festgenommene Verdächtige steckt laut den Ermittlern vermutlich auch hinter der Explosion in Oslo.

21.35 Uhr: Mindestens zehn Todesopfer habe es bei der Schießerei auf der Insel gegeben, meldet die Polizei.

22.45 Uhr: Der mutmaßliche Täter ist ein 32-jähriger Norweger, wie die Polizei erklärt.

Samstag, 23. Juli:

4.04 Uhr: Die Polizei korrigiert die Zahl der Todesopfer bei dem Angriff auf Utøya deutlich nach oben: Demnach kamen mindestens 80 Menschen ums Leben.

8.12 Uhr: Ministerpräsident Stoltenberg spricht von einer "nationalen Tragödie" und dem schwersten Verbrechen in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg.

16.02 Uhr: Die Opferbilanz beider Anschläge wird auf 92 heraufgesetzt (am Sonntag wird sie auf 93 erhöht).

18.25 Uhr: Die Polizei teilt mit, dass der Tatverdächtige ein erstes Geständnis abgelegt hat.

sto/dapd/AFP/Reuters

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