CIA-Geheimgefängnisse Die Liste der Geister-Gefangenen

Verschleppt, vermisst, verschwunden: In einem neuen Bericht nennen Menschenrechtsorganisationen die Namen von 39 Terrorverdächtigen, deren Verbleib ungeklärt ist. Sie sollen in Geheimgefängnissen der USA festgehalten worden sein. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Aufstellung der Verschollenen.

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London - Der Titel ist ebenso lakonisch wie geheimnisvoll: "Off the record" ("inoffiziell", "vertraulich") heißt das 21 Seiten starke Dokument, das sechs Menschenrechtsorganisationen, darunter Amnesty International und Human Rights Watch, heute veröffentlicht haben. Erst im Untertitel folgt, worum es wirklich geht, nämlich um die "US-Verantwortlichkeit für vollstrecktes Verschwinden im 'Krieg gegen den Terror'", wie es dort heißt.

Der Inhalt des Papiers ist, sollte er zutreffen, alarmierend. Demnach fehlt von mindestens 38 Männern und einer Frau, die in US-Geheimgefängnissen festgehalten wurden oder werden, jede Spur. "Diese Personen sind seit Jahren verschwunden, und es gibt Hinweise, dass sie in US-Gefangenschaft waren. Wo sind sie, und was ist mit ihnen geschehen?", fragt Clive Stafford Smith von der Menschenrechtsgruppe Reprieve und fügt hinzu: "Es wird Zeit für die US-Regierung auszupacken."


Diese Personen sind verschwunden -
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Unter den "Geister-Gefangenen", die im "Krieg gegen den Terror" gemacht worden sein sollen, sind dem Bericht zufolge Staatsbürger aus Spanien, Ägypten, Kenia, Libyen, Marokko und Pakistan. Sie seien unter anderem in Iran, im Irak oder in Pakistan festgenommen und in geheime US-Gefängnisse verschleppt worden, heißt es in dem Dokument. "Wir wollen wissen, wo diese 39 Menschen jetzt sind", fordert Joanne Mariner von Human Rights Watch. "Wir fürchten, dass sie in Länder überstellt wurden, in denen ihnen weitere Geheimhaft oder Misshandlung droht."

Für den "umfassendsten Bericht" über Terror-Häftlinge, für deren Verschwinden die USA verantwortlich gemacht werden, werteten die Organisationen Informationen aus Medien und von Regierungsstellen aus sowie Aussagen ehemaliger Gefangener und anderer Zeugen. Einer derer, dessen Erfahrungen in die Dokumentation eingeflossen sind, ist der ehemalige palästinensische Häftling Marwan Jabour.

Er behauptet, im Mai 2004 von pakistanischen Behörden festgenommen und mehr als zwei Jahre lang in einem geheimen Gefängnis festgehalten und schwer misshandelt worden zu sein. Er sei an die Wand gekettet gewesen und habe nicht mehr als wenige Stunden am Stück schlafen dürfen. Auch sei er zuvor gefoltert worden. Laut Jabour befinden sich noch immer Personen in den Hafträumen des amerikanischen Geheimdienstes - an unbekannten Orten.

Die Verfasser des Berichts räumten jedoch ein, dass die Informationen über die vermissten Gefangenen in einigen Fällen lückenhaft seien. Einige Namen seien der Liste hinzugefügt worden, weil Jabour sie auf Fotos erkannt habe. Andere seien nur an ihrem Vor- oder Nachnamen identifiziert worden. So wurde dem Bericht zufolge der Häftling "al-Rabbaia" deshalb aufgenommen, weil sich ein anderer Gefangener daran erinnert hatte, diesen Namen auf einer Zellenwand gesehen zu haben. Die Informationen über 21 Betroffene stammten aber aus zwei oder mehr Quellen, sagte eine Sprecherin von Amnesty International. Die US-Regierung hat eingeräumt, drei der 39 Männer tatsächlich einmal gefangen gehalten zu haben.

Die Initiatoren des Berichts - beteiligt waren Amnesty International, Human Rights Watch, Cageprisoners, Reprieve, das Zentrum für Verfassungsrechte (CCR) und das Zentrum für Menschenrechte und globale Gerechtigkeit an der Universität New York (CHRGJ) - fordern die US-Regierung auf, das Schicksal aller Betroffenen aufzuklären und ihre Geheimgefängnisse sofort zu schließen. Es gebe Hinweise, dass das System trotz gegenteiliger Aussagen des Präsidenten noch immer fortbestehe, kritisieren die Menschenrechtler.

US-Präsident George W. Bush hatte im September vergangenen Jahres die Existenz von geheimen CIA-Gefängnissen im "Krieg gegen den Terror" eingeräumt. Er verteidigte sie, betonte aber, dass sie inzwischen nicht mehr genutzt würden. Die 14 Terrorverdächtigen, die von den USA an solchen Orten zwischenzeitlich festgehalten worden seien, habe man nach Guantanamo überstellt, sagte Bush damals. Er hatte sich jedoch vorbehalten, auch in Zukunft Terrorverdächtige in Geheim-Gefängnissen zu verbringen.

Ein Sprecher der CIA äußerte sich jetzt gegenüber dem "Miami Herald" zu dem neuen Bericht. Es gebe Ungenauigkeiten in der Darstellung, sagte Paul Gimigliano: "Die reine Wahrheit ist, dass wir uns strikt an amerikanische Gesetze halten. Unsere Anti-Terror-Maßnahmen, die sorgfältig überprüft und beaufsichtigt werden, waren sehr erfolgreich darin, Menschenleben zu retten."

Die Verfasser des Berichts sind sich da nicht so sicher und verweisen auf das Schicksal zweier Kinder des mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge vom 11. September 2001, Chalid Scheich Mohammed. Die Jungen seien in Pakistan in Gewahrsam genommen und nach der Festnahme ihres Vaters einige Monate später den US-Ermittlern übergeben worden, heißt es in dem Dokument unter Berufung auf Augenzeugen. Die Jungen seien damals sieben und neun Jahre alt gewesen.



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