Clankriminalität in Hameln Der Tod des Mohamed S. und seine Folgen

Als ein Mitglied der Großfamilie S. aus dem siebten Stock des Hamelner Polizeigebäudes stürzt und stirbt, eskaliert die Gewalt. Auszug aus dem SPIEGEL-Buch "Die Macht der Clans".
Krankenhaus in Hameln (Archivbild): "Was in diesen drei Stunden passiert, heißt auf Polizeideutsch 'Tumultdelikt'"

Krankenhaus in Hameln (Archivbild): "Was in diesen drei Stunden passiert, heißt auf Polizeideutsch 'Tumultdelikt'"

Foto: Ulrich Behmann / DWZ / dpa

Dieser Text ist ein gekürztes und bearbeitetes Kapitel aus dem SPIEGEL-Buch "Die Macht der Clans", das am 5. Oktober bei der DVA erschienen ist.

Der Fall, der als "Fenstersturz von Hameln" in die Kriminalgeschichte eingeht, beginnt in einem Dorf. Gegen 21.30 Uhr am 13. Januar 2015 stürmt ein Mann in einer Halloween-Maske die Tankstelle von Aerzen und bedroht die Kassiererin. Er raubt Bargeld und Zigaretten und flieht in einem Auto. Unter der Verkleidung steckt der 26-jährige Mohamed S., Mitglied einer arabischen Großfamilie aus dem elf Kilometer entfernten Hameln.

Die Polizei verhaftet ihn zwei Stunden später in einer Spielhalle. Unter einem Busch finden die Beamten eine Tüte mit der Beute, die Maske und eine Luftdruckpistole.

Anzeige
Heise, Thomas, Meyer-Heuer, Claas

Die Macht der Clans: Arabische Großfamilien und ihre kriminellen Imperien - Ein SPIEGEL-Buch

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Seitenzahl: 352
Für 20,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Mit dem Verdächtigen auf dem Rücksitz fahren die Polizisten zurück zum Polizeigebäude. Gegen 23.10 Uhr stoppt der Streifenwagen vor dem Rolltor zum Hof. Mohamed S. gelingt es, das Fenster herunterzukurbeln und nach seinem Bruder Ibrahim S. zu rufen, der vor der Wache schon auf ihn wartet. Obwohl seine Hände gefesselt sind, will er sich aus dem Auto schlängeln. Der neben ihm sitzende Polizist packt ihn am Hals und verhindert die Flucht.

Sofort ist der Bruder zur Stelle, reißt die Tür auf und versucht Mohamed S. ins Freie zu zerren. Die Gefangenenbefreiung misslingt, weil andere Beamte herbeieilen und den Bruder zu Boden ringen.

Beide Brüder landen im Keller des Gebäudes in einer Zelle. Mohamed und Ibrahim sind die kriminellsten Mitglieder der Großfamilie S. Die Eltern sind 1988 aus dem Libanon nach Deutschland eingereist. Ibrahim und Mohamed sind in Hameln geboren. Ihre Staatsangehörigkeit ist offiziell "ungeklärt." Die Männer besitzen eine "Fiktionsbescheinigung": In der komplizierten Welt des Ausländerrechts ist das eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung. Die Männer sind quasi auf Probe im Land.

Ausprobiert haben sie sich vor allem im Strafrecht. Sie sind Stammkunden beim Fachkommissariat 2 der Kriminalpolizei. Diese Abteilung jagt Einbrecher und Räuber. Fast jeder Beamte hat schon mal die Wohnungen der Brüder oder das Geschäft des Onkels nach Diebesgut durchsucht. Mittlerweile kennt man sich. Hameln hat nur 57.000 Einwohner.

Am nächsten Morgen wird Ibrahim S. entlassen. Für Mohamed S. öffnet sich die Zelle erst kurz vor 14 Uhr. Ein Oberkommissar fesselt seine Hände vor dem Körper. Ein Detail, das später noch wichtig wird. Hätte er sich gewehrt oder wäre er aggressiv gewesen, wären seine Hände auf dem Rücken fixiert worden. Gegen 14 Uhr erreichen zwei Kripobeamte mit S. das Amtsgericht. Im siebten Stock des Waschbetonhochhauses soll die Richterin M. entscheiden, ob der 26-Jährige in die Untersuchungshaft überstellt wird oder gegen Auflagen nach Hause darf.

Vor dem Hochhaus warten bereits zehn Angehörige des Clans auf Mohamed S.: drei Männer, vier Frauen und drei Kinder. Wortführer ist ein Onkel, der ebenfalls Ibrahim heißt, aber "Ibo" genannt wird. Den Polizisten ist die Situation nicht ganz geheuer. Was will die Familie hier am Gericht? Wollen sie den Räuber befreien? Sie rufen nach Unterstützung.

Jetzt weiterlesen mit SPIEGEL+

Jetzt weiterlesen. Mit dem passenden SPIEGEL-Abo.

Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen – von Reportern aus aller Welt. Jetzt testen.

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich.

  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App.

  • Einen Monat für 1,- € testen.

Einen Monat für 1,- €
Jetzt für 1,- € testen

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement? Hier anmelden

Weiterlesen mit SPIEGEL+

Mehr Perspektiven, mehr verstehen.

Freier Zugang zu allen Artikeln, Videos, Audioinhalten und Podcasts

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich

  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App

  • DER SPIEGEL zum Anhören und der werktägliche Podcast SPIEGEL Daily

  • Nur € 19,99 pro Monat, jederzeit kündbar

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement?

SPIEGEL+ wird über Ihren iTunes-Account abgewickelt und mit Kaufbestätigung bezahlt. 24 Stunden vor Ablauf verlängert sich das Abo automatisch um einen Monat zum Preis von zurzeit 19,99€. In den Einstellungen Ihres iTunes-Accounts können Sie das Abo jederzeit kündigen. Um SPIEGEL+ außerhalb dieser App zu nutzen, müssen Sie das Abo direkt nach dem Kauf mit einem SPIEGEL-ID-Konto verknüpfen. Mit dem Kauf akzeptieren Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.