Rassismus-Vorwürfe Tönnies, Wurst und Wahn

Sommermärchen 2019: Clemens Tönnies hat das Edelste in den Deutschen geweckt. Den Rassismus, über den sich so viele empören, schöpfen manche aus sich selbst. So viel Moral war selten.

Protest von Schalke-Fans gegen Clemens Tönnies
Axel Heimken/ DPA

Protest von Schalke-Fans gegen Clemens Tönnies

Eine Kolumne von


Clemens Tönnies hat beim Handwerkstag zu Paderborn (ohne Manuskript) gesagt: Wenn "wir in Deutschland" 27 Milliarden Euro ausgeben wollen, um 0,006 Prozent des Weltausstoßes an CO2 einzusparen, "warum gehen wir dann nicht her und geben das Geld ... unserem Entwicklungsminister? Der spendiert dann jedes Jahr 20 große Kraftwerke nach Afrika. Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren". Dieser - authentische - Wortlaut ist ein bisschen anders als der vielfach (angeblich wörtlich) zitierte. Wir kommen darauf zurück.

Seither tobt Entsetzen durchs Land. Fachleute für Rassismusbekämpfung wie zum Beispiel die Bundesministerin der Justiz, Politiker jeder Kompetenzstufe, Sterneköche, Chefredakteure, Künstler und Kommentatoren sowie alle anständigen Fußball-"Fans" sind sich sicher, dass Tönnies aus allen Ehrenämtern zu entfernen sei, weil er "die Bewohner eines ganzen Kontinents" beleidigt habe. Sogar der Jüdische Weltkongress zeigte sich erschüttert ("Jüdische Allgemeine", 4.8.).

Aus der deutschen Qualitätspresse schwappte ein Lavastrom edelster Empörung, als sei das Sommerloch 2019 die letzte Chance, Anschluss ans "Twitter"-Niveau zu halten. Vom "Kolonialherrn" ("Zeit") bis zur Geschwisterzahl des "Schalke-Bosses", vom tierquälenden Milliardär bis zum "neuen Level der Verrohung" ("Welt"), vom "Hackfleischskandal" bis zur Verleumdung des Schalke-Ehrenrats blieb kein Auge trocken ("Tagesspiegel": "Das Gremium war so befangen wie ein bestochener Schiedsrichter"). Die "FAZ" (10.8.) zählte die Stimmen besonders genau: 50 Prozent der Deutschen sind für Tönnies' Rücktritt, zwei Drittel dagegen. Zum Höhepunkt trieb sich Kolumnist Wagner in "Bild": Tönnies sei ein "Idiot", denn er habe behauptet, "dass Afrikaner nur nachts Kinder machen". Andere fügten (50 Jahre Woodstock!) ein bisschen sexuelle Libertinage hinzu: Der westfälische Spießer treibe es halt nur im Dunkeln. Selten so gelacht. Da sieht man, wie viel Tagesfreizeit ein deutscher Journalist hat, im Unterschied zur afrikanischen Bäuerin.

Danach hat Tönnies also unterstellt, die Anzahl der Kinder hänge vom Maß der Beleuchtung ab: "Die" in Afrika machen mehr Kinder als "wir in Deutschland", weil sie nachts keinen Strom haben. Das ist nun zwar energetisch und sexualsoziologisch unzutreffend, aber nicht rassistisch. Denn es bedeutet ja gerade nicht, dass man zu viele oder zu wenige Kinder macht, weil man Afrikaner oder Europäer ist, sondern weil und wenn man nicht "elektrifiziert" ist.

Empörung

Eine besonders perfide Duftnote steuerte der Hinweis von "Zeit-Online"-Autor Oliver Fritsch bei (7.8.), Tönnies sei "schweinereich". Zum Nachweis der Humorfähigkeit hätte es genügt, "tierisch reich" zu sagen. Wer "schweinereich" sagt, meint mehr: Da wird der Reichtum selbst "schweinisch", und der Reiche verwandelt sich im Lichtstrahl der Moral zum Schwein und Schlachttier. Dieselbe Redaktion jammert dann tags darauf wieder über die verrohte Hasskultur des Internetpöbels.

Sobald Tönnies wegen Rassismus erledigt ist, kann man sich wieder den üblichen Analysen zuwenden. Eine knappe Presse-Durchsicht bringt Anregungen: Die Inder sollten den blöden Kuh-Schutz abschaffen, die Han-Chinesen die Uiguren in Ruhe lassen und die Welt mit weniger Schrottprodukten überschwemmen. Die Russen sollten es unterlassen, den Baikalsee zu zerstören. Die Brasilianer haben schleunigst aufzuhören, unseren Regenwald am Amazonas zu fällen. Außerdem müssen sich die Amerikaner ihren typischen Waffenfetischismus abgewöhnen, die Kolumbianer und Mexikaner ihre mentalitätsbedingte Neigung zur Gewalt sowie die Inuit, Apachen und Sibirier das genetisch disponierte Saufen. Die Muslime sollten aufhören, ihre Frauen zu schikanieren, und die Asiaten bitte etwas reinlicher mit ihren Flüssen umgehen. Es kann doch nicht so schwer sein, sich wie ein zivilisierter Deutscher zu benehmen!

Der deutsche Fußball-"Fan" und Sportreporter ist von Herzen ein Antirassist, weshalb wir Deutschen, wie es einst Herr Momper formulierte, das glücklichste Volk der Welt sind. Man erkennt das an der Freude, mit der wir die deutschen Automobile mit den Symbolen des deutschen Glücks schmücken, wenn's zum Fußball geht, und an der Aufmerksamkeit, die wir den deutschen Nationalspielern beim Mitsingen der deutschen Nationalhymne widmen. Ein Halbtürke, der die deutsche Hymne nicht singt, hat in unserem Mittelfeld nichts zu suchen.

Überhaupt ist der Fußball in Deutschland seit jeher, also seit 2006, traditionell antirassistisch. Wir freuen uns über alle Spieler der Welt gleichermaßen: Über die Brasilianer, denen der Samba mit dem Ball im Blut liegt, über das typisch englische Draufhauen, das asiatische Gewusel der Koreaner, sogar über die südländische Schlitzohrigkeit der Italiener. Seit die Treter aus Uruguay und die Maschinenfußballer der Sowjetvölker sich ein bisschen an den eleganten deutschen Fußball angepasst haben, geht's auch da aufwärts. Der afrikanische Fußball ist uns ans Herz gewachsen. Denn wir lieben den echten, ursprünglichen Fußball, der aus den Herzen der kleinen Jungs in den Slums von Lagos kommt. Wo man keine goldenen Schuhe braucht, sondern die Lebensfreude und das unnachahmliche Körpergefühl der afrikanischen Jugend.

Handwerk

Es könnte nützlich sein, die Formulierung von Tönnies, bevor Betroffenheit und Entsetzen einen wegschwemmen, wenigstens kurz auf ihren Inhalt zu prüfen. Wichtig könnte dabei die in allen Zitierungen vorgenommene kleine Änderung von "die in Afrika" zu "Afrikaner" sein. Man muss da nämlich unterscheiden: "Afrika" ist als Wort ganz in Ordnung. Man könnte höchstens fragen, wer den Römern erlaubt hat, ihre Provinz so zu nennen. Aber wenn Amerika nach einem Skipper aus Florenz benannt ist, kann auch der südliche Kontinent mit einem römischen Namen leben. Wer "Afrika" sagt, muss also nicht zwingend AfD-Wähler sein. Afrika ist 85-mal so groß wie das glückliche Deutschland und 7,3-mal so groß wie die unglückliche Europäische Union. Man kennt es von Kluburlauben, und wenn es dunkel ist, betrachtet der Deutsche gern Dokumentarfilme über die Flora und vor allem die Fauna Afrikas, wo sie am allerschönsten und schützenswertesten sind. Über die Wanderung der Gnus durch die Serengeti und ihr tragisches Zusammentreffen mit den Krokodilen vom Mara-Fluss zum Beispiel weiß er mehr als über die Kälbermast in Niedersachsen. Viele deutsche Erkenntnisse über Afrika hören sich an, als sage ein Erdnussbauer aus Oklahoma, in Europa, einem Landstrich zwischen Lissabon und Krasnodar, gebe es wenige Bären und deshalb ausreichend Lachsfilet.

Der Begriff "Afrika" bewegt sich angenehm vage zwischen Casablanca, Kapstadt, Kairo und Accra. Der Begriff "Afrikaner" dagegen ist kommunikativ komplizierter. Wie uns "Bild" erläutert hat, ist sich "ganz Deutschland" sicher, dass Tönnies den Teil von Afrika beleidigt hat, in dem "Afrikaner" leben, die man rassistisch beleidigen kann. Das sind also Afrikaner in jenem höheren Sinn, der "Bild"-Redakteuren, Fußball-Ultras und Ministern spontan einfällt, wenn sie auf der Fahndung nach Rassisten sind. Da Herr Tönnies den Bedeutungsschritt vom Kontinent-Bewohner zur Afrikaner-Rasse gar nicht formuliert hat, müssen ihn seine Kritiker zunächst in sich selbst vernommen haben, bevor sie sich aufregten. Ist da etwa im deutschen Weltbürger ein neues N-Wort herangereift? Aus dem Blickwinkel des schlechten Gewissens jedenfalls ist der "Afrikaner" Salz in einer offenen Wunde.

Klima

Bevor wir das klären, müssen wir einen Blick auf den Inhalt des Paderborner Schreckens werfen. Denn Tönnies hat sich nach Ansicht der Experten auch eines Meinungsverbrechens am wichtigsten Anliegen überhaupt schuldig gemacht: Zwar hat er nicht das Schlimmste getan und "den Klimawandel bestritten", aber immerhin unzutreffende Behauptungen über die CO2- Bekämpfung aufgestellt. Und wenn der Deutsche von etwas Ahnung hat, dann von Fußball, Schweinezucht und Treibhauseffekt. Beim CO2 macht ihm, spätestens seit Autochef Scheuer und Greta die Sache in die Hand genommen haben, keiner was vor.

Man muss allerdings sagen: Das mit dem Baumfällen ist ziemlich richtig. Die Holzkohle-Wirtschaft der armen Bauern in der Subsahara ist ein Quell fortschreitenden Elends. Und Greenpeace, ein deutscher Lieblingsverein, geißelt den Holzraubbau in Afrika wie folgt:

"Neben den gerodeten Flächen leiden auch angrenzende Regionen unter den Folgen der Holzwirtschaft: Durch die Erschließung von früher unzugänglichen Gebieten haben Holz- und Minengesellschaften die Vernichtung von 85 Prozent des Waldes ermöglicht, der sich ehemals vom Senegal an der Westküste Zentralafrikas bis Uganda im Osten erstreckte…."

Das klingt, als sei es gut, etwas dagegen zu haben. Der Eindruck verstärkt sich, wenn man die Alarmberichte über das Treiben der Brasilianer am Amazonas liest (aktuell: "Zeit" vom 8.8.: "Drei Fußballfelder pro Minute"; und "SZ" vom 10.8.: "Schutzlos"). Es geht den Rettern auch dort "um die letzten Rückzugsorte einer einzigartigen Flora und Fauna", also um den lieben Wald, um die Wildbienen und die Baumfrösche und all die anderen seltenen Tiere, die von tapferen Kamerateams für uns aufgestöbert werden. Und um den wertvollen Genpool des Regenwalds, der die armen Menschen in Afrika und Südamerika immer gesünder macht und das pharmazeutische Handwerk am urwaldfreien Rhein immer reicher.

Kinder

Eine Frau in Mali bekommt 7,3 Kinder; und Bauern in Zentralafrika wünschen sich, da ihre Rente eher unsicher ist, vorsichtshalber 11,5 Kinder. Der "Aktionsplan Afrika" der Bundesregierung (März 2019) ist entschlossen, dem Teufelskreis von Armut, Überbevölkerung und Unterentwicklung entgegenzuwirken, zum Beispiel mit der schönen Maßnahme "Zugang des deutschen Handwerks zum afrikanischen Markt".

Die Subsahara ist dreimal so groß wie die EU und umfasst knapp 30 Staaten, von denen schon einzelne um ein Vielfaches größer sind als Deutschland. Etwa 40 Prozent der Menschen leben dort von weniger als 1,95 Dollar am Tag. Der derzeitige Bevölkerungszuwachs wird nach Prognosen der UN zu einem Anstieg der afrikanischen Gesamtbevölkerung von 1100 Millionen (davon 210 Millionen im Norden) auf 2500 Millionen im Jahr 2050 und auf 4400 Millionen im Jahr 2100 führen. Ein großer Teil der Schwangerschaften tritt ungewollt ein, denn hunderte Millionen Frauen haben nur eingeschränkten oder gar keinen Zugang zu Bildung, Selbstbestimmung und Verhütung. Zum Zusammenhang zwischen Landbevölkerung, Wirtschaft und Ernährung schreibt der Entwicklungsbericht der Bundesregierung 2015:

"Eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion mit den Anbau- und Verarbeitungs-Methoden der Gegenwart würde die Ressourceninanspruchnahme für Ernährung deutlich erhöhen und bis spätestens 2025 zu massiver Wasserknappheit in weiten Teilen Subsahara-Afrikas …führen. Auch die Austrocknung von Böden und die großflächige Zerstörung von Wäldern wären unvermeidbare Konsequenzen."

Schon heute ist bei der armen, ungebildeten Landbevölkerung die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur ein großes Problem, weil die extrem steigende Zahl junger Menschen von der Landwirtschaft nicht mehr leben kann, in den rasend wachsenden Städten aber ebenfalls keine Lebensperspektive findet. Die Armen in Afrika machen nicht viele Kinder, weil sie Afrikaner sind, sondern weil sie arm, ungebildet und hilflos sind.

Obwohl das bekannt ist, macht der deutsche Afrikanerfreund des Jahres 2019 im Wesentlichen, was schon seine Eltern und Großeltern gemacht haben: Er zerstört Ansätze ökonomischer Eigenständigkeit, vernichtet Lebensgrundlagen von Hunderten Millionen Bauern, beutet im Schutz korrupter Gewaltregime die Bodenschätze und sonstigen Ressourcen aus und sorgt dafür, dass die durch die Kolonisierung geschaffenen ethnischen, kulturellen, wirtschaftlichen und militärischen Konflikte bestehen bleiben. Zwecks Ablass spendet er einen winzigen Teil seines unermesslichen Reichtums für Hilfslieferungen, die zur weiteren Vertiefung der Abhängigkeit führen, und für gutgemeinte Projekte.

Wenn sich "die Afrikaner" trotz unserer Fürsorge auf den Weg nach Norden machen, darf man sie von libyschen Warlords in Lager sperren lassen, wo sie vor den Augen der Weltöffentlichkeit gefoltert und vergewaltigt werden. Und wenn sie es auf Kähne schaffen, darf man sie im Mittelmeer zu Tausenden ertrinken lassen, damit sie nicht durch ihr bloßes Überleben noch mehr anlocken. Man darf das alles mit ihnen machen, fast ohne sich zu schämen. Man muss sie dabei allerdings stets korrekt anreden, also "People of Color" zu ihnen sagen. Sonst schlagen die antirassistischen People of no Color unerbittlich zu.

Wahn

Etwa 98 Prozent aller Texte, die man zum Fall Tönnies lesen und hören durfte, befassten sich damit, ob die Äußerung des Unternehmers "rassistisch" gewesen sei, was angeblich die Mehrzahl der Deutschen für erwiesen hält. Von ihnen meinen wiederum die meisten, das sei schrecklich, eine doofe Minderheit freut sich, weil Tönnies die rassistische Wahrheit gesagt habe. Leider hat man aber vergessen zu erklären, was man mit dem Wort inhaltlich meint und wo genau der Rassismus in Tönnies' Satz denn eigentlich steckt. Man sollte also einmal fragen, ob sich neben selbsttragender Sprach-Erregung auch ein Inhalt finden lässt.

Für einen amtlichen "Rassismus" braucht man als Grundvoraussetzung auf jeden Fall eine "Rasse", zumindest eine eingebildete. Das schafft sogar das Grundgesetz, das in Artikel 3 Abs. 3 Satz 1 an den absurden Begriff anknüpft: "Niemand darf... wegen seiner Rasse benachteiligt werden." Ein schauriger Gruß aus der Vergangenheit, inzwischen selbst ein rassistisches Ärgernis. Bei Tönnies findet sich kein solcher Hinweis: "Die in Afrika" ist beim besten Willen keine "Rasse". Und falls man sprachlich korrekt "Ethnie" denkt, stößt man in Afrika auf hundert große und Tausende kleinere, mit etwa 2000 Sprachen.

Die Empörten mutmaßen in wundersamen sprachlichen Verrenkungen, dass Tönnies' Opfer da zu suchen sind, wo Holzfäller und Kinderkrieger wohnen und Kraftwerke fehlen. Aber laut und deutlich verraten sie selbst uns die diskriminierte "Rasse" nicht. Da Tönnies keine genannt hat, müssten sie sie nämlich selbst bestimmen. Und das wäre eine Offenbarung der eigenen Fantasie.

Hier kommt uns einmal mehr der "Rorschach-Test" in den Sinn und gerade recht. Das ist bekanntlich eine Untersuchung, bei welcher der Proband spiegelbildliche Zufallsbilder ('Klecksbilder") deutet. Der Sinn besteht nicht darin, eine "richtige Lösung" zu finden, sondern überhaupt eine Assoziation zu produzieren. Es kommt nämlich jeweils als "Erkennen" heraus, was im Kopf des Probanden schon drin war, angereichert mit bewussten und unbewussten Reaktionen auf die Befragungssituation, zum Beispiel der Vermutung darüber, welche Assoziation als "gut" und welche als "schlecht" angesehen werden könnte. Die Erkenntnis, dass es ungünstig sei, wenn man auf allen Rorschach-Tafeln immer nur kopulierende Schweine oder abgehackte Köpfe erkennt, hat sich bis auf die Humorseiten der Fernsehzeitschriften verbreitet.

Man kann nun, bildlich gesprochen, die Afrikaner-Äußerung von Herrn Tönnies als eine Rorschach-Tafel ansehen und die Empörung der Antirassisten als die von Patienten produzierte Deutung. Der bloße Wortlaut der Äußerung ist ja nicht mehr als ein "Klecks": Die Ansicht, Afrikaner sollten weniger Bäume fällen, könnte einem Gelsenkirchener Fußballfreund ja an sich egal sein und einer Viernheimer Justizministerin ebenfalls. Und zu sagen, Afrikaner sollten im Dunkeln weniger Kinder machen, ist zwar auch bei Licht betrachtet nicht katholisch, aber jedenfalls so lange nicht rassistisch, wie man das Ziel des Vorschlags nicht kennt.

Und das Ziel von Tönnies ergibt sich aus dem Zusammenhang: Er forderte nicht, die Zahl der Afrikaner solle wegen der Minderwertigkeit ihrer "Rasse" verringert werden, sondern schlug eine Maßnahme vor, die für sie zu einem besseren Lebensstandard und dadurch zu ökologisch sinnvollem Verhalten führen würde: Wer "elektrifiziert" ist, braucht - aller Zivilisationserfahrung nach - weniger Kinder und weniger Holz aus dem Wald. Der Vorschlag mag in der Sache so unzureichend sein wie die in Berlin produzierten Vorschläge zur Rettung des deutschen Autoverkehrs in den schneesicheren Skiurlaub. "Rassistisch" ist er dadurch nicht.

In einem Hörerkommentar des WDR2 las man am 7.8.:

"Ich empfinde die Aussage von Herrn Tönnies als rassistisch, weil sie verallgemeinernd aufgrund einer Ethnienzugehörigkeit ist. Einer Ethnie (Afrikaner) die noch nicht einmal existiert, weil es in Afrika Hunderte von Ethnien gibt. Die … Verallgemeinerung dieser vielen Ethnien zu "Afrikaner" ist ein weiterer Punkt von Rassismus (...) Die ... hohe Geburtenrate in afrikanischen Staaten (...) kommt nicht daher, dass die Leute Afrikaner sind, sondern weil sie in einem sozialen Umfeld leben, das sie dazu bringt. Das war im Europa früherer Jahrhunderte genauso, und hatte nichts damit zu tun, dass wir Europäer sind. Herr Tönnies ist also nicht nur Rassist, sondern hat auch keine Ahnung von Statistik."

Rührender kann man die Sinnzusammenhänge nicht in sich verdrehen und noch aus der Widerlegung der eigenen Argumente neues Feuer der Empörung gewinnen. Die Erkenntnis ist aber richtig: "Wir Europäer" machten früher viele Kinder, weil die sozialen Umstände danach waren. Bei armen Afrikanern sind sie heute so, was offenkundig weder "Afrika" noch den afrikanischen Kindern nützt. Dass dies mit der "Rasse" zusammenhänge, hat Tönnies nicht gesagt. Sondern das Gegenteil: Man solle "elektrifizieren" und so das soziale Umfeld verändern.

Unser Rorschach-Vergleich zeigt, dass der Rassismus, der bei Tönnies entdeckt wird, von den Empörten höchstselbst produziert und in die fremde Äußerung hineinprojiziert wird: Der triebhafte schwarze Mensch ist das selbsterfundene Tabu-Monster, das der deutsche Fußballfreund of no Color in Tönnies' Klecksbild erkennt. Davor fürchtet er sich sehr. Dieser Befund von der Wiener Couch scheint mir viel von der Aufregung zu erklären.

Zum Schluss noch eine Gegenprobe: Eine afrikanische Managerin sagt auf der Handwerksmesse in Nairobi: "Statt uns zu belehren, sollten die Europäer weniger Plastikmüll erzeugen und ihren Kindern weniger Autos kaufen". Muss die Frau wegen Rassismus aus allen Ämtern entfernt werden?

insgesamt 516 Beiträge
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Seite 1
turiman 15.08.2019
1. Die Krankheit: Rassismus
Es wäre töricht zu glauben es gäbe kein Rassismus, den gab es und wird es immer geben, es liegt halt in der Natur des Menschen, und wer glaubt es sei ein rein deutschen Problem der sieht sich arg getäuscht, den gibt es in Afrika, Asien halt überall! Aber wie jede Krankheit bricht sie halt mal aus, und zurzeit haben wir eine Epidemie, mit Erregen wie Trump, Salvini, Orban, AFD usw. usw.
oliver61 15.08.2019
2. Klasse!
Thomas Fischer begeistert! Er ist einer der ganz wenigen, die logisch und folgerichtig argumentieren können. Schade, daß sein Kommentar so spät kommt. Der gerechte Volkeszorn ist schon draußen. Herr Tönnies wird in den nächsten Jahren den Anfeindungen des rotgrünen Mobs ausgesetzt sein. Daran kann leider auch der gute Kommentar von Herrn Fischer nichts mehr ändern.
politvogel 15.08.2019
3. Die Länge des Textes
macht ihn nicht besser. Der Verfasser scheitert mit dem Versuch seiner "Relativitätstheorie". Es war ein rassistischer Auswurf des Großwildjägers und sein magerer Entschuldigungsversuch verdeutlicht das nur noch.
hatrecht 15.08.2019
4. Wow...
Brilliant analysiert und geschlussfolgert; insbesondere der Rorschach-Vergleich ist ungemein einleuchtend.
wo_st 15.08.2019
5. wunderschön, Danke
Ein absolut wunderschöner Artikel, den leider zu wenige lesen werden oder verstehen können.
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