"Colonia Dignidad" 20 Jahre Haft für Sektengründer Schäfer

Paul Schäfer, Ex-Chef der berüchtigten Deutschen-Siedlung "Colonia Dignidad" in Chile, muss für 20 Jahre ins Gefängnis. Der 84-Jährige wurde von einem chilenischen Gericht wegen Kindesmissbrauchs verurteilt.


Santiago de Chile - Der gebürtige Deutsche sei wegen des Missbrauchs von 25 Kindern schuldig gesprochen worden, teilte das zuständige chilenische Gericht heute mit. Außerdem muss er umgerechnet 1,22 Millionen Euro an elf der Kinder zahlen, deren Familien per Zivilklage gegen Schäfer vorgegangen waren.

Schäfer bei seiner Festnahme 2005: Missbrauch von 25 Kindern
DPA

Schäfer bei seiner Festnahme 2005: Missbrauch von 25 Kindern

Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Schäfer war im März vergangenen Jahres nach acht Jahren Flucht in Argentinien festgenommen und nach Chile ausgeliefert worden. Er war im Jahr 1996 untergetaucht, nachdem die Eltern der missbrauchten Kindern, in der Mehrzahl Bauern aus der Umgebung der "Colonia Dignidad", ihn angezeigt hatten. Schäfer ist derzeit in Santiago de Chile inhaftiert.

Schäfer wurde von einem Gericht im Bezirk Letras de Parral verurteilt. Der Bezirk befindet sich in der Bergregion, in der auch die von ihm gegründete Siedlung liegt.

Der aus Deutschland geflohene ehemalige Wehrmachtsgefreite hatte Anfang der 60er Jahre die sektenartig organisierte "Colonia Dignidad" rund 350 Kilometer südlich von Santiago mit 300 Getreuen gegründet. Die soziale Infrastruktur konnte sich in der Kolonie durchaus sehen lassen: Das Krankenhaus und die Schule durfte von armen Familien kostenlos in Anspruch genommen werden. In Verruf geriet die Colonia Dignidad vor allem aber während der Militärdiktatur Augusto Pinochets (1973-1990). Nach Aussagen von Zeugen wurden politische Gefangene auf das weiträumige Gelände der Deutschen-Kolonie verschleppt und dort zu Tode gefoltert. Schäfer und seine Gefolgsleute hatten diese Anschuldigungen immer dementiert und sie als Teil einer kommunistisch-inspirierten Verleumdungskampagne abgetan.

reh/AFP/AP



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