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20. April 2019, 17:53 Uhr

20 Jahre nach Columbine-Massaker

"Es ist nie wirklich vorbei"

Dieser Tag bleibt unvergessen: Vor 20 Jahren erschossen zwei Jugendliche an der Columbine High School 13 Menschen. Viele Schüler bekamen das Massaker damals hautnah mit. Wie geht es ihnen heute?

Am 20. April 1999 stürmten zwei Jugendliche in die Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado und richteten ein Massaker an. Sie erschossen zwölf Mitschüler, einen Lehrer und dann sich selbst. Weitere Menschen wurden verletzt, andere überlebten unbeschadet - äußerlich. Menschen wie Heather Martin, inzwischen 37 Jahre alt, lässt die Erinnerung aber bis heute nicht los.

"Ich habe mich damals zusammen mit anderen drei Stunden lang in einem Raum verbarrikadiert, der war in der Nähe der Bibliothek, wo der größte Teil der Schüsse abgegeben wurde", sagt sie. "Wir haben genau gehört, was da alles passierte, aber ich habe nichts davon gesehen. Deshalb habe ich über Jahre geglaubt, es sollte mir nicht so viel ausmachen, ich sollte damit klarkommen. Aber so ist es einfach nicht."

Im Juli 2012, 13 Jahre nach dem Amoklauf an ihrer High School, holte Martin das Erlebte wieder ein: Notfallsirenen ertönten, als sie an ihrem Wohnort in Colorado gerade mit dem Auto unterwegs war. Herzrasen, das Gehirn lief auf Hochtouren. Am Tag darauf erfuhr Martin aus den Nachrichten, dass ein Amokläufer ein Dutzend Menschen in einem Kino in der Nähe in Aurora erschossen hatte.

Martin versuchte bewusst, sich nicht näher mit den Details der Bluttat zu beschäftigen. Trotzdem: Die Gefühle von damals, der Kummer, die Angst, die Hilflosigkeit seien sofort wieder da gewesen, erzählt sie. Kurz danach habe sich dann eine andere Columbine-Überlebende, Jennifer Hammer, mit einer Idee an sie gewandt: Wie wäre es, wenn wir eine Selbsthilfe-Gruppe für Menschen gründen, die Amokläufe überlebt haben?

Martin sagt, sie habe ohne zu zögern sofort zugestimmt. So sei das "Rebels Project" entstanden - benannt nach dem Maskottchen der Columbine High School.

"Rebels Project": Wir brauchen immer noch Hilfe

Innerhalb von wenigen Tagen wurde das erste Treffen organisiert. Dutzende Menschen kamen, darunter etliche Überlebende des Massakers von Columbine. Viele seien in Tränen ausgebrochen, als sie ihre Geschichten erzählten, berichtet Martin. "Es wurde deutlich, dass wir 13 Jahre nach dem Amoklauf immer noch Unterstützung brauchten." Die Gruppe organisierte sich, um den Opfern von Aurora und vielen anderen zu helfen.

Der Fall Columbine hat sich als eines der schockierendsten Massaker mit Schusswaffen ins kollektive Bewusstsein der USA gebrannt. Es war und blieb jedoch nicht das einzige. Danach folgten viele weitere, die unendliches Leid hinterließen. Allein in den Jahren 2000 bis 2017 gab es laut FBI 250 Fälle in den Vereinigten Staaten, bei denen Täter um sich schossen. Fast 800 Menschen starben, mehr als 1400 wurden verletzt. Andere Statistiken weisen explizit Vorfälle an Schulen und Unis aus.

Zu den schlimmsten "School-Shootings" der jüngsten Zeit gehört der Amoklauf am 14. Februar 2018 an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Ein ehemaliger Schüler hatte dort 17 Menschen getötet. Das Entsetzen im Land war danach groß, die Trauer riesig, aber auch die Wut.

Parkland-Schüler starteten massive Proteste gegen die vergleichsweise laxen Waffengesetze in den USA - und befeuerten damit die seit Jahren währende Debatte um strengere Regeln im Land. Viele Menschen unterstützten die Jugendlichen, stießen aber auf massiven Widerstand von der Waffenlobby und Befürwortern des US-Waffenrechts. Wie schon so oft.

Kurz vor dem Jahrestag: Amok-Alarm in Columbine

Der Streit ist bis heute nicht beigelegt, das Thema lässt die Menschen in den USA nicht los. Kurz vor dem Jahrestag des Anschlags auf die Columbine High School fürchteten Behörden einen weiteren Angriff auf die Schule. Kurz darauf wurde eine verdächtige 18-Jährige tot in der Nähe von Denver, Colorado aufgefunden. Aber auch im Rest des Landes kommt es immer wieder zu Amok-Drohungen und "School-Shootings".

Wie viele Menschen nach solchen Angriffen körperlich unversehrt bleiben und danach dennoch massiv leiden, ist in Zahlen kaum zu erfassen. Vor allem für sie ist das "Rebels Project" gedacht. Bestimmt tausend Überlebende von Massakern hätten sich bisher an die Non-Profit-Organisation gewandt, sagen die Initiatoren. Die Betroffenen wollen sich damit selbst helfen - und anderen.

Einmal im Jahr treffen sich Überlebende für ein Wochenende, um Techniken zu lernen, die ihnen helfen, ihr Trauma zu verarbeiten und vor allem: um sich gegenseitig auszutauschen. Es sind Menschen, die sich verstehen, weil sie das Gleiche durchgemacht haben. Die gleiche unbändige Angst. Den Verlust. Die Zerstörung. Die andauernde Traumatisierung und überwältigende Trauer. Die vielen Begräbnisse und Gedenkveranstaltungen.

Parkland-Schüler: Weniger allein gefühlt

So stieß im Juli vergangenen Jahres die Columbine-Überlebende Michelle Wheeler auf Chad Williams, der den Amoklauf in Parkland überlebte. Sein bester Freund dagegen starb. Nach dem Gespräch mit Wheeler habe er sich weniger allein gefühlt, sagt Williams, 19. "Ich hatte im vergangenen Jahr das Gefühl, meine Welt stürzt völlig in sich zusammen", sagt er.

"Nur allein die Geschichten anderer Menschen zu hören, die Ähnliches durchgemacht haben, zu hören, wie sie irgendwann besser damit klargekommen sind, hat dazu geführt, dass es mir ein wenig besser geht."

Neben den jährlichen Treffen veranstaltet das "Rebels Projekt" monatlich Gruppenabende in Colorado, wo Betroffene Unterstützung finden. Zusätzlich tauschen sich Betroffene in einer privaten Facebook-Gruppe aus. Und Überlebende gehen in Schulen und andere Einrichtungen, um über das Projekt zu erzählen. Und über ihre Erfahrungen.

Die Finanzierung all dieser Aktivitäten sei oft schwierig und an Gelder von staatlichen Stellen nur schwer heranzukommen, sagen die Organisatoren, aber immerhin würden weiter leidende Menschen den Weg zu ihnen finden. So wie Sherrie Lawson.

Angst im Supermarkt

Mitten in der Nacht, gegen 3 Uhr morgens, sei sie mal wieder von Albträumen geweckt worden, habe nicht mehr schlafen können - und im Internet nach Hilfe bei ihren Problemen gegoogelt, sagt Lawson. Sie hatte erlebt, wie ein Amokläufer in Washington am 16. September 2013 um sich geschossen hatte.

Monate später litt die Frau immer noch unter dem Erlebten - und stieß auf wenig Verständnis in ihrem Umfeld. Sherrie Lawson erzählt: "Selbst meine Freunde meinten, das Ganze sei ja schon eine Weile vorbei, ich solle doch kein Problem mehr damit haben", sagt sie. Dabei habe sie schon damit zu kämpfen gehabt, ihren normalen Alltag zu bewältigen. Sie war voller Angst, wenn sie im Supermarkt einkaufen ging und zwischen den Gängen mit den hohen Regalen den Ausgang nicht sehen konnte.

Erst im "Rebels Project" fand Lawson Menschen, die ihr klarmachten: Es ist normal, Monate oder sogar Jahre unter dem Erlebten zu leiden, egal, was Unbeteiligte sagen.

"Bei einer Traumatisierung geht es nicht um einen Wettbewerb. Du brauchst sie nicht mit der Traumatisierung anderer Menschen zu vergleichen. Es ist deine", so fasst es Heather Martin zusammen.

Der Heilungsprozess ist "nie wirklich vorbei"

"Menschen können bei einem Massaker auf ganz verschiedene Weise traumatisiert werden und danach unterschiedlich stark leiden, selbst wenn sie selbst nicht unmittelbar Opfer der Gewalt geworden sind", bestätigt Erika Felix, Psychologie-Professorin an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara. "So ein Erlebnis erschüttert den Glauben daran, in einer sicheren Umgebung zu leben."

Es ist diese Botschaft, die Heather Martin nun weitergibt, beispielsweise an die zwei Schülerinnen der Stoneman Douglas High School, die sie für ihre Schülerzeitung interviewen. Jedes Jahr im April sei sie wieder reizbar, weinerlich und leicht aufbrausend, sagt die 37-Jährige. Der Heilungsprozess ist "nie wirklich vorbei".

fok/Reuters

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