Pharmaskandal Conterganstiftung will 58 Opfern lebenslange Entschädigung streichen

Seit Jahrzehnten erhalten Betroffene des Contergan-Skandals monatlich eine Entschädigung. Nach Informationen von SPIEGEL, NDR und SWR will die zuständige Stiftung diese Zahlungen nun für Dutzende Opfer einstellen.

Pharmaunternehmen Grünenthal: "Keine Veranlassung, an dieser Bewertung zu zweifeln"
Henning Kaiser/ DPA

Pharmaunternehmen Grünenthal: "Keine Veranlassung, an dieser Bewertung zu zweifeln"


Die Conterganstiftung will 58 brasilianischen Opfern der Pharmafirma Grünenthal die lebenslangen Entschädigungszahlungen streichen.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 49/2019
Warum alle Welt ihn bis heute vergöttert

Das geht aus einem Brief hervor, den die Stiftung Mitte Oktober an die Betroffenen verschickte. Nach Informationen von SPIEGEL, NDR und SWR verkündet die Stiftung darin, dass sie die Anerkennungsbescheide "mit Wirkung für die Zukunft zu widerrufen" beabsichtige. Zudem werde "die sofortige Vollziehung" angeordnet.

In all diesen Fällen haben die Mütter der Betroffenen in der Frühphase ihrer Schwangerschaft das Medikament Sedalis eingenommen, das den verhängnisvollen Wirkstoff Thalidomid enthielt. Der Wirkstoff stammte von der deutschen Firma Chemie Grünenthal GmbH, dem Hersteller des Skandalmedikaments Contergan.

Die Conterganstiftung begründet ihr Vorgehen damit, dass Sedalis kein Präparat der Grünenthal GmbH sei, sondern ein Medikament, "welches durch einen Lizenznehmer in eigener Verantwortung hergestellt und vertrieben wurde". Die Conterganstiftung sei nicht für die Entschädigungen zuständig. Die Betroffenen aus Brasilien waren vor teilweise mehr als 45 Jahren als Entschädigungsberechtigte anerkannt worden, weil die Conterganstiftung das Schlafmittel Sedalis als Grünenthal-Präparat bewertete.

130 Millionen Euro an Renten - in einem Jahr

Die Firma Grünenthal distanzierte sich auf Nachfrage von SPIEGEL, NDR und SWR nun von der neuen Aussage der Conterganstiftung, Sedalis sei kein Medikament von Grünenthal. Der Pharmakonzern erklärte, "mit solchem Vorgehen nicht einverstanden" zu sein: "Die Conterganstiftung hat durch ihre verantwortlichen Gremien vor beinahe 50 Jahren in Kenntnis der Umstände entschieden, dass Sedalis ein Produkt war, das unter das Conterganstiftungsgesetz fällt." Grünenthal sehe "keine Veranlassung, an dieser Bewertung zu zweifeln".

Das Familienministerium als Aufsichtsbehörde erklärte, die Stiftung habe aus eigenem Entschluss die Schreiben verschickt. Das Ministerium habe vom Inhalt keine Kenntnis gehabt. Derzeit gibt es weltweit 2584 Thalidomid-Geschädigte, die monatliche Renten von rund 700 bis 8000 Euro erhalten. Die Summe dieser Renten belief sich im vorigen Jahr auf fast 130 Millionen Euro, weitere 27 Millionen Euro schüttete die Stiftung für Pauschalen aus.

Die Summe der Entschädigungszahlungen, die vom deutschen Staat über die Stiftung an die brasilianischen Opfer bezahlt wird, belief sich im Jahr 2018 auf rund 2,8 Millionen Euro.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht und welche Geschichten Sie bei SPIEGEL+ finden, erfahren Sie auch in unserem kostenlosen Politik-Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von den politischen Köpfen der Redaktion.

rab/nna/wul



insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
1848 29.11.2019
1. Genau so ...............
Solche Unternehmensnetzwerke streiten mit Pädophilenringen um die Poolposition bei der ethisch-verwahrlosten Rallye ...
Freiheit für Europa 29.11.2019
2. enorme Wichtigkeit von Tierversuchen
Aus dem damaligen Skandal konnte man lernen, wie unethisch es ist, auf die richtigen Tierversuche zu verzichten. Dadurch und seitdem haben sich die Standarts verbessert, den Menschen vor solchen Gefahren nicht ausreichender Tests vor der Zulassung von Medikamenten zu schützen. Die Leidtragenden haben letztlich sehr zur Sicherheit nachfolgender Medikamente beigetragen und sollten natürlich weiterhin von irgendwem entschädigt werden, notfalls halt vom Brasilianischen Staat, wenn die deutsche Firma garnicht das Medikament für die Brasilianerinnen hergestellt hat.
Rubikon_2016 29.11.2019
3. Wieso zahlt der deutsche Staat, also wir?
Das leuchtet mir nicht ein, diese Kosten müssen doch vom Verursacher übernommen werden?
loboloco 29.11.2019
4. "lebensunwertes Leben"
Ist doch wohl klar, wer da Gelder umleiten möchte ...!
fottesfott 29.11.2019
5. Ich war relativ langjährig im Schwesterunternehmen
von Grünenthal beschäftigt. Die Inhaberfamilie Wirtz hat sich mit der Aufarbeitung des Contergan-Skandals auch nicht immer leicht getan. Sich aber letztlich immer halbwegs verantwortungsvoll und ehrenhaft gegenüber den Opfern verhalten. Das letzte Mitglied der Inhaberfamilie ist wohl Anfang 2019 aus dem Unternehmen ausgeschieden, vermutlich durch den Restvorstand weggemobbt. Und dessen Verhalten ist wie man liest schlicht schäbig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.