Berlin und Bayern Razzien wegen Corona-Selbsttests aus dem Internet

Eine Firma bot im Internet überteuerte Corona-Tests für zu Hause an. Nun hat es nach SPIEGEL-Informationen Hausdurchsuchungen gegeben. Das Angebot ist zurzeit nicht mehr verfügbar.
Ex-Playmate Jessica Czakon (Archiv)

Ex-Playmate Jessica Czakon (Archiv)

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Die Zentralstelle Cybercrime Bayern ermittelt wegen der Website Corona-testen.com. Das bestätigte ein Sprecher der in Bamberg ansässigen Stelle auf Anfrage des SPIEGEL. Im Zuge des Ermittlungsverfahrens seien am Freitag und Samstag Durchsuchungen in Oberbayern und Berlin durchgeführt worden. Die Betreiber der Website ließen eine Anfrage bis Mittwochfrüh unbeantwortet. 

Der SPIEGEL hatte Ende März über das zweifelhafte Angebot berichtet . Für 249 Euro konnten Kunden auf Corona-testen.com einen Abstrich für zu Hause bestellen. Der Redaktion lag ein Testkit vor. Bereits der handelsübliche Umschlag, mit dem die fertige Probe an ein Labor verschickt werden sollte, erschien ungeeignet. Eigentlich müssen Coronatests gemäß Verpackungsanweisung P650 gekennzeichnet werden, da es sich um biologische Proben handelt. 

Besonders dubios mutete die Rolle der beteiligten Ärztin an. Sie unterschrieb auf einem beigelegten Anforderungsschein den Auftrag für den Corona-Test, obwohl sie den Kunden zuvor gar nicht untersucht hatte. Dem beteiligten Labor gaukelte die Allgemeinmedizinerin auf diese Weise vor, dass ein begründeter Verdachtsfall vorliegt. Die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts zu Tests auf Covid-19 wurden durch diese Praxis unterlaufen.

Laut Unterlagen sitzt die Ärztin am Berliner Kurfürstendamm. In Berlin fand am vergangenen Wochenende eine der Razzien statt. Wo genau, wollte die Staatsanwaltschaft nicht sagen. Auch die Namen der Beschuldigten und den konkreten Verdacht teilte der Sprecher nicht mit. Die Ärztin wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Im März hatte sie auf einen PR-Mitarbeiter von "corona-testen" verwiesen, der kurz darauf antwortete: "Wir appellieren hier ganz deutlich an die Mündigkeit des Patienten, dass dieser Test erst durchgeführt wird, wenn er dies für notwendig erachtet." 

Das Angebot war durch einen Bericht auf Bild.de mit einer der Macherinnen von Corona-testen.com bekannt geworden. In dem Video durfte das Berliner Ex-Model Jessica Czakon den Zuschauern zeigen, wie sie den Selbsttest zu Hause durchführen sollen. Czakon wurde in dem Video als "Mitgründerin" bezeichnet. Später bestritt sie, Mitgründerin zu sein.

Das Impressum von Corona-testen.com wies die Firma rp Logistik und Dienstleistungs GmbH in Langenhagen bei Hannover aus. Bei einem Besuch vor Ort waren allerdings keine Hinweise auf das Unternehmen zu finden. Der Geschäftsführer Gennaro Piro hatte zuletzt einen Wohnsitz in Wolfratshausen in Oberbayern. Ob dort durchsucht wurde, wollte die Zentralstelle Cybercrime Bayern nicht beantworten.

Derzeit ist das Angebot nicht mehr zu erreichen. Ob diese Tatsache etwas mit den Ermittlungen zu tun hat, blieb unklar. Der Sprecher der Zentralstelle Cybercrime Bayern erklärte, das Verfahren werde zur "Fortführung der Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft Berlin abgegeben". Ein Grund könnte sein, dass die Betreiber von "corona-testen" ihre Proben an das Labor Berlin mit seinem Virologen Christian Drosten schicken ließen und nach eigenen Angaben ein "geschäftlicher Kontakt" bestand. 

"Corona-testen" benutzte einen Anforderungsschein des Labors, der im Internet heruntergeladen werden konnte, darauf stand Drostens Name. Der Rückumschlag war an die Einrichtung adressiert. Dadurch machte das Angebot einen seriöseren Eindruck. Zumindest in einem Fall, der dem SPIEGEL bekannt ist, analysierte das Labor Berlin eine Probe, die über "corona-testen" eingeschickt wurde. 

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Mit den Recherchen konfrontiert, antwortet das Labor Berlin im März knapp, es stünde in "keinem geschäftlichen Verhältnis" zu den genannten Firmen. Es gehe "von einer betrügerischen Verwendung von Materialien/Logos/Anforderungsscheinen von Labor Berlin aus. Wir prüfen aktuell, inwieweit wir gegen die Firmen rechtliche Schritte einleiten." Ob Drostens Labor in der Vergangenheit die Proben von "corona-testen" untersucht hat, wollte oder konnte das Labor trotz mehrfacher Nachfragen nicht beantworten.

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