Krankenschwester unter Verdacht Kochsalzlösung statt Biontech? Tausende Niedersachsen sollen erneut geimpft werden

In einem niedersächsischen Corona-Impfzentrum zog eine Krankenschwester Spritzen mit Kochsalz auf. Das genaue Ausmaß ist unklar, doch die Ermittler sind überzeugt: Die Frau handelte häufiger so.
Impfzentrum im Landkreis Friesland

Impfzentrum im Landkreis Friesland

Foto: Mohssen Assanimoghaddam / dpa

Der Fall einer Krankenschwester, die in einem niedersächsischen Impfzentrum Spritzen mit Kochsalzlösung statt Coronaimpfstoff aufzog, hat womöglich eine deutlich größere Dimension als bisher angenommen. Im April hatte die Frau sechs Fälle eingeräumt – angeblich die Folge eines Missgeschicks, weil ihr beim Anmischen eine Ampulle zu Boden gefallen sei, was sie habe vertuschen wollen. Doch an dieser Version gibt es Zweifel. Die Behörden im Landkreis Friesland gehen inzwischen davon aus, dass mehr als 8500 Menschen unfreiwillig keinen oder nur einen teilweisen Impfschutz bekommen haben könnten.

Diese Größenordnung lässt sich nach den Ermittlungen der Polizei zumindest nicht ausschließen. Die Erkenntnisse sind noch vage, doch Befragungen von Kolleginnen und Kollegen der Krankenschwester lassen es offenbar unwahrscheinlich erscheinen, dass es sich um ein Missgeschick handelt. Bei Vernehmungen hätten sich zuletzt konkrete Hinweise ergeben, »die darauf hindeuten, dass die Frau nicht nur in diesem einen Einzelfall gehandelt hat«, sagte der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland, Peter Beer. Details nannte er nicht.

Schon kurz nach Auffliegen des Falls ermittelte der Staatsschutz gegen die Frau, weil ein politisches Motiv im Raum stand: Die Frau soll nach Informationen des SPIEGEL in sozialen Medien die Pandemie mit einer Grippe verglichen und über WhatsApp eine verleumderische Karikatur geteilt haben, die unter Verschwörungsideologen kursiert. Seit ihrer ersten Einlassung schwieg sie zu den Vorwürfen.

Über ihre Rechtsanwälte ließ sie nun mitteilen, dass es sich bei der Tat am 21. April um einen »einmaligen Vorfall« gehandelt habe. »Insbesondere hat es keine weiteren Tage gegeben, an denen der Impfstoff nicht pflichtgemäß in der vorgesehenen Menge durch unsere Mandantin verabreicht wurde«, heißt es in der Mitteilung. Eine politische Motivation wiesen die Anwälte zurück.

Der Leiter des niedersächsischen Corona-Krisenstabs, Heiger Scholz, sieht das anders. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass die Einlassung der Frau damals »wohl nicht richtig war«. Es gebe deutliche Hinweise darauf, dass die Beschuldigte mit Vorsatz »als Impfgegnerin« gehandelt habe, sagte Scholz der Nachrichtenagentur dpa. Sich »in ein Impfzentrum zu schleichen« und die Menschen »zu hintergehen«, sei »ziemlich perfide«, so Scholz. »Da fällt einem ganz wenig dazu ein.«

Arbeitszeiten mit Impfterminen abgeglichen

Nach dem Bekanntwerden des Vorfalls im April waren etwa 200 Menschen zu einem Antikörpertest und einer eventuellen Nachimpfung eingeladen worden, weil sich nicht mehr nachvollziehen ließ, an wen die sechs Spritzen verabreicht worden waren. Kochsalzlösung wird regulär zur Verdünnung der Impfflüssigkeit eingesetzt und ist für den Körper unschädlich.

Inzwischen müsse davon ausgegangen werden, dass bei bis zu 9673 Impfungen Kochsalzlösungen statt der gewünschten Impfstoffe von Biontech, Moderna und AstraZeneca verabreicht wurden, sagte Frieslands Landrat Sven Ambrosy (SPD) bei einer Pressekonferenz in Jever.

Möglicherweise betroffen sind Menschen, die im Zeitraum vom 5. März bis zum 20. April im Impfzentrum bei Schortens geimpft wurden. Sie sind nun aufgerufen, sich zu melden, um die eventuell fehlende Impfung nachzuholen. Das Problem: Da der Zeitraum der Impfungen zu lange zurückliegt, könne nicht mehr zuverlässig über Antikörpertests überprüft werden, ob die Menschen mit Kochsalz oder den echten Vakzinen geimpft wurden, sagte die Sprecherin des Landrats, Silke Vogelbusch.

Insgesamt müssen daher laut Landrat nun 8,7 Prozent der Kreisbevölkerung als möglicherweise Betroffene erneut geimpft werden – darunter vor allem Personen der Priorität zwei, etwa Menschen über 70 Jahre. »Es geht um insgesamt 8557 Menschen, die womöglich ganz oder teilweise keinen Impfschutz erhalten haben, obwohl sie davon ausgehen«, sagte Landrat Ambrosy.

Ermittler sind auf die Zahl von 9673 Impfdosen gekommen, indem sie die Zahl der geimpften Bürgerinnen und Bürger mit dem Dienstplan der inzwischen entlassenen DRK-Mitarbeiterin abglichen. Auf der Website des Landkreises findet sich eine Auflistung der genauen Arbeitszeiten . 1116 der möglicherweise betroffenen Personen haben laut Sprecherin Vogelbusch bereits beide Impfungen erhalten.

Die Betroffenen wurden am Dienstag per Mail und Brief informiert, die Nachimpfungen sollen bereits an diesem Freitag beginnen. Außerdem hat der Landkreis eine Info-Hotline eingerichtet.

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Das Impfzentrum Schortens soll über den 30. September hinaus geöffnet bleiben, bis alle Impfwilligen ihren Termin erhalten haben, so Vogelbusch. Den 1116 Menschen, die bereits zwei Spritzen erhalten haben, werde eine Impfung mit der Vakzine von Johnson & Johnson angeboten, bei der eine Dosis genügt.

kim/dpa/AFP
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