Coronaleugner unter Medizinern Ärzte auf Abwegen

Von falschen Maskenattesten bis zur Leugnung der Gefährlichkeit des Virus: Innerhalb der Ärzteschaft gibt es ebenfalls Coronaskeptiker. Die Kammern kämpfen dagegen an.
Ärzte können sich mit falsch ausgestellten Attesten strafbar machen

Ärzte können sich mit falsch ausgestellten Attesten strafbar machen

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zerocreatives / imago images / Westend61

Gegen akuten Morbus Ignoranz sind mitunter auch Ärzte nicht immun. Bei Bodo Schiffmann, für selbst ernannte »Querdenker« eine Art Halbgott in Weiß, rückte Mitte Februar bereits zum zweiten Mal die Polizei an. Praxis- und Privaträume wurden durchsucht.

Es ging um mutmaßlich falsch ausgestellte Atteste zur Befreiung vom Mund-Nasen-Schutz. Die angeblichen Patienten des Mediziners aus Sinsheim wohnten den Ermittlern zufolge teils Hunderte Kilometer entfernt.

Mediziner wie Schiffmann, die offen und auf Demos gegen Hygieneregeln ankämpfen und so zahlreiche Versuche unterlaufen, die Pandemie einzudämmen, sind in der Ärzteschaft eine winzige Minderheit. Aber sie sind laut – und gefährlich. Denn durch ihre Ausbildung und ihre Arbeit genießen Ärzte gleich doppelt einen Vertrauensvorschuss: bei ihren Patientinnen und Patienten, denen oft nichts anderes bleibt, als auf ihren Rat zu hören, aber auch in der Öffentlichkeit ob ihrer akademisch erworbenen Expertise.

Selbstredend vertreten Ärztinnen und Ärzte in wissenschaftlichen Detailfragen mitunter unterschiedliche Meinungen. Doch der Fall Schiffmann zeigt, dass die Positionierung in der Coronapandemie grundsätzlicher ist. Und Schiffmann, der eine schriftliche Anfrage zu seinem Umgang mit Maskenattesten unbeantwortet ließ, ist kein Einzelfall. Das zeigen Antworten aus der berufsständischen Selbstverwaltung.

Hunderte Verdachtsfälle bundesweit

Vorweg: Eine bundesweite Erhebung über Pandemieskeptiker in der Ärzteschaft gibt es nicht. Rückmeldungen der Ärztekammern deuten jedoch darauf hin, dass die Zahl der Mediziner, die die Coronapandemie nicht besonders ernst nehmen oder schlimmstenfalls gar leugnen, zumindest dreistellig ist.

Allein die Ärztekammer Berlin berichtet seit Beginn der Pandemie von mehr als 250 Beschwerden, die sich auf 150 Ärztinnen und Ärzte beziehen. In mindestens 27 Fällen soll es sich dabei um mangelnde Sorgfalt oder gar vorsätzlich falsche Ausstellung von Maskenattesten gehen. In den Beschwerdezahlen sind aber auch 25 Fälle umfasst, in denen sich Ärztinnen und Ärzte bei Corona leugnenden Patienten unbeliebt gemacht haben.

Wegen derlei Besonderheiten sind die Zahlen der einzelnen Landesärztekammern nur schwer miteinander vergleichbar. So meldete beispielsweise die Landesärztekammer Baden-Württemberg, Stand Januar, zwar bislang rund 280 Beschwerden wegen Gefälligkeitsattesten, Maskenverweigerung oder Coronaleugnung – kann aber »derzeit nicht« sagen, gegen wie viele Ärzte sich diese Hinweise richten. Bekannte Coronaskeptiker in der Ärzteschaft dürften aber, wie der Fall Schiffmann nahelegt, mehr als eine Beschwerde ausmachen. Mit rund einem Drittel der Beschwerden haben sich demnach die Kammeranwälte der Bezirksärztekammern befassen müssen.

Im Saarland – sieben Beschwerden über sieben verschiedene Praxen – gibt es Ärger wegen Abstandsregeln und zu vollen Warteräumen. Die stark unterschiedlichen Fallzahlen in Berlin, Baden-Württemberg und dem Saarland dürften auch mit der Gesamtzahl, der in den jeweiligen Kammern registrierten Ärzte zusammenhängen: 6800 Ärzte sind das im Saarland – gegenüber 34.000 in der Hauptstadt und 70.000 im Südwesten des Landes. Im Saarland erfasst ist allerdings auch ein anders gelagerter Fall, in dem ein Arzt AfD-Wähler und Querdenker als Patienten ablehnen wollte.

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Kammern sprechen Rügen und Ordnungsgelder aus

Über Corona-Relativierer in den eigenen Reihen äußern sich die Kammern besorgt. »Die Skeptiker beschädigen das Ansehen des ganzen Berufsstandes«, sagt der Sprecher der Berliner Ärztekammer.

»Ich finde es persönlich erschütternd«, sagt Pedram Emami, der Präsident der Ärztekammer Hamburg, »dass ärztliche Kollegen die Gefahr eines Virus leugnen, das bei Ansteckung erstens gravierende gesundheitliche Gefahren und Folgen für Betroffene – vor allem aus den Risikogruppen – birgt und zweitens eine Herausforderung für das Gesundheitssystem insgesamt darstellt, zumal vielen ihrer Behauptungen die Evidenzgrundlage fehlt«. Besonders schlimm sei es, so Emami, dass sie die dem ärztlichen Berufsstand von vielen zugeschriebene »Kompetenz und Glaubwürdigkeit missbrauchen« und so Menschen davon abhielten, sich an Hygieneregeln zu halten, die zum Infektionsschutz nötig seien.

Doch auch Emamis Kammer liegen mehr als 120 Beschwerden gegen rund 20 Ärztinnen und Ärzte vor – bezogen auf die dort gut 15.000 derzeit aktiven Mediziner betrifft das aber nur etwa 0,1 Prozent.

Verstöße gegen Coronaverordnungen in der Ärzteschaft wollen die Kammern scharf sanktionieren. Sie können Rügen aussprechen und Ordnungsgelder verhängen. Ein Berufsgericht kann zudem Bußgelder bis weit in den fünfstelligen Bereich verhängen.

Denkbar ist auch Verfahren, an dessen Ende ein Ruhen der Approbation oder gar ein Widerruf angeordnet werden kann. In Baden-Württemberg prüft die Approbationsbehörde des Landesgesundheitsamts etwa den Fall Schiffmann, eine Stellungnahme von ihm liegt mittlerweile vor.

Medizinerin wegen Volksverhetzung angezeigt

Aus Thüringen sind aktuell zwei berufsrechtliche Ermittlungsverfahren bekannt, parallel läuft dort auch noch ein strafrechtliches Verfahren wegen der Ausstellung mutmaßlich falscher Maskenatteste. Die Landesärztekammer Sachsen meldet bislang drei strafrechtliche Anzeigen. Kurz vor Weihnachten zeigte die sächsische Landesärztekammer eine Medizinerin gar wegen Volksverhetzung an. Sie soll öffentlich die Maske mit dem sogenannten Judenstern verglichen haben, eine Zwangskennzeichnung, die alle tragen mussten, die im Nationalsozialismus als Juden galten. In zwölf Fällen wurden in Sachsen zudem die Gesundheitsämter informiert, damit diese die Praxen auf Einhaltung der Coronaregeln kontrollieren.

Es gibt, so der Sprecher der Ärztekammer Niedersachsen, aber auch Fälle, in denen es bei einer »freundlichen Belehrung« bleibt, etwa wenn der Arzt im Prinzip über einzelne Coronamaßnahmen nur »seine Skepsis zum Ausdruck gebracht hat, dass er ein Problem damit hat«. Er appelliert an die 43.000 Ärzte in seiner Kammer, der bislang 80 Beschwerden wegen vermeintlicher Leugnung von Corona vorliegen: »Eine Arztpraxis ist kein Ort für politische Agitation.«

Die Gruppierung »Ärzte für Aufklärung« strapaziert diesen Grundsatz seit Monaten. Die Kammern distanzieren sich von ihr, doch solange sich die Äußerungen der Ärztinnen und Ärzte, die dieser Gruppierungen angehören, »im Rahmen der Meinungsfreiheit bewegen …, können wir als Ärztekammer hier nicht tätig werden«, heißt es von der Ärztekammer aus Sachsen-Anhalt.

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg beaufsichtigt auch den Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann. Ihre Haltung zu den Coronaskeptikern in den eigenen Reihen ist deutlich: Für die überwiegende Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte dort sei es »mehr als bedauerlich«, dass Vertreter ihres Berufsstandes »Gefahren durch das Coronavirus verharmlosen, den Glauben an angeblich dahintersteckende ›dunkle Mächte‹ verbreiten und wissenschaftlich erwiesenermaßen falsche Informationen streuen«.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung war für die Ärztekammer Hamburg die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, über die sich beschwert wurde, mit mehr als 120 angegeben. Deren Zahl beläuft sich jedoch nur auf rund 20 – zu denen mehr als 120 Beschwerden vorliegen. Wir haben die Angabe korrigiert.

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