Thomas Fischer

Leben in Krisenzeiten Corona, Spaß und Schuld

Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
In ernsten Zeiten freut man sich, wenn Spaßvögel einem die Zeit im Homeoffice vertreiben. Doch auch sie befassen sich nur mit der Schuld. Dabei sind wir völlig unschuldig!
Demonstration von Gegnern der Corona-Maßnahmen am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, 9. Mai 2020

Demonstration von Gegnern der Corona-Maßnahmen am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, 9. Mai 2020

Foto: CHRISTIAN MANG/ REUTERS

Die Zeiten

Ja, na gut, zugegeben: Es ist die Zeit der Verwirrung, der Deprimiertheit und der Angst, also auch der Wut. Wir wissen allerdings nicht mehr genau, ob das schöne Wort "Wutbürger" nun eigentlich eine ironische Verhöhnung der sich in Kreisen von "Sorgen und Nöten" wälzenden Massen ist oder deren stolze Selbstbeschreibung. So geht das manchmal mit der Ironisierung: Alles dreht sich, alles bewegt sich. Was vor 60 Jahren einst als klassischer Gymnasiastenwitz begann und gestelzte Kanzleisprache mit Plebejersprech zu "nichtsdesto-trotz" kombinierte, gilt heute als Ausweis nobler Sprechkunst und springt uns mit bierernster Miene selbst aus Erwägungen der "FAZ" zum Einerseits und Andererseits an.

Andererseits ist es so, dass die existenziell ergreifende Wut und Raserei dem deutschen Bürger des 21. Jahrhunderts ein wenig zerfleddert ist, schlicht zu aufregend und stressig für Menschen, die durch kurzzeitiges Nichtfunktionieren des Mobiltelefons oder eine Reifenpanne an die Grenze der Belastbarkeit gebracht werden. Und die über sich gar nicht wissen möchten, dass nach zwei Wochen ohne Strom und Sprit zügig die Frage des Kannibalismus auf die Tagesordnung gesetzt würde. Daher werden die starken Gefühle recht gern in eine Welt ausgelagert, die sich mit der Fingerspitze kontrollieren, anhalten, wiederholen, verewigen oder löschen lässt.

Der Preis für die Gewöhnung daran ist eine diskrete Schwächung der Abwehrkräfte im Hintergrund. Das ist mit der Seele wie mit dem Immunsystem: Zu viel heiße Luft führt auf Dauer zur Multiresistenz des invisible enemy. Das partiell traurige Ergebnis kann man seit drei Monaten besichtigen, und es ist eigentlich weder Anlass zu Überheblichkeit noch zu Schadenfreude, auch wenn beides mit Macht an die Oberflächen drängt in dem nicht endenden Geschrei, wer der beste Epidemiologe, die entschlossenste Reguliererin und das bedauernswerteste Opfer sei. Ein Teil davon sind übrigens Kolumnen wie diese hier, die aus der Fähigkeit zur Distanz vom Fremden Hoffnungen auf Nähe zum Eigenen erwecken wollen, für Schreiber und Leser.

Natürlich wiegen Freude und Glück meist leicht auf der Seele, wogegen Angst und Zorn unendlich schwer lasten. So sind die Menschen und die Leute. Wenn vom Dach eines Hauses ein Petunientopf geworfen wird, weiß man nicht wirklich ganz sicher, was geschehen wird. Es mag sein, dass das Gravitationsgesetz wirkt, wie es dies seit geraumer Zeit tut. Es gibt allerdings, wie sich unschwer ermitteln lässt, durchaus Thesen, es komme auch insoweit darauf an. Ich sage nur: Antimaterie, Paralleluniversen, Matrix. Aber auch diesseits der Kosmologie wird der Boden desto unsicherer, je näher wir ihm kommen. Ist alles eine Illusion? Könnte ein Wind die Flugbahn verändern? Wird der Topf unterwegs seine Gestalt ändern oder gestoppt werden? Wird unten jemand getroffen? Wenn ja: Wer, warum, und hätte man es verhindern können? Ein albernes Beispiel, ohne Frage. Wenn Sie den Petunientopf aber durch einen Atomsprengkopf ersetzen und das Hausdach durch einen "Tornado"-Jet, rückt die Sache schon näher.   

Der Spaß

Selbstverständlich darf auch gelacht werden in diesen Tagen, die gern auf den Namen "Corona-Zeiten" hören, so wie früher ein Teil des Vaterlands "zu DDR-Zeiten" hieß. Eine Anrufung der Zeit im Plural soll uns meist sagen, dass etwas der Gesamtbetrachtung und Einordnung bedurft und der jeweilige Sprecher dies bereits erledigt habe. Während die DDR-Zeiten, wenn man von ihnen hört, aus einem Kosmos anekdotischer Belanglosigkeit bestehen, also aus des Lebens Fülle, sind die aktuellen "Corona-Zeiten" schrecklich eindimensional. Sie bestehen ganz überwiegend aus Berechnungen von Hypothesen der Epidemiologie durch Menschen, denen diese Wissenschaft vor drei Monaten erstmals begegnete, sowie aus Abenteuern der Maskenkunde. Ein Rest entfällt auf Sondersendungen über die Ungewissheit der Welt.

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Thomas Fischer

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Mit dem Humor ist es so eine Sache. In der Schattenwelt der Posts und Threads ist man dazu übergegangen, sein Ein- und Ausschalten durch grafische Symbole anzuzeigen, damit die soziale Kommunikation leichter wird. Auge in Auge lässt sich dies mittels beidhändig in die Luft gemalter Anführungszeichen simulieren. Der berufsmäßige Spaß beschränkt sich derweil meist auf traurigen Klamauk. Man macht es also mit dem Witz wie mit dem Thrill oder der Intimität.  

Beispielhaft fällt uns ein Humorkünstler aus dem Schwäbischen ein, der in einer TV-Talkshow am 13. Mai die fachliche "Widersprüchlichkeit" des virologischen Erkenntnisfortschritts geißelte und bei dieser Gelegenheit die Vierfinger-Pantomime präsentierte, um das Robert Koch-Institut als "sogenannte Wissenschaft" zu entlarven. Ob sich auch ein im Grenzland der DDR-Zeiten irrlichternder Künstler aus Dresden schon entsprechend geäußert hat, weiß ich nicht, bin aber zuversichtlich, dass auch dies sich lustig anhören würde. 

Sicher bin ich hingegen, dass ein ehemals in Regensburg waltender Kardinal, inspiriert vom traumatisierenden römischen Lockdown, seine weltweit erfolgreiche Humoroffensive als Gegengewicht zur antivirologischen Griesgrämigkeit unternommen hat und natürlich wieder total missverstanden worden ist. Ich nehme an, da stimmt mir auch die Fürstin zu.

Als Spezialist für Lustiges besser bekannt ist ein Vizepräsident des Deutschen Bundestags, der zur Infektions- und Sterbens-Sorge anmerkte, wer Angst habe, solle halt zu Hause bleiben. Das ist ein Wort! Es wäre, um bei der FDP zu bleiben, des 1998 verstorbenen "schönen Erich" würdig gewesen wäre, auch er ein großer Humorist und, zu DDR-Zeiten, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Ob er damals einen Witzorden erhalten hat, ist mir entfallen.  

Der Wind weht, wo er will, und auch der Humor sucht sich die verschwiegenen Ecken, in denen er welke Blätter zu kleinen Tornados formt. Das ist menschlich, und wir werden deshalb vom "welken Blatt" jetzt nicht assoziativ auf einen lustigen 94-jährigen Greis aus Frankreich schwenken, der uns vom Thema ablenken könnte. Anzumerken ist insoweit noch, dass die Monatszeitschrift der "juris GmbH", einer gigantischen juristischen Datenbank, auf dem aktuellen Titelblatt eine Justitia zeigt, der die Augenbinde zur Corona-Maske verrutscht ist. Das ist beruhigend. Die Juristen haben den Humor ja bekanntlich überhaupt erst erfunden, und so hätte es uns besorgt, wenn die allgemeine Lustigkeit an ihnen vorüberginge.

Deren Exzesse schließlich kann man bei Gelegenheit von Demonstrationen gegen das Versammlungsverbot und die Unterjochung der Welt durch den Spaßverderber Christian Drosten besichtigen. Auch hier sind viele kleine Scherztornados unterwegs, auf der Suche nach Anschluss, und am Rande des Spiels stehen gläserne Windmaschinen und blasen die Figürchen übers Feld. 

Die Schuld

Es ist nun eigentlich recht sinnlos und meistens auch ganz fruchtlos, solch verzweifelte Narrentänze jemandem vorzuwerfen; sie haben ja auch einen gewissen Unterhaltungswert. Zu allen Zeiten zogen Prozessionen von Lustigen durch die Straßen und riefen, dass die Pestilenz gar keine Kraft habe, wenn man es nur wirklich wolle. Heutzutage verteilt sich das etwas differenzierter zwischen Rave, Kreuzfahrt und Shoppingerlebnis. Es ist hierüber nun schon wieder eine neue Welle von "Sorgen" und "Warnungen" ausgebrochen, sodass der Qualitätsmedien-Konsument pro Tag etwa 30 Mal erfährt, dass jemand vor Verschwörungstheorien gewarnt und vom gegenseitigen Bespucken abgeraten habe. Ich weiß nicht, ob das außer den Beteiligten jemandem nützt, denn die einen tragen halt prinzipiell keine Aluhüte, und den Aluhutträgern ist es egal, was Kopernikus, Einstein und Hawking sagen, weil sie ja in sich spüren, dass es hilft. Wenn nicht gegen Viren, dann doch gegen die Langeweile.  

So erleben wir neben einer Eruption ganz ernst gemeinter Lustigkeit auch eine solche der Schuld, mit der faszinierenden Besonderheit, dass sich auch dieses Grundkonzept sozialer Steuerung problemlos in den Kontext des einen Themas integrieren lässt: Wer hat Schuld an Corona, wer hat sich bei der Bekämpfung schuldig gemacht, welche Schuld laden die Virologen auf sich, die Virologenkritiker, die Alten und die Jungen, die Ärzte und die Beatmeten, und die Theoretiker all dessen, und die Analytiker der Theoretiker? Die einzig noch gelingende Kommunikation scheint zwischen den disparaten Teilnehmern von Talkrunden stattzufinden, die übereinstimmend diejenigen für die Schuldigsten halten, die nicht anwesend sind.

Die Modern Times sind ja eigentlich per definitionem eher schuldarm und speisen ihre Sinnfundamente aus eher moralfernen, kosmischen Quellen: Was haben Dax, Leerverkäufe und Hedgefonds mit Schuld zu tun? Vor 50 Jahren, auf einem Höhepunkt der guten Laune durch Modernisierung, dachte hierzulande noch mancher, bald schon könne eine Gesellschaft der Freiheit und des kommunikativen Ausgleichs entstehen, in der es auf Zuweisung von Schuld nicht mehr ankommt. Das scheint ewig lange her, und die Nichtrisikogruppen von heute haben es gar nicht erlebt. Seit die Generation Golf das postmoderne Ruder übernahm, ist der Bedarf an Schuld und Schuldigen jedenfalls wieder stark gewachsen, was nicht die Schuld der Generation ist, sondern der Umstände. Und weil die Umstände so unübersichtlich sind, wie sie der alternativlose Gott des Marktes nun mal geschaffen hat, findet man die Schuld gern wieder da, wo sie übersichtlich und ganz unzweifelhaft ist.

Oje, damit sind wir nun doch wieder bei dem 94-jährigen Greis aus dem Élysée gelandet! Daran ist sicher das Virus schuld! Oder die russischen Beatmungsmaschinen. Auf jeden Fall aber Donald T. Man ist ja schon ganz durcheinander. "Wir brauchen", so hörte ich gestern einen Radiomoderator sagen, "endlich wieder Urlaub - nach diesen anstrengenden Wochen." Der war gut! 

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