Thomas Fischer

Pandemische Pechsträhne Corona, Staat und Winterzeit

Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Es ist gekommen wie vorhergesagt: Auf den Sommer folgt der Herbst. Corona bleibt, das Schicksal droht, und niemand spricht ein Machtwort zum Leben und Sterben. Wie lang doch ein Jahr sein kann!
Überraschung: Jetzt ist Herbst, dann folgt der Winter, darauf das Frühjahr

Überraschung: Jetzt ist Herbst, dann folgt der Winter, darauf das Frühjahr

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lisegagne / Getty Images

Hoch im Norden

Am 12. Oktober erschien auf "Welt"-Online ein Kommentar mit dem Titel "Wenn die Kreuzberger Infektionszahlen wichtiger sind als Hunger und Krieg", Autorin ist Susanne Gaschke, zeitweise Oberbürgermeisterin von Kiel. Die Schlagzeile ist nützlich, weil sie beispielhaft zeigt, wie man in der wahllosen Kombination neutraler Fakten mittels unscheinbar wirkender Wörtlein (hier: "wenn" und "wichtiger") kompletten Nonsens, harte Lüge, haltlose Spekulation oder einfach nur tendenziöse Verwirrung erschaffen kann. Das Gift findet seinen Weg dann aus der Headline in die Sinnstrukturen des Darunterliegenden von ganz allein. Wir kennen das aus dem Markt der Sachbücher mit W-Titel: Warum alles immer schlimmer wird; Wie die Regierung uns betrügt; Wozu könnten Männer gut sein; Wieso ich nicht reich und berühmt wurde usw. Mit dem Finden eines solchen Titels ist die intellektuelle Leistung im Wesentlichen erbracht, sie ereignet sich im Verlag. Der von Autor oder Autorin zu erbringende Rest besteht in der in angebliche Kapitel geteilten Wiederholung irgendeiner Behauptung aus dem Klappentext, gestützt auf bewährte Quellen ("Immer mehr Steuerzahler haben den Eindruck, dass…") oder auf Beweise im Pingpong-Modus ("Die NYT schrieb schon 2011, es werde böse enden…").  

Im vorliegenden Fall kündigte die Autorin eingangs an, uns zu sagen, was los sei, wenn Kreuzberg-Corona wichtiger ist als "Hunger und Krieg". Na ja: wenn! Also gleich wieder neue Fragen: Was heißt "wichtiger"? Für wen? Wer misst das und mit welchem Wichtometer? Und vor allem: Was heißt "wenn"? Ist es so oder nicht? Wenn nein: Warum dann fragen? Wenn ja: Worauf ist die Behauptung gestützt? Es ist ein Kreuz mit den W-Titeln: Sie kommen seifenblasenleicht daher und enthalten dann nichts als Schwefelwasserstoff. Schauen wir kurz auf die Beweisführung:

Es ist nicht mehr vernünftig, wie einseitig sich Politik und große Teile der Medien gerade auf eine einzige Krankheit fokussieren. Hunger, Not, Elend und Krieg in anderen Teilen der Welt? Unschön, aber nicht so wichtig wie die Infektionszahlen aus Berlin-Kreuzberg… Die Ungerechtigkeit, wenn eine 17-Jährige von einem Amokläufer erschossen wird oder ein 25-Jähriger an Leukämie zugrunde geht? Schlimm, aber Schicksal… Einzig bei Corona darf es nicht einmal den Rest eines Schicksalsanteils geben. Corona muss zu 100 Prozent besiegt werden, koste es, was es wolle an Grundrechtseingriffen…

Eines ist also sicher: Die Autorin ist überzeugt, dass Covid-19 faktisch, aber unrichtigerweise "wichtiger" sei als Hunger & Krieg, jedenfalls für "Politik und große Teile der Medien", was zwei etwas vage, aber doch vertraute Bösewichter sind. Um ihr Wirken (Infektion) und Nichtwirken (Hunger & Krieg) anzuprangern, schrieb die Autorin in einem Pressemedium einen Kommentar - nicht über Hunger & Krieg, sondern über Corona und die Infektionszahlen. So ist das, sagt Niklas Luhmann: Recht kann nur aus Recht kommen, und Journalismus entsteht aus Journalismus.

Der Leitsatz des Kommentars lautet:

Da gegenwärtig kaum noch jemand an Corona stirbt …, fixieren sich Exekutive und Bürokratie nun auf die Infektionszahlen.

Eine analoge Anwendung dieser bizarren Nachricht lässt Zweifel aufkommen: Weil kaum noch jemand an ampelgeregelten Fußgängerüberwegen stirbt, fixiert sich die Verkehrspolizei auf Rotlichtverstöße. Weil nur wenige Menschen an Typhus sterben, fixieren sich die Stadtwerke auf Ausbau und Sanierung der Kanalisation. Höhepunkte der Kausalitätstheorie! Das Problem steckt in der Sinnlosigkeit der Verknüpfung und in der Fehlbewertung der Korrelation, diesmal mit umgekehrten Vorzeichen. Vielleicht stirbt ja deshalb kaum noch jemand, weil Exekutive und (?) Bürokratie (!) sich auf Minimierung von Infektionszahlen "fixieren". Und vielleicht müssten wir ja nur ein bisschen länger warten und müssten die Infektionszahlen weiter steigern, und schon würde wieder jemand sterben! Und überhaupt: Auf was sonst sollte sich die Exekutive "fixieren" und die Bürokratie gleich dazu? O.k., die letzte Frage ist unfair, denn Frau Gaschke hat die Antwort gegeben: Hunger & Krieg. Das stimmt einfach immer, kann also gar nicht falsch sein.

Alles hängt am Komparativ "wichtiger". Wer hat das eigentlich festgestellt? Stimmt es überhaupt? Nehmen zum Beispiel Kieler als solche die Kreuzberger Infektionszahlen wichtiger als die Geisteslage des POTUS oder die phänomenale Spannkraft seines jugendlichen Challengers? Ist für den Flensburger die Pandemielage in Friedrichshain wichtiger als das Heringsaufkommen in der Ostsee? Ich glaube es nicht wirklich, aber wer weiß! Wahrscheinlich meint die Autorin es auch gar nicht wörtlich, sondern irgendwie im übertragenen Sinn, also stimmungsmäßig. Es stinkt ihr, dass in Deutschland nicht über Hunger & Krieg geredet und nicht wie üblich mit ganzer Kraft und maximaler Fixierung gegen Hunger, Krieg und Seuchen auf der Welt angekämpft wird, als da sind Malaria, Masern, Denguefieber, Tuberkulose, Aids und andere. Das ist ja ein ehrenwerter Ansatz.

Weite Welt

Es könne von niemandem verstanden werde, sagte Herr MP Laschet am 14. Oktober im Frühstücksfernsehen, dass zwar hunderttausend Pendler jeden Tag zwischen Brandenburg und Berlin, Hauptstadt der Pandemie, verkehren, man aber nicht im Wald übernachten dürfe. Das stimmt! Ob dieses Beispiel das Herz des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) getroffen hat, ist natürlich eine andere Frage, denn ein massenhaftes Übernachten im Wald könnte zwar für Wald-Catering-Start-ups einen Cashflow generieren, ließe aber die für 9 Euro die Stunde gewienerten Junior-Suiten leer. Es muss jetzt einfach eine Hilfe her, weil ja die Tatsachen sich nicht an die Pläne halten, die wir im Frühjahr gemacht hatten: Überraschenderweise gibt es in diesem Jahr Herbstferien und in ungefähr zwei Monaten Weihnachtsferien. Das ist ein Schock! All die schönen Buchungen schmelzen dahin, und mit ihnen der Dispo! Wann wurden die Reisen eigentlich gebucht? Am Ende gar ab März? Könnte man dann nicht vielleicht sagen: Pech gehabt? Der Staat muss ja nicht einspringen, wenn man nicht im Lotto gewinnt. Und ist die heilige Marktwirtschaft nicht das System, das dem Menschengeschlecht einst versprochen wurde: Am Anfang war der Vertrag?

Gibt es eigentlich ein Grundrecht, dreimal im Jahr aus dem Einzugsgebiet eines risikofreien Erlebnisparks in den eines anderen zu verreisen? Gibt es ein Grundrecht darauf, dass kein einziges der zahllosen Risiken, über welche die Verbraucher unermüdlich aufgeklärt werden von Aberhunderten Warn-, Test-, Beratungs-, Interessen-, Aufklärungs- und Leicht-gemacht-für-Anfänger-Verbänden, sich einmal verwirklicht? Hatte man nicht hundertmal gehört, man solle sich nicht so hoch verschulden, dass man unerwartete Katastrophen (Krankheit, Tod, Arbeitslosigkeit, Scheidung), nicht überstehen könne? Ist es ein Menschenrecht, alle Hebel der Lebensplanung stets auf "Volle Kraft voraus" stellen zu dürfen, solange man die Prämien für die Hausrat-, Reiserücktritts- und Haftpflichtversicherung aufbringt?

Nun steht, wie vorhergesagt, dem Virus und uns zunächst der Herbst und sodann der Winter ins Haus. Danach folgt ein Frühjahr. In diesen Jahreszeiten kommt es oft zur Senkung der Durchschnittstemperatur sowie zu feuchtkalten Niederschlägen. Möglicherweise war dies vorübergehend aus dem Blickfeld geraten, weil die wirklich wichtigen Themen die Organisation der Sommerferien, die Fixkosten der Tourismusindustrie im Hochsommer sowie die Frage waren, welche Vorhersagen der Virologen, Epidemiologen, Pandemiologen und Respiratoren sich als unpräzise erwiesen haben und beim nächsten Mal unbedingt verbessert werden müssen. Im Moment herrscht Betroffenheit angesichts der Prognose, beim häufigen Lüften in Klassenträumen (Frischluft und Aerosol-Abfuhr) komme es im Winter zu Abkühlungen des Innenraums und in der Folge zu Verkühlungen des Schülermaterials. Elternverbände haben sogleich gefordert, sämtliche Schulen mit warmen Decken auszustatten. Nicht auszudenken, wenn Tausende von unschuldigen Kindern durch die Unvorsichtigkeit der Schulverwaltungen und mangels bundeseinheitlicher Lüftungsvorschriften sich einen grippalen Infekt (von Influenza wollen wir gar nicht reden!) einfingen und hierdurch ihre gerade eben in die Freiheit des Office-Office entlassenen Väter und insbesondere Mütter wieder ins heimische Burn-out zwängen! Am Rande bemerkt: Hinsichtlich der Platzierung der Kindlein nah oder fern der zu öffnenden Fenster lassen sich interessante Themen für virtuelle Elternabende und Video-Schulversammlungen ahnen.

Die Politik

Damit sind wir bei einem ernsten Thema: der Föderalismus in Deutschland an und für sich sowie seine Auswirkungen auf weltweite Seuchen. Es ist, wie man hörte, unerträglich für den Deutschen, dass eine Ordnungswidrigkeit des Verstoßes gegen eine ordnungsrechtliche Maskenpflicht in einem Bundesland keine Geldbuße, in einem anderen eine solche von 80 Euro und in einem dritten eine von 250 Euro zur Folge hat. Wo doch der durchschnittliche Bundesbürger täglich in vier verschiedenen Bundesländern die Maske nicht aufsetzen möchte. Und nun kann er sich nicht merken, wie viel es kostet. Er weiß natürlich, in welchen deutschen Kurstädten ein dauerhaftes und in welchen ein nur zeitlich befristetes Innenstadt-Parkverbot gilt, aber das ist was anderes. Diese Kleinstaaterei! Und die schrecklichen Beherbergungsverbote! Ein Kölner darf in Mainz nicht übernachten, aber nicht umgekehrt. Oder war es umgekehrt? Ministerpräsidenten sind erschüttert. Das ist, als dürften Deutsche frei nach Syrien reisen, aber nicht umgekehrt.

Was passiert eigentlich gerade mit dem Staat? Bekanntlich ist eine erstaunliche Zahl von Menschen davon überzeugt, die Covid-19-Seuche werde unweigerlich oder jedenfalls wenn nicht sofort etwas unternommen werde in eine Präventionsdiktatur der üblen Sorte führen oder habe dies bereits getan. Wobei sich alsbald die Frage stellt, was denn unternommen werden soll nach Ansicht der Kämpferinnen und Kämpfer für die freie Hasenheide und das freie "Feiern", das allein uns die Lebensqual ertragen lässt. Soweit ich sehe, gibt es nur zwei Arten von Plänen. Erstens: Alle Alten, Kranken, Dicken, Kurzatmigen und Hypochonder einsperren und es im Rest krachen lassen. Das ist aus der Sicht eines 20-jährigen Klubbesuchers mit Waschmaschine bei Mutti eine coole Lösung, hat allerdings Schwächen: Es müsste dann nämlich ungefähr die eine Hälfte der Leute eingesperrt und von der anderen Hälfte versorgt werden, die aber nicht rein dürften, weil sie draußen sind. Außerdem müsste man ein hartes Regime von Musterungsuntersuchungen aufbauen, um die zahllosen Trittbrettfahrer herauszufiltern, die sich plötzlich zu schwach für die Arbeit und für Corona fühlen würden.

Zweitens: Alles laufen lassen bis zum Endsieg Herdenimmunität. Das ist, flankiert von der Sagrotan-Injektion und der exklusiven Versorgung aller Einkommensmillionäre mit handgemixten Antikörper-Cocktails, die Methode Donald: Wer stirbt, ist ein Loser. Auch hier, liebe Jugend, lauern außer der Geldknappheit ein paar Gefahren: Die Sache mit der Herdenimmunität ist ein statistisches und ziemlich naturwüchsiges Phänomen, sprich: ziemlich nah dran an der Evolution. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass ihr für die Gesundheit einer Herde von sagen wir 20 Millionen durchschnittlichen Genies und Vollidioten einen individuellen Preis mit dem Leben eurer Eltern, eurer Lehrer und eures Lieblingsrappers bezahlen müsstet oder gar mit dem eigenen. Wem das egal ist, dem kann noch gesagt werden, dass die schöne Durchseuchung in Schweden es auf maximal 8 Prozent gebracht hat, bei zehnmal so viel Toten wie hierzulande. Und dass die Herdenimmunität nicht immer so will wie wir, was man daran sehen kann, dass erstaunlicherweise immer noch 20.000 Menschen in Deutschland an Influenza sterben oder an Masern oder Gürtelrose erkranken und weltweit viele Dutzend Millionen Menschen von Infektionskrankheiten getötet werden, die seit Jahrhunderten an der Immunität der Herden arbeiten dürfen. Als letztes noch: Wie es scheint, bleiben bei einer nicht ganz unwesentlichen Zahl von unspektakulär Covid-19-Infizierten langfristige Schäden zurück, die auf die Dauer eines derzeit noch jungen Lebens wirklich nicht erstrebenswert sind. Vielleicht stellt man sich mal zur Probe vor, es gäbe keinerlei Schutz vor Aids mehr, weil die Kondome nerven und ja auch kaum mehr einer daran stirbt, hierzulande. Nehmen wir an, die HIV-Infektionsrate läge bei zwei Prozent: Würden Sie dann auf jeden Schutz verzichten?

Prävention

Klar: Beispiele hinken. Und alles wäre anders, wenn es anders wäre. Und es ist superunverständlich, dass man auf dem einsamen Weg zum Restauranttisch eine Maske aufsetzen soll und im Kreis der frohen Esser nicht. Aber so ist es nun mal mit der Steuerung von Massenverhalten und großen Zahlen. Sie dürfen auch dann nicht über rote Ampeln fahren, wenn weit und breit kein Querverkehr zu sehen ist. Und man muss auf der rechten Straßenseite fahren, obwohl mancher vielleicht links besser führe. Wenn eine Brücke wegen Einsturzgefahr gesperrt ist, sollten auch kleine leichte Kinder nicht hinübergeschickt werden. Nehmen wir einmal an, draußen im Wald lebten schreckliche Ungeheuer, die Menschen mit roten Mützen anfallen und auffressen. Nehmen wir weiter an, von 100.000 Rotkappenträgern würden durchschnittlich 40.000 von den Ungeheuern verfolgt, 4000 erwischt und 1000 aufgefressen. Pro Monat. Was, meinen Sie, wäre dann wohl bei "Politik und großen Teilen der Medien", bei "Exekutive und Bürokratie" los?

Das ist nicht schwer, sich vorzustellen. Es reicht doch schon, wenn fünf Kinder von persönlichkeitsgestörten Kriminellen entführt und vergewaltigt und 5000 kinderpornografische Bilder pro Tag über das Land verteilt werden. Da ist von Herdenimmunität beziehungsweise der statistisch geringen Wahrscheinlichkeit keine Rede und vom Kampf um die Freiheit der Guten auch nicht, für die man halt ein paar vulnerable Opfer in Kauf nehmen müsse. Stattdessen: Vollüberwachung! Kameras überall! Vorratsdatenspeicherung! Datenvernetzung! Zugriff der Polizei auf private Computer, Handys, Kameras, Mikrofone! Fake-Pornografen und Fake-Kinder als Agents Provocateurs! Verdeckte Ermittler! Schluss mit der Verjährung, dem Datenschutz, der Unschuldsvermutung!

Wieder ein hinkendes Beispiel? Es geht um Gefahr und um Prävention. Und das Beispiel soll sagen: Es kommt immer darauf an. Manche finden die Wahrscheinlichkeit von drei sexuell motivierten Kindermorden pro Jahr unerträglich hoch, manche - oft dieselben - die von 20.000 vermeidbaren Infektionstoten völlig in Ordnung: Irgendwann stirbt man ja doch! Für das einzelne Infektionsopfer ist das Virus aber genauso schicksalhaft wie für das Schulkind am Zebrastreifen der angetrunkene Autofahrer.

Das heißt: Wir leben schon längst in einer vom Präventionsgedanken geradezu besessenen Gesellschaft, mit einem Sicherheits- und Vorsorgebedürfnis ohnegleichen, einem Versorgungsstatus wie nie zuvor in der Geschichte und einem bis über die Zähne aufgerüsteten Staat, der mit hoher Präzision Bedrohungen etwa durch Terrorismus erkennen und ausschalten kann. Wenn mal einer durch die Maschen rutscht und tödlichen "Erfolg" hat, gilt das als skandalöses Versagen der Sicherheitsbehörden. Bei zahllosen öffentlichen Einschränkungen von Freiheit, Geschwindigkeit oder Verdienstmöglichkeiten aus Gründen der Vorsorge und Gefahrenabwehr fragt kaum jemand ernsthaft, ob es nicht vielleicht auch preisgünstiger ginge oder ob DIN-Normen denn sein müssen: Ob es nicht ein akzeptables Lebensrisiko sei, vom Blitz oder von ungesicherten Elektrogeräten getötet, von herabfallenden Dachziegeln erschlagen oder von geisteskranken Gewalttätern erstochen zu werden - Schicksal halt. Könnte man mit dem Geld, das in Deutschland für Brandschutz ausgegeben wird, nicht auch prima Hunger, Krieg & Armut bekämpfen? Wenn's brennt, brennt's, könnten die versicherten Bewohner der Erdgeschosswohnungen sagen, und die gehbehinderten Alten sollen halt nicht in den vierten Stock ziehen.

Es geht also mit Covid-19 wie mit vielem anderen: Alles ändert sich, und die Maßstäbe müssen neu bestimmt, also zunächst einmal besprochen werden. Da hilft es wirklich nichts, nach irgendwelchen "Machtworten" oder dem Ende von albernen Scheinproblemen zu rufen. Dass das Leben insgesamt weitergeht, ist schon klar, hilft aber wenig, wenn man Angst hat. Es wird keine Erlösung geben, und die mutierenden, vom Tier auf den Menschen überspringenden Viren werden zukünftig häufiger auftauchen und sich viel schneller verbreiten als früher. Es ist alles eine Frage der Zeit, und in einer "globalisierten" Gesellschaft, in der alles gleichzeitig passieren muss, damit sie so funktioniert wie sie ist, vergeht die Zeit sehr schnell. Das nächste Virus kommt vielleicht vom niedersächsischen Schwein und tötet Menschen zu 60 Prozent, oder ein Container mit Ebola-Infizierten landet am Nordrand des Mittelmeers, mitten in Saint-Tropez, Rimini oder Rostock.

Man muss über Prävention als Konzept insgesamt und nicht nur je nach Tagesinteresse nachdenken. Die Fragen, wie man Weihnachten im Altenheim veranstalten und den schrecklichen Zumutungen von Arbeit, Familie und unbespaßter Freizeit standhalten soll, sind ein Teil davon. Hunger & Krieg, also das, was die Kommentatorin der "Welt" angeblich umtreibt, gehören natürlich auch dazu; erst recht die "Ungerechtigkeit", dass eine 17-Jährige von einem Amokläufer erschossen wird. Nicht dazu gehört der Subtext "Was interessiert mich Corona, wenn im Jemen Bürgerkrieg herrscht und ein 20-Jähriger an Leukämie sterben muss?" Das ist entweder zynischer Unsinn oder bloße Verbrämung der eigenen Null-Bock-Mentalität. Anders gesagt: Da müsste man dazusagen, was man im Kampf gegen Leukämie und im Bemühen um Frieden im Jemen zu unternehmen gedenkt oder von der Regierung erwartet. Wenn einem da nichts Dringendes einfällt, kann man, so meine ich, vorerst mal daheimbleiben, Sozialkontakte auf ein Minimum reduzieren, Ratschläge und Anordnungen befolgen und abwarten, ob demnächst mal jemand etwas Wichtigeres zu sagen hat, als dass es unerhört sei von diesem Virus, einfach dazubleiben und einem die Laune zu verderben.

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