"Costa Concordia"-Anhörung Erster Offizier wirft Katastrophen-Kapitän Anstiftung zur Lüge vor

Der Kapitän der "Costa Concordia" gerät weiter in Bedrängnis. Sieben Wochen nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs erhebt jetzt auch der Erste Offizier schwere Vorwürfe gegen Francesco Schettino. Dieser soll seiner Mannschaft befohlen haben, die Küstenwache zu belügen.

Helmut Etzkorn

Rom - Sieben Wochen ist es her, dass die "Costa Concordia" vor der toskanischen Küste bei einem riskanten Manöver leckgeschlagen ist. 32 Menschen kamen ums Leben oder gelten bis heute als vermisst. An diesem Samstag hat nun die erste gerichtliche Anhörung zu der Kreuzfahrt-Katastrophe begonnen. Der unter Hausarrest stehende Kapitän Francesco Schettino erschien nicht zu dem Termin. Dafür war jedoch der Erste Offizier des Schiffs, Ciro Ambrosio, zur Stelle - und erhob in seiner Aussage weitere schwere Vorwürfe gegen den Kapitän.

"Kapitän Schettino hat uns befohlen, der Küstenwache zu sagen, dass alles unter Kontrolle sei", sagte Ambrosio laut der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera". Der Kapitän habe offenbar nicht zugeben wollen, wie ernst die Lage war, berichtet auch die Zeitung "Il Fatto Quotidiano" unter Berufung auf Verhörprotokolle.

Überdies habe Schettino an dem Abend nicht wie üblich seine Brille getragen, als er das Kommando auf der Brücke übernahm. Angeblich habe er sie in seiner Kabine vergessen, sagte Ambrosio laut den Medienberichten. Der Anwalt des Ersten Offiziers erklärte, sein Mandant habe als einziger der Offiziere auf der Brücke die Anweisungen des Kapitäns ignoriert.

"Ich habe ihn zum Bug verschwinden sehen"

Die gerichtliche Anhörung fand im italienischen Grosseto in der Nähe der Toskana-Insel Giglio statt, vor deren Küste die "Costa Concordia" am 13. Januar auf Grund gelaufen und gekentert war. Zum Auftakt kamen Hunderte Anwälte von Passagieren sowie einige Überlebende der Katastrophe. Der Andrang war so groß, dass die Anhörung aus dem Gerichtsgebäude in ein Theater verlegt werden und unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten werden musste.

Schettino muss sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, Schiffbruchs vorzeitigen Verlassens des Schiffs verantworten. Er steht derzeit in seinem Anwesen an der Amalfi-Küste unter Hausarrest. Einer seiner Anwälte berichtete, dass Schettino um seine Sicherheit fürchte - und deshalb auch nicht zu der Verhandlung erschienen sei.

Tatsächlich machten zahlreiche Überlebende ihrer Wut Luft: "Ich habe ihn zum Bug verschwinden sehen", sagte Giuseppe Grammatico. Schettino sei mit vier Mannschaftsmitgliedern im ersten Rettungsboot gewesen. Francesca Bertaglia, eine weitere Überlebende des Unglücks, nannte den Kapitän einen "Idioten". Dass er keinen Alarm ausgelöst habe, sei "kriminell".

Der ersten Tag der Anhörung diente vor allem Verfahrensfragen. Das Gericht musste Sachverständige benennen, die die aufgezeichneten Daten und Gespräche sowie weiteres Beweismaterial analysieren werden. Alleine die Auswertung des Stimmrekorders der "Costa Concordia" werde mehrere Monate in Anspruch nehmen, erklärte Staatsanwalt Francesco Verusio im Rundfunk.

Ein Schwerpunkt der Auswertung dürfte auf den Gesprächen des Kapitäns mit seinen Offizieren und mit der Küstenwache liegen. Sie sollen Aufschluss über die Ursache und den Verlauf des Unglücks bringen. Bekannt wurde bereits ein Streit zwischen Schettino und der Küstenwache, in dem der Kapitän wiederholt aufgefordert wurde, auf sein Schiff zurückzukehren.

Schettino wird vorgeworfen, die "Costa Concordia" verlassen zu haben, als sich noch zahlreiche Urlauber und Besatzungsmitglieder an Bord befanden. Das Kreuzfahrtschiff war mit etwa 4200 Personen an Bord vor der Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen und gekentert. Schettino soll vom vorgeschriebenen Kurs abgewichen und zu nah an die Küste von Giglio gefahren sein.

irb/AFP/dapd

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