SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. Oktober 2013, 18:47 Uhr

Zeugin im Schettino-Prozess

"Wenn du die Geliebte bist, fragt keiner nach der Fahrkarte"

Lenkte Domnica Cemortan den Unglückskapitän ab? Nach der Havarie der "Costa Concordia" gab es viele Spekulationen über die geheimnisvolle Blondine. Jetzt sagte die Moldauerin im Prozess gegen Francesco Schettino aus - und gab zu, seine Geliebte gewesen zu sein.

Grosseto - Bereits kurz nach der Havarie der "Costa Concordia" gab es Gerüchte, Domnica Cemortan sei die Geliebte des Kapitäns. Nun hat die Moldauerin im Prozess gegen Francesco Schettino zugegeben, ein Verhältnis mit Francesco Schettino gehabt zu haben. "Ja, ich hatte eine Beziehung mit ihm. Aber nach der Havarie haben wir uns nicht mehr gesehen", sagte sie nach mehrmaligen Nachfragen. Auf das Schiff sei sie ohne Ticket gelangt. "Wenn du die Geliebte von jemandem bist, fragen sie nicht nach der Fahrkarte", sagte die 26-Jährige.

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" war im Januar 2012 vor der italienischen Insel Giglio havariert, 32 Menschen starben bei dem Unglück. Schettino muss sich dafür seit Juli als einziger Angeklagter vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft Schettino vor, das Kreuzfahrtschiff aus Leichtsinn zu nah an die Insel gesteuert zu haben. Dem 52-Jährigen werden unter anderem fahrlässige Tötung und Körperverletzung vorgeworfen.

Cemortan war laut ihrer Aussage in der Unglücksnacht auf der Brücke, über die Rolle der Blondine war lange spekuliert worden. Es hieß unter anderem, sie könnte den Kapitän möglicherweise abgelenkt haben. Cemortan stand auf keiner Passagierliste, ihr Gepäck wurde in Schettinos Kabine gefunden. Italienische Medien hatten sie als "Blondine des Kapitäns" und als "Sirene der 'Costa Concordia'" bezeichnet. Cemortan dementierte daraufhin ein Verhältnis mit dem Kapitän.

"Alles schien normal zu sein"

Die junge Frau war am Abend des Unglücks mit dem Kapitän beim Abendessen. "Schettino hat mir nichts über die geplante Annäherung gesagt", sagte sie vor Gericht. "Sie haben mich auf die Brücke eingeladen, um die Insel anzuschauen." Dorthin habe sie einer der Mitarbeiter begleitet. "Der Kapitän ging vor uns, dann sind wir am Eingang stehen geblieben, bei der Tür", sagte Cemortan.

"Alles schien normal zu sein, ich habe nichts gesehen, weil es dunkel war. Ab einem gewissen Punkt war Stille, und dann hat er angefangen, in Fachbegriffen Kommandos zu geben", berichtete sie. Einer der Offiziere habe die Anweisungen nicht verstanden, dann sei es zur Katastrophe gekommen.

Vor Cemortan hatte der Restaurantmanager der "Costa Concordia" ausgesagt und betont, er selbst habe Schettino darum gebeten, nah an die Insel heranzufahren. Dies habe Schettino daraufhin am 6. Januar - eine Woche vor dem Unglück - angeordnet, er sei mit dem Ergebnis jedoch nicht zufrieden gewesen. "Mir erschien es schon nah genug", sagte der Restaurantmanager. Schettino habe jedoch entschieden, das Manöver am 13. Januar zu wiederholen.

wit/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung