SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

15. Oktober 2012, 19:57 Uhr

"Costa Concordia"-Unglück

Überlebende machen Reederei schwere Vorwürfe

Nach mehrmonatiger Pause wird die Beweisaufnahme zur Havarie der "Costa Concordia" fortgesetzt. Mehr als tausend Menschen kamen ins italienische Grosseto, um Kapitän Schettino zu sehen. Doch Überlebende des Unglücks machen vor allem der Reederei schwere Vorwürfe.

Grosseto - Er kam durch einen Nebeneingang, lange vor dem offiziellen Beginn der Beweisaufnahme. In einem dunklen Anzug und mit Schlips nahm Francesco Schettino, Kapitän der verunglückten " Costa Concordia", bei seinen Anwälten Platz. "Ich will mich offen zeigen", hatte er kurz vor der Anreise zu dem Justiztermin in Grosseto in der Toskana gesagt. Dort hat die italienische Justiz nach mehrmonatiger Pause die Beweisaufnahme zur Havarie des Kreuzfahrtschiffs fortgesetzt.

Der Termin fand in einem Theatersaal und unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Es soll die Beweislage gegen Schettino und acht weitere Beschuldigte erörtert werden, darunter Schiffspersonal und Mitarbeiter des Kreuzfahrtunternehmens Costa Crociere. Der leitende Staatsanwalt Francesco Verusio will die Ermittlungen bis zum Jahresende abschließen. Der eigentliche Prozess beginnt wahrscheinlich im kommenden Jahr.

Bei der Anhörung soll erstmals auch die vollständige Auswertung des Bordschreibers öffentlich gemacht werden. Der Termin war bereits für Juli vorgesehen gewesen. Er wurde allerdings vertagt, weil die Experten zur Auswertung der Black Box mehr Zeit benötigten.

Die "Costa Concordia" mit etwa 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord war am 13. Januar zu nah an die kleine Insel Giglio herangefahren, hatte einen Felsen gerammt und war gekentert. Mindestens 30 Menschen kamen ums Leben.

"Wir wollen Schettino in die Augen schauen"

Mehr als tausend Menschen kamen nach Grosseto, um Schettino zu sehen. "Wir wollen ihm in die Augen schauen und sehen, wie er auf die Beschuldigungen reagiert", sagte der deutsche Überlebende Michael Liessen, der mit seiner Frau an der nicht öffentlichen Anhörung teilnahm.

Anwälte berichteten, Schettino habe die Anhörung konzentriert verfolgt. Seine Verteidiger hätten einige Einsprüche gegen Beweismittel eingelegt. Schettino wird der fahrlässigen Tötung verdächtigt: Er soll das Unglück verursacht und vor Passagieren und Mannschaft von Bord gegangen sein. Er weist die Vorwürfe zurück und hält dagegen, er habe das Schiff noch in flacheres Wasser gesteuert und so sogar Leben gerettet.

Ein Bericht von Experten gab Schettino im vergangenen Monat die Hauptschuld an der Kollision und der katastrophalen Evakuierungsaktion. Er wies aber auch darauf hin, dass nicht alle Besatzungsmitglieder Italienisch verstanden, nicht alle Sicherheitsmaßnahmen auf dem neuesten Stand waren und zudem nicht alle Passagiere an Notfallübungen hatten teilnehmen können.

"Wir haben den Eindruck, es war der Fehler des Unternehmens", sagte Anwalt Peter Ronai, der zehn Passagiere aus Ungarn vertritt. Costa Crociere mache Schettino zum "Sündenbock". Nach Ansicht des US-Anwalts John Arthur Eaves wäre die Katastrophe nicht geschehen, wenn der Schiffseigner die "nötigen Standards" aufgestellt und eingehalten hätte.

aar/dpa/AFP

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung