"Costa Concordia" Kapitän Schettino telefoniert mit Opfer-Familie

Der Kapitän der vor der Insel Giglio havarierten "Costa Concordia" hat offenbar den Bruder eines Hinterbliebenen kontaktiert. In einem 45 Minuten dauernden Telefongespräch drückte er sein Mitgefühl aus - und machte Andeutungen zu weiteren Schuldigen, deren Identität noch nicht bekannt sei.

"Concordia"-Kapitän Francesco Schettino am Fenster seines Hauses in Meta di Sorrento
REUTERS

"Concordia"-Kapitän Francesco Schettino am Fenster seines Hauses in Meta di Sorrento


Grosseto - Kevin Rebello ist der Bruder des bei dem Schiffsunglück vor der italienischen Insel Giglio umgekommenen indischen Kellners Russel. Dessen Leiche wurde nie gefunden. Dem Sender Rai sagte Rebello nun, der damalige Kapitän der "Costa Concordia" habe ihn angerufen.

"Das Telefon klingelt, ich sehe eine unbekannte Nummer und gehe ran", berichtete der Angehörige. Der Unbekannte am anderen Ende präsentiert sich als Francesco Schettino. "Wir haben 45 Minuten gesprochen. Es lief gut", sagte der Bruder des Opfers in der Nachrichtensendung "Tg1". Beide hätten über die Unglücksnacht im Januar gesprochen, Francesco Schettino habe sich "betrübt" gezeigt.

Russel zeigte sich verständnisvoll: Schettino, so meint er, durchlebe gerade "eine viel schwierigere Phase" als die Hinterbliebenen. "Ich habe seinen Schmerz verstanden, er hat meinen verstanden." Schettino habe ihn zu sich nach Hause eingeladen, "ich würde dich gern persönlich kennenlernen".

Aber auch eine gewisse Verbitterung sei zu spüren gewesen. Schettino habe darauf hingewiesen, dass er nicht der Alleinschuldige an dem fatalen Unglück sei. "Er wollte mir bedeuten, dass es noch viele weitere Verantwortliche gibt, dass alles noch herauskommen werde." Über seine eigene inkompetente Reaktion auf das Unglück sagte Schettino demnach: ''Ich war da auf dem Felsen und schaute auf das Schiff und hatte keine Ahnung was ich machen sollte." Dem Kapitän wird unter anderem Havarie und Verlassen des Schiffes noch während der Evakuierung zur Last gelegt.

Das Kreuzfahrtschiff war zu nahe an die Insel Giglio herangefahren, hatte einen Felsen gerammt und war dann mit 4200 Passagieren und Crew-Mitgliedern an Bord gekentert. 32 Menschen starben, darunter zwölf Deutsche. Gegen mehrere Offiziere und Vertreter der Reederei wird ermittelt. Schettino und die Reederei beschuldigten sich gegenseitig, für die folgenschwere Havarie verantwortlich zu sein.

Derweil bleibt das vor der toskanischen Insel liegende Wrack der "Costa Concordia" ein beliebtes Ziel für Touristen. "Seit dem Schiffbruch gibt es einen Boom solcher Touristen, die zwei, drei Stunden auf der Insel bleiben", zitierte die Zeitung "La Repubblica" den Bürgermeister Sergio Ortelli. Allein im Juli habe es 80.000 Besucher gegeben. Der 290-Meter-Koloss soll bis 2013 geborgen werden.

ala/dpa

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
einsteinalbert 15.08.2012
1. zu seiner Entschuldigung
gibt es nichts . . . aber auch gar nichts zu sagen. Er allein hatte das Kommando über den Kurs. Selbst wenn der Veranstalter oder die Reederei von ihm verlangt hätten, einen riskanten Kurs zu steuern, so war er zu keiner Zeit daran gebunden. So einfach ist das.
fanmail for dave 15.08.2012
2. so ist das !
@ einsteinalbert : kürzer, knapper und exakter auf den Punkt kann man es nicht formulieren. schettino ist ein verantwortungsloser, rückgratloser, charakterloser, erbärmlicher, ehrloser versager und lump. Er verdient die Bezeichnung "Kapitän" nicht länger. Weshalb ? Weil er ursächlich für den vollkommen unnötigen Tod von 32 Menschen verantwortlich ist. Es handelt sich eben nicht um einen "unausweichlichen Unfall" sondern wenigstens um fahrlässige Tötung, wenn nicht Totschlag. Das er nicht zu seiner Schuld steht, sich nicht vorbehaltlos bei den Hinterbliebenen der Opfer entschuldigt, sondern stattdessen sogar angebliche "Mitschuldige" und "Verschwörungstheorien" ins Spiel bringt, zeigt seine schwerwiegenden Charakterdefizite und Ehrlosigkeit.
steeldust2001 15.08.2012
3. Zu einfach gedacht
Wenn Euer Arbeitgeber Euch eine Anweisung gibt, obwohl Ihr wisst, dass es ein Risiko ist, dann habt Ihr die Wahl, es zu machen, oder Ihr werdet ausgetauscht. Einzige Ausnahme: Politiker. Die können, obwohl Gehaltsämpfänger vom Volk, machen, was sie wollen. Aber zurück zu Schettino. Er trägt die Schuld, keine Frage. Aber ich kann seine Wut auf seinen ehemaligen Arbeigeber voll verstehen. Der möchte nun die volle Verantwortung auf ihn abwälzen, und das ist nicht in Ordnung. Es geht hier schließlich nicht irgendeine Bagatelle, sondern um fahrlässige Tötung in 32 Fällen. Ich bin mal gespannt, was da noch so ans Tageslicht kommt und hoffe, dass ALLE Verantwortlichen bestraft werden.
alzaimar 16.08.2012
4. Klar, die Befehlsempfänger
Ich will ja nicht die Plattitüde des 3.Reich-Vergleiches bringen, aber im Allgemeinen bzw. historisch gesehen ist es so, das auch und insbesondere die Befehlsgeber zur Rechenschaft zu ziehen sind. Das ein Kapitän das sinkende Schiff als einer der Ersten verlässt, ist sicherlich keine Vorgabe der Reederei, aber unverantwortlich dicht an Inseln heranzufahren schon. Man sollte differenzieren, und nicht stammtischgleich auf den einzig Greifbarn druffknüppeln. Bischen wenig nachgedacht, Herr einsteinalbern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.