Plädoyers im "Costa Concordia"-Prozess Anwalt fordert Freispruch für Kapitän Schettino

Die Anklage bezeichnet ihn als "unvorsichtigen Idioten", die Verteidigung verweist auf seinen guten Willen: Im Prozess gegen "Costa Concordia"-Kapitän Francesco Schettino appellierten die Anwälte an den Realitätssinn der Richter - und ihren Nationalstolz.

Freispruch für Ex-Kapitän Francesco Schettino gefordert: "Seien Sie objektiv!"
AFP

Freispruch für Ex-Kapitän Francesco Schettino gefordert: "Seien Sie objektiv!"


Grosseto - Mehr als drei Jahre nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" hat die Verteidigung einen Freispruch für Kapitän Francesco Schettino gefordert.

Es gebe keinen Zusammenhang seines Handelns mit dem Tod von 32 Passagieren, sagte Anwalt Domenico Pepe am Montag vor dem Gericht im italienischen Grosseto. Das Unglück sei ein "unvorhergesehenes, außergewöhnliches und nicht absehbares" Ereignis gewesen, ein "Unfall auf dem Meer".

Um seiner Argumentation Nachdruck zu verleihen, appellierte Pepe an das Nationalgefühl der Richter und Zuhörer im Saal: "Geben Sie diesem Land und der italienischen Seefahrt das Ansehen wieder, das man so voreilig schädigen wollte. Seien Sie objektiv!", sagte Pepe. "Ich bin es leid, dass diese Nation immer wieder angegriffen wird. Wir sind nicht böse, hässlich und unehrlich." Dass ohne das fatale Fehlmanöver Schettinos am 13. Januar 2012 niemand auf die Idee gekommen wäre, Italiens Kapitäne zu diskreditieren, sagte er nicht.

Die "Costa Concordia" war mit mehr als 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern vor der Mittelmeerinsel Giglio gegen einen Felsen geprallt und gekentert. Insgesamt 32 Menschen starben, darunter zwölf Deutsche. Schettino steht unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und vorzeitigen Verlassens seines Schiffs vor Gericht.

Pepe erklärte, sein Mandant habe die "Costa Concordia" und ihre Passagiere nicht im Stich gelassen. Die Realität sei "manipuliert worden".

"Hätte er die Evakuierung einen Kilometer von der Küste entfernt angeordnet, wäre das Schiff unkontrollierbar gewesen und nicht alle Rettungsboote hätten die Küste erreicht", sagte Pepe vor Gericht. Als erfahrener Seemann habe Schettino deswegen das verunglückte Schiff fast bis zur Küste geführt. Sein Mandant habe "45 Minuten gehabt, um über das Leben von fast 4500 Menschen zu entscheiden". Letztlich hätte Schettino durch seine Entscheidung der Mehrheit der Passagiere das Leben gerettet, argumentierte der Verteidiger.

Anwalt Pepe und Schettino im Café des Teatro Moderno in Grosseto
REUTERS

Anwalt Pepe und Schettino im Café des Teatro Moderno in Grosseto

Schettinos Anwalt beantragte, die geringste mögliche Strafe gegen den 54-Jährigen zu verhängen und mildernde Umstände anzuerkennen. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von 26 Jahren und 3 Monaten gefordert. Ein Urteil in dem Prozess wird noch in dieser Woche erwartet.

Im Prozess hatte Schettino die Vorwürfe gegen seine Person mehrfach zurückgewiesen. Er gab an, in das Rettungsboot gefallen und dann an Land geblieben zu sein, um von dort aus die Rettungsarbeiten zu koordinieren. Aus dem Funkgespräch mit dem Leiter der Küstenwache geht hervor, dass sich der Kapitän nach seiner Flucht vom Schiff weigerte, an Bord zurückzukehren. Das brachte Schettino den Titel "Kapitän Feigling" ein.

ala/dpa/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.