"Costa Concordia"-Prozess Capitano dilettante vor Gericht

Fahrlässige Tötung von 32 Menschen, Havarie, vorzeitiges Verlassen des Schiffes: So lauten die Vorwürfe gegen Francesco Schettino, den Kapitän der "Costa Concordia". 18 Monate nach dem Unglück soll nun der Prozess beginnen - wenn ihn streikende Rechtsanwälte nicht verzögern.

AFP

Rom - Das Mittelmeer vor der kleinen Toskana-Insel Giglio, der Abend des 13. Januar 2012, an Bord der "Costa Concordia" herrscht Chaos. Der deutsche Passagier Egon H., 75 Jahre alt, findet auf der Backbord-Seite des Kreuzfahrtschiffes keinen Platz in einem Rettungsboot. Er versucht, unter Deck auf die andere Seite zu kommen. Doch am Eingang zum Ristorante Milano erwischt ihn das Wasser, das alles mitreißt, als das Schiff auf die Seite kippt. H. ertrinkt im Korridor vor Kabine 2414.

Erika M., 27, mixte Cocktails an der Wine Bar Budapest. Die Peruanerin will sich mit einem Floß retten. Der Versuch misslingt, sie fällt ins Wasser und wird vom Sog des umstürzenden Schiffes in die Tiefe gerissen.

Der Franzose Francis S. springt ins Meer, um ans nahe Ufer zu schwimmen, gerade als das riesige Schiff auf die Seite kippt. Der gewaltige Sog zieht ihn auf den Meeresgrund.

Maria I. sitzt schon im Rettungsboot, muss aber wieder herausklettern - wegen der inzwischen extremen Neigung des Schiffes ist das Boot nicht mehr ins Wasser zu bringen. Die Italienerin versucht, die andere Seite des Schiffes zu erreichen, scheitert aber. Als die "Costa Concordia" vollends kippt, springt oder stürzt die 32-Jährige ins Meer und ertrinkt trotz Schwimmweste.

Vier von insgesamt 32 Menschen an Bord der "Costa Concordia", die den Abend des 13. Januar 2012 nicht überlebten. Die Schicksale der verstorbenen Passagiere sind in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft aufgelistet.

Am Dienstag soll in der südtoskanischen Provinzhauptstadt Grosseto, zu deren Revier die Insel Giglio gehört, der Prozess gegen den Unglückskapitän Francesco Schettino beginnen.

32 Menschen starben, weil die "Costa Concordia" einen Felsen unter Wasser rammte. Die meisten der rund 3200 Passagiere saßen beim Dinner, die Tische waren festlich gedeckt, die Gäste guter Dinge - da knallte es. Gläser, Flaschen, Geschirr flogen vom Tisch. Das Licht ging aus. Die Schiffsführung glaubte zunächst an einen "technischen Defekt" - oder gab zumindest vor, daran zu glauben.

Man forderte die Passagiere auf, in ihre Kabinen zu gehen. Kaum einer ging allerdings. Der sofortige und fachmännische Beginn einer Evakuierung hätte womöglich das Schlimmste verhindert. Denn das Unglück geschah ganz nahe am Ufer von Giglio. Aber was unmittelbar vor und nach dem Unglück geschah, war - so listet es zumindest die Anklage seitenlang auf - nicht fachmännisch, sondern dilettantisch, unfähig und kriminell.

Reederei kauft sich mit einer Million Euro frei

Um einen ehemaligen Kollegen auf der Insel mit einem Manöver zu grüßen, das in Italien "inchino" ("Verneigung") heißt, ließ der Kapitän das rund 300 Meter lange Schiff extrem nah an der felsigen Inselküste vorbeifahren. Direkt vor dem Hafen, so will es der "inchino"-Brauch, hätten dann die Schiffssirenen ertönen sollen. Dazu kam es nicht mehr.

Das Manöver sei zwar streng verboten, komme freilich häufig vor, heißt es in der Branche. Und die Reedereien deckten oder förderten gar solche halsbrecherischen Aktionen, weil sie bei den Zuschauern an Land die Lust weckten, möglichst bald selbst an Bord eines solch herrlichen, hellerleuchteten Schiffes zu reisen.

Wie es sich bei den Reedern der "Costa Concordia" in diesem konkreten Fall verhielt, das wird juristisch nicht mehr unter die Lupe genommen. Die Kreuzfahrtgesellschaft "Costa Crociere" einigte sich schon im April dieses Jahres mit der Justiz auf einen Vergleich: Gegen eine Strafzahlung von einer Million Euro - die Höchstsumme im italienischen Recht - werden die Ermittlungen gegen das Unternehmen eingestellt.

Prozess am Dienstag - sofern die Anwälte nicht streiken

So muss Kapitän Schettino voraussichtlich allein vor Gericht für die Katastrophe geradestehen. Denn auch seine fünf Mitbeschuldigten - zwei Offiziere, der Steuermann und zwei weitere leitende Crew-Mitglieder - stehen in Verhandlungen mit der Staatsanwaltschaft: Ohne Verfahren, ohne Beweisaufnahme will man sich auf ein Strafmaß einigen. Für Schettino lehnte die Staatsanwaltschaft einen ähnlichen Deal ab.

Dem Kapitän soll nun ab Dienstag - sofern ein landesweiter Streik der italienischen Rechtsanwälte das nicht unmöglich macht - der Prozess gemacht werden. Fahrlässige Tötung heißt die Anklage, Körperverletzung, Havarie und anderes mehr, darunter vorzeitiges Verlassen des Schiffes. Noch während der Evakuierung habe sich Schettino auf und davon gemacht und seine Passagiere allein gelassen.

Die Höchststrafen summierten sich theoretisch, so die Staatsanwaltschaft, auf 2697 Jahre Haft. Für den anstehenden Prozess wurde eigens ein Theater zum Gerichtssaal umgewidmet.

Erwartet wird ein gigantisches Aufgebot: Insgesamt 4228 Menschen gelten als geschädigt, dazu 31 Firmen oder öffentliche Einrichtungen, 242 zivile Nebenkläger mit zusammen 62 Anwälten sind vom Gericht zugelassen, dazu kommen Journalisten aus aller Welt. Vielleicht ja auch, zunächst, vergeblich - falls die Advokaten streiken.

insgesamt 55 Beiträge
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zwuck 08.07.2013
1. Bitte sachlich
"Capitano dilettante" - das überlassen wir doch als Aufmacher lieber der BILD. Ein im Sinne eines sachlichen Journalismus nicht gerade sehr gewinnbringender Aufmacher. Und Sachlichkeit sollte gerade angesichts einer solchen Tragödie doch oberste Priorität haben. Danke.
monolithos 08.07.2013
2. Sitzplatzvergabe für Medien?
Ist die Sitzplatzvergabe für die Medienvertreter schon geregelt? Oder stellt sich das Problem nach der Umnutzung des Theaters nicht mehr? Wäre sowas auch in München möglich gewesen? Da hatte man ja nur Theater gemacht ...
fanmail for dave 08.07.2013
3. Unsinn
Zitat von zwuck"Capitano dilettante" - das überlassen wir doch als Aufmacher lieber der BILD. Ein im Sinne eines sachlichen Journalismus nicht gerade sehr gewinnbringender Aufmacher. Und Sachlichkeit sollte gerade angesichts einer solchen Tragödie doch oberste Priorität haben. Danke.
Was sollen diese semantischen Wortklaubereien angesichts der absoluten Schwere der Tat des Angeklagten !? Man könnte schettino mit gewisser Rechtfertigung auch als "Killer" bezeichnen - per Überschrift oder nicht. Schließlich ist der typ zweifelsfrei als ultimativ Verantwortlicher Schuld am Tod von 32!!! Menschen. Nein, natürlich hat er sie nicht selbst aktiv getötet, es klebt kein "Blut an seinen Händen", wie es so "schön" heißt - dennoch ist er genauso schuldig, wie die berühmten "Schreibtischtäter" in jedem anderen Verbrechen. Er ist kein Mörder, jedoch ein Totschläger qua Definitionem. Er hat den völlig unnötigen, vermeidbaren Tod der Passagiere durch sein Versagen, seine Fehlentscheidungen in Kauf genommen. Und kommen sie mir jetzt nicht mit weiteren pc-Wortspielereien, wie "der mutmaßlich Schuldige", etc... Juristisch ist das bis zum Urteilsspruch korrekt, jedoch gibt es längst ausreichend publizierte Fakten, die es zulassen, schettino als Verantwortlichen und damit als Täter zu identifizieren. Darüber kann es bereits jetzt -nach menschlichem Ermessen- keinen begründeten Zweifel mehr geben. schettino verdient auch nicht länger die (Berufs-)bezeichnung "Kapitän", denn er hat die ihm anvertrauten Menschen im Augenblick des Unfalls schmählich und feige alleingelassen. Er ist geflohen wie ein kleiner Schuljunge. Er lehnt bis heute jede Verantwortung ab. Der typ ist erbärmlich!
reever_de 08.07.2013
4. Klar versagt ...
"Nein", er hätte nicht unbedingt "bis zuletzt" an Bord bleiben müssen. Aber, "Ja", er hätte organisieren, anleiten, koordinieren und helfen können; das Chaos richten müssen. Alles nicht passiert, nur den eigenen A**** gerettet. Traurig, uneinsichtig und letztendlich auch feige.
Fred Frosch 08.07.2013
5. Fanmail
Ah - Sie kennen Schettino ! ? Ja dann....
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