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16. Oktober 2012, 15:42 Uhr

"Costa Concordia"-Unglück

Reederei sieht sich durch Gutachten entlastet

Wer trägt die Verantwortung für die Havarie der "Costa Concordia"? Die Reederei sieht die Schuld bei Kapitän Schettino - eine Experten-Analyse zeige: Das Krisenmanagement des Kreuzfahrtunternehmens habe "praktisch alles getan, was möglich war". Die Küstenwache sieht das anders.

Grosseto - Die Beweisaufnahme läuft - und die Reederei der havarierten "Costa Concordia" sieht sich durch ein Sachverständigengutachten zu dem Schiffbruch im Januar entlastet. In einer Analyse hätten die Fachleute den Costa-Krisenmanagern bescheinigt, in der Unglücksnacht "praktisch alles getan zu haben, was ihnen möglich war". Das sagte der Anwalt der Genueser Reederei Costa Crociere, Marco De Luca, in Grosseto.

Bei der dort andauernden Beweisaufnahme zu dem Unglück hatten die von der Ermittlungsrichterin eingesetzten Gutachter am Montag erläutert, wie sich die Costa-Kriseneinheit verhalten hat. Diese hatte während der Havarie Kontakt zu der Kommandobrücke.

Das Kreuzfahrtschiff sei am 13. Januar so extrem schnell voll Wasser gelaufen und gekentert, "dass die Kriseneinheit dem Schiff keinerlei sinnvolle technische Hilfe geben konnte", sagte der Anwalt in einer Pause der nichtöffentlichen Anhörung. De Luca hob hervor, dass das 290-Meter-Schiff mit mehr als 4000 Menschen an Bord von der Besatzung dann in kurzer Zeit evakuiert worden sei.

Die italienische Küstenwache wirft der Reederei dagegen vor, die Schifffahrtsbehörden in der Nacht der Havarie nicht ausreichend informiert zu haben. Costa Crociere habe die irreführenden Informationen nicht korrigiert, die Kapitän Francesco Schettino dem Hafenamt in Livorno gegeben habe. 40 Minuten nach dem Unglück habe die Reederei auch gewusst, "dass das Schiff noch um keinerlei Hilfe gerufen hatte und auch nicht handelte."

Gegenseitige Schuldzuweisungen

An der Sitzung am Dienstag nahm wie schon am Vortag Unglückskapitän Schettino teil. Schettino und die Reederei schoben sich in der Vergangenheit wiederholt gegenseitig die Verantwortung zu. Mit der mehrtägigen Anhörung wird nun der Prozess zu dem Unglück vor der Insel Giglio mit 32 Toten vorbereitet.

Der Bericht von Experten gab Schettino im vergangenen Monat die Hauptschuld an der Kollision. Er wies aber auch darauf hin, dass nicht alle Besatzungsmitglieder Italienisch verstanden, nicht alle Sicherheitsmaßnahmen auf dem neuesten Stand waren und zudem nicht alle Passagiere an Notfallübungen hatten teilnehmen können.

"Wir haben den Eindruck, es war der Fehler des Unternehmens", sagte Anwalt Peter Ronai, der zehn Passagiere aus Ungarn vertritt. Costa Crociere mache Schettino zum "Sündenbock". Nach Ansicht des US-Anwalts John Arthur Eaves wäre die Katastrophe nicht geschehen, wenn der Schiffseigner die "nötigen Standards" aufgestellt und eingehalten hätte.

Die "Costa Concordia" war Mitte Januar zu nahe an die toskanische Insel herangefahren, hatte einen Felsen gestreift und war gekentert. Mit einem Prozess gegen Schettino und andere führende Mitglieder der Besatzung und der Reederei Costa Crociere ist frühestens 2013 zu rechnen. Die Anhörung in Grosseto dürfte mindestens bis Mittwoch dauern.

Rund neun Monate nach der Havarie haben unterdessen nach Angaben der Reederei zwei Drittel der Überlebenden die pauschale Entschädigung von 11.000 Euro angenommen. Rund zehn Prozent der 3050 Passagiere hätten hingegen Klagen angestrengt, teilte das Unternehmen mit.

wit/dpa/AFP

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