"Costa Concordia" Kapitän soll angeblich Flucht im Hubschrauber geplant haben

Was genau geschah an Bord der "Costa Concordia"? Jetzt erhebt die Ex-Geliebte des Kapitäns in Interviews Vorwürfe gegen Francesco Schettino. Sie berichtet von einer geplanten Flucht im Helikopter und einem ominösen Koffer.

AP

Livorno - 32 Menschen starben, als das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" am 13. Januar 2012 vor der italienischen Insel Giglio einen Felsen rammte und havarierte. Lange ist gerätselt worden über das undurchsichtige Krisenmanagement von Kapitän Francesco Schettino, der noch immer wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, Schiffsbruch und vorzeitigen Verlassens des Schiffes vor Gericht steht.

In der Unglücksnacht war die Moldauerin Domnica Cemortan an der Seite des Commandante. Vom 9. bis zum 26. Dezember 2011 hat sie laut eigenen Angaben an Bord der "Costa Concordia" gearbeitet und in dieser Zeit eine Affäre mit Schettino gehabt. Ihre Rolle während der Havarie ist nach wie vor unklar.

Vor zwei Tagen sorgte ein angeblich auf ihrer Facebook-Seite geposteter Eintrag für Aufregung: "Francesco Schettino, ich gebe dir sechs Tage, um die Wahrheit darüber zu sagen, was unmittelbar nach der Aufforderung, das Schiff zu verlassen, passiert ist. Nur sechs Tage", soll sie laut italienischen Medien geschrieben haben. Weil der Eintrag offenbar gelöscht wurde, ist dies nicht mehr nachzuvollziehen.

Welchen Informationsvorsprung hat also Cemortan? Im Interview mit der Zeitschrift "Oggi" ("Heute") legte sie jetzt nach. Dem Artikel vorangestellt sind drei Fotos, die so gar nicht zum ernsten Hintergrund der Geschichte passen wollen: Auf einem schaut Cemortan schmunzelnd über den Rand einer schwarzen Brille in die Kamera, auf dem zweiten streckt sie die Zunge heraus und macht sich selbst Hasenohren, auf dem dritten hat sie die Hände wie zum Gebet verschränkt.

"Während an Bord die Hölle ausbrach, wurde ein schneller Abgang von wenigen Privilegierten vorbereitet"

Einen Moment der Unglücksnacht auf der "Costa Concordia" rekapituliert sie folgendermaßen: Während die Passagiere versucht hätten, in die Rettungsboote zu gelangen, habe Schettino sich auf die Brücke 11 begeben, sagte Cemortan dem Blatt. Sie selbst und der Empfangschef seien beim Kapitän gewesen: "Auch wenn Schettino behauptet, dass er da rauf gegangen ist, um die Lage des Schiffes zu kontrollieren, sage ich, dass wir dort waren, um auf einen Helikopter zu warten, der uns alle drei wegbringen sollte."

Francesco Schettino sei während des Wartens sichtlich nervös gewesen und habe sich permanent umgeschaut. Nach einem Telefongespräch mit einer ihr nicht bekannten Person habe er den ursprünglichen Plan allerdings verworfen. Im Interview interpretiert Cemortan es so: "Während an Bord die Hölle ausbrach und viele Menschen ihr Leben verloren, wurde ein schneller und schmerzloser Abgang von wenigen Privilegierten vorbereitet." Wenn sich diese Aussagen beweisen ließen, würde dies den Kapitän noch weiter diskreditieren und mit großer Wahrscheinlichkeit Einfluss auf das Strafmaß haben.

Bisher jedoch ist es nur eine Erzählung von Frau Cemortan. Auch dem rumänischen Kanal Observator.tv gab sie ein Interview. Hier erklärte sie, der Helikopter sei etwa zwei Stunden später aufgetaucht, dem Piloten sei ein ominöses Paket übergeben worden. Inhalt unbekannt.

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"Costa Concordia": So sieht es im Innern des Kreuzfahrtschiffs aus
Chronologie einer Katastrophe

ala

insgesamt 4 Beiträge
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paddyman 01.10.2014
1. Unvorstellbar
Und dann? Was wäre danach passiert, wenn der Kapitän mit dem Helikopter abgeflogen wäre? Hätte er sich dann den Rest seines Lebens versteckt? Das ist nicht nachvollziehbar, allenfalls als Kurzschlussreaktion.
spiegelwelt 01.10.2014
2. Möchte nie in seine Situation kommen
Natürlich hat er aus rechtlicher und moralischer Sicht falsch gehandelt und dafür muss er zur Rechenschaft gezogen werden. Aber aus rein emotionaler Sicht ging für ihn um sein Leben - und wer selbst bereit wäre, zu sterben, wenn es eine Alternative gibt, werfe den ersten Stein. Auch wenn man es nicht gut heißt, kann man es nachvollziehen.
minipli 02.10.2014
3. ....
Ich hab da mal einen Bericht gelesen, daß er in seinem Kaff ein Held ist.
zauselfritz 10.10.2014
4.
Zitat von spiegelweltNatürlich hat er aus rechtlicher und moralischer Sicht falsch gehandelt und dafür muss er zur Rechenschaft gezogen werden. Aber aus rein emotionaler Sicht ging für ihn um sein Leben - und wer selbst bereit wäre, zu sterben, wenn es eine Alternative gibt, werfe den ersten Stein. Auch wenn man es nicht gut heißt, kann man es nachvollziehen.
Es gibt da nichts nachzvollziehen. Er war der Kapitän, nicht der Kellner - da weiss man worauf man sich einlässt und worum es geht. Wer nicht bereit ist für die Sicherheit der anvertrauten Gäste zu sorgen indem man die Evakuierung bis zum Schluss zu überwacht, auch wenn das heisst nicht als erstes die eigene Haut zu retten, der darf diesen Beruf (und viele, viele andere) gar nicht erst in Erwägung ziehen. Ausserdem war er oben auf der Brücke deutlich geringerer Gefahr ausgesetzt als die Passagiere die in ihren Kabinen ertrunken sind...
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