Angriff in Dallas Blaue Stunden

Die USA stehen unter Schock: Der Angriff von Dallas legt offen, wie brüchig das Fundament des Landes geworden ist. In der Stadt und in der ganzen Nation fragt man sich: Wie kann der Hass gestoppt werden?

Trauernde Amerikaner gedenken der Opfer in Dallas
DPA

Trauernde Amerikaner gedenken der Opfer in Dallas

Aus Dallas berichten und


Als die Erinnerung an das letzte gemeinsame Gebet hochkommt, steht Mike Rawlings in der Menschenmenge und kämpft mit seinen Gefühlen. "Wieder müssen wir uns hier treffen", sagt er mit brüchiger Stimme, "erst vor einigen Wochen haben wir hier den Jahrestag der Charleston-Morde gedacht und kurz davor der Toten von Orlando".

Hunderte Bürger haben sich am Freitagmittag im Thanksgiving-Park in der Innenstadt von Dallas um ihren Bürgermeister versammelt. Sie halten sich an den Händen, sprechen sich gegenseitig Mut zu. Tränen fließen. Gemeinsam versuchen sie zu begreifen, wie es zu den Ereignissen des Vorabends kommen konnte, als der 25-jährige Micah Johnson während der Anti-Rassismus-Demonstration fünf Polizisten erschoss. Doch es gibt keine schnellen Antworten.

Dallas steht an diesem Tag unter Schock - und mit der Stadt in Texas die gesamten Vereinigten Staaten. Die Polizistenmorde des 7. Juli markieren das grausame Ende einer Woche, in der zunächst Alton Sterling in Louisiana durch die Waffe eines Polizisten starb und kaum 48 Stunden danach Philando Castile in Minnesota. Wieder ist es das Aufeinandertreffen von Weißen und Schwarzen, das die Nation aufwühlt und zu zerreißen scheint. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so wirkt es in diesen Tagen in den USA.

In der Stadt wird an vielen Orten getrauert, Menschen finden sich zu Kundgebungen oder spontanen Runden zusammen. Die Stimmung ist bedrückend, in Downtown sind viele Straßen rund um den Tatort abgesperrt, Polizeiwagen stehen an jeder Ecke, am Himmel kreisen die Hubschrauber.

Video aus Dallas: "Eine Stadt sucht nach Antworten"

Am Vormittag treten vor dem Rathaus einige der Organisatoren der Proteste vom Donnerstag auf. Sie wollen, ja müssen etwas sagen. Sie haben Angst, dass die Schüsse von Micah Johnson ihre und andere Demonstrationen gegen Polizeigewalt delegitimieren könnten. "Wir sind so geschockt wie alle hier in Dallas", betont ein Pfarrer. "Nicht im Traum haben wir daran gedacht, dass am Ende der Proteste fünf Polizisten tot sein könnten."

Der Pfarrer geht noch einmal den Horror der Nacht durch. Stundenlang verlief alles friedlich. Rund tausend Menschen waren durch die Innenstadt marschiert. Hier und da machten Polizisten und Protestler Selfies, Kinder waren unterwegs, Schwarze, Weiße, Alte und Junge, Latinos und Asiaten. Konflikte? Nirgends. Das sollte die Botschaft sein. Die Polizei von Dallas verschickte die Harmoniefotos per Twitter.

Gegen neun Uhr am Abend fielen plötzlich die Schüsse. Chaos brach aus. Die Menschen stürmten davon oder verschanzten sich in umliegenden Gebäuden. Sirenen heulten, der Sound von Gewehrfeuer knallte durch die Straßen. Für ein paar Minuten herrschte in Dallas Kriegszustand. Schnell war klar: Einige Beamte waren tödlich getroffen. Aber von wem? Und von wie vielen Angreifern?

Die Polizei jagte ein Foto von einem Verdächtigen über die sozialen Netzwerke. Camouflage-Kleidung, ein Gewehr um die Schulter, Krieger-Look. War aber kein Krieger. War ein Demonstrant. Gegen halb elf eskalierte am unweit vom Tatort entfernten Community College El Centro die Lage. Ein Mann hatte sich dort im Parkhaus verschanzt - der Hauptverdächtige Micah Johnson.

Es gab ein Feuergefecht. Dann Verhandlungen. Micah Johnson drohte den Polizisten mit "dem Ende", er sagte, er habe gezielt weiße Beamte töten wollen aus Wut über die jüngsten Fälle von Polizeigewalt. Und als die Verhandlungen scheiterten, schickten die Beamten einen Roboter mit Sprengkopf zu ihm. Micah Johnson war auf der Stelle tot.

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Tödliche Schüsse in Dallas: Eine blutige Nacht

Nicht alle Fragen sind bislang geklärt. Agierte Micah Johnson allein? Wenn ja, was war wirklich sein Motiv? Micah Johnson war Soldat, er diente ein gutes halbes Jahr in Afghanistan. Zu Hause fand man bei ihm angeblich Bombenmaterial, schusssichere Westen, Waffen. War er krank? Oder war alles strategisch geplant - womöglich mit Unterstützern? Warum sprach die Polizei zunächst von mehreren Heckenschützen? Drei weitere Verdächtige nahm die Polizei fest, doch was sie sagen und ob sie bei dem Angriff überhaupt eine Rolle spielten, dazu schweigen die Behörden. Klar ist nur: Für die Morde hätte es kaum einen schlechteren Zeitpunkt geben können.

Die Polizistenmorde treffen die USA in einer Woche, in der ohnehin schon emotional über das Verhältnis von Polizisten und Bürgern diskutiert wurde. Nachdem am Montag in Louisiana und am Mittwoch in Minnesota die Afroamerikaner Alton Sterling und Philando Castille starben, begannen überall im Land Demonstrationen gegen Rassismus in der Polizei. Zu fragwürdig war das Verhalten der Beamten gewesen. In beiden Fällen hatten Videos den Todeskampf der jungen Afroamerikaner dokumentiert.

Nach dem offenbaren Racheakt an den fünf Beamten sind die USA nun traumatisiert. Plötzlich wirken die Demonstrationen gegen übermäßige Polizeigewalt deplatziert, plötzlich scheint die Polizei selbst geschützt werden zu müssen. "Wie können wir es schaffen, die ein Prozent unverantwortlichen Polizisten zurechtzuweisen und gleichzeitig die anderen 99 Prozent zu schützen", sagte ein spürbar verzweifelter Bürgermeister Rawlings am Freitag in Dallas. Die Debatte ist verfahren, mal wieder. Nun ist die Politik gefragt.

Video: Der Albtraum von Dallas

Etwas, immerhin, scheint anders. Vor wenigen Wochen, als in Orlando ein Sympathisant des "Islamischen Staates" in einem Nachtclub 50 Menschen erschoss, da gingen die politischen Lager aufeinander los. Donald Trump, der Republikaner, unterstellte dem Präsidenten indirekt eine Mitschuld. Die Demokraten machten wiederum alle Republikaner zu Komplizen des Attentäters, weil sie sich gegen strengere Waffengesetze sträuben.

Nach dem Horror von Dallas und den Todesfällen in Louisiana und Minnesota scheint es, als würde die Politik wenigstens für einen Moment innehalten. Keine Schuldzuweisungen, wenig Streit, stattdessen viele Mahnungen: Wir müssen den Hass bekämpfen, wir müssen zusammenhalten. Sonst bricht das Land auseinander.

Selbst die härtesten Republikaner intonieren ihre Stellungnahmen vorsichtig. Trump ließ wissen, er bete für alle Familien, die in den vergangenen Tagen Angehörige verloren hätten. Sein möglicher Vize Newt Gingrich ließ sich mit den bemerkenswerten Satz vernehmen, normale weiße Amerikaner verstünden nicht, was es hieße, als Schwarzer in den USA zu leben und sie würden "instinktiv das Niveau der Diskriminierung und der zusätzlichen Gefahren unterschätzen". Ändert sich etwas in der Rhetorik? Es wäre ein Anfang.

Wenn auch ein kleiner. Die Politik in Washington ist das eine. Nach Tragödien wie jener am Donnerstag müssen vor Ort die Wunden heilen, muss neues Vertrauen entstehen. Das dauert.

Vor dem Hauptsitz der Polizei von Dallas stehen zwei Streifenwagen. Sie sind bedeckt von einem Blumenmeer und Solidaritätsbekundungen. "Blue Lives Matter", steht auf einem Schild in Anlehnung an die Polizeifarbe und in Abgrenzung des Slogans "Black Lives Matter" der Schwarzenbewegung. Unter einem Baum haben sich mehrere Beamte versammelt. Ein Afroamerikaner steht vor den Polizisten. Er hält ein Schild in die Höhe.

"Wir wollen Freiheit", steht darauf.

Polizistenmorde in Dallas

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