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09. Juli 2016, 14:52 Uhr

Soziale Medien bei US-Schießereien

Der Tod im Livestream

Von , New York

Alton Sterling, Philando Castile, das Dallas-Massaker: Die tödlichen US-Schießereien in dieser Woche haben eines gemein - sie wurden per Handy-Video festgehalten und teils sogar live ins Netz gestellt. Ist das gut?

Philando Castile ist am Steuer zusammengesackt. Sein Kopf ist nach hinten gefallen, seine Augen sind aufgerissen. Blut sickert in sein T-Shirt. Noch bewegt sich der Mann, er stöhnt vor Schmerzen. Dann erstarrt er.

Diamond Reynolds hält den Tod ihres Verlobten vom Beifahrersitz aus per Handy-Kamera fest. Mehr noch: Sie streamt das Video live über Facebook. Durchs Fenster ist die Waffe eines Polizisten zu sehen, noch fest im Anschlag.

"Bitte, bleib bei mir", fleht Reynolds. Trotzdem ist sie gefasst, protokolliert und kommentiert diesen Albtraum und versucht zugleich seinen Ausgang zu beeinflussen, indem sie ruhig auf den Polizisten einredet, damit sie und ihre vierjährige Tochter auf dem Rücksitz nicht ein ähnliches Schicksal erleiden.

Das Video vom Tod Castiles, am Mittwoch erschossen von einem Polizisten in Minnesota, ist das packendste, verstörendste Dokument von brutaler Polizeigewalt - und von der Hilflosigkeit der Schwarzen. Mehr als zehn Minuten lang lässt Reynolds die Kamera mitlaufen, als sie sich auf den Bürgersteig knien muss, als sie in Handschellen in den Streifenwagen gepackt wird, als ihr dämmert, dass ihr Verlobter tot ist, und sie schließlich die Fassung verliert: "Bitte, Jesus, nein!"

Dabei war es nicht das einzige Handy-Video dieser Art, das in dieser Woche Furore machte. Tags zuvor zeigten zwei Videos, wie der Schwarze Alton Sterling in Louisiana von Polizisten zu Boden gerungen und erschossen wurde. Ebenfalls im Livestream zu verfolgen waren die Ereignisse von Dallas, wo ein Attentäter in der Nacht zum Freitag fünf Polizisten tötete - nur drei Blocks von der Dealy Plaza entfernt, wo 1963 John F. Kennedy erschossen und zum Subjekt des berühmtesten Attentatsfilms aller Zeiten wurde, des Zapruder-Films.

Videoanalyse: "Das Misstrauen frisst sich durch die USA!"

Amerikas Tod, schon immer ein visuelles Ereignis, wird nun live gestreamt.

Handy-Videos von Polizeigewalt sind nicht neu. Freddie Gray, Walter Scott, Eric Garner, Tamir Rice: Schon lange bilden die Amateuraufnahmen von Augenzeugen eine moderne Ikonografie des Rassismus. Doch mit den jüngsten Fällen und dem Chaos in Dallas erreicht dieses Phänomen eine krassere Dimension: Jetzt kann das Netzpublikum dem Horror in Echtzeit zuschauen.

Möglich machen das die etablierten sozialen Netzwerke: Twitter startete sein Periscope Live im März 2015, Facebook Live seinen Streaming-Dienst im April diesen Jahres. "Wenn du live interagierst", prahlte Facebook-Chef Mark Zuckerberg zur Premiere, "fühlst du dich auf persönlichere Weise verbunden." An die Snuff-Videos dieser Tage dachte er dabei wohl kaum.

Die oft brutale Natur der Videos und ihre unverzögerte, unredigierte Realität werfen denn auch brisante Fragen auf. Was nützen sie einem? Führen sie zu mehr Bewusstsein? Mehr Gerechtigkeit? Oder nur mehr Voyeurismus? Haben die sozialen Netzwerke nicht eine ethische Verantwortung, sie zu zensieren?

Die positiven Folgen sind offenbar: Die Videos bringen Transparenz und stoßen Debatten an. "Sie werfen ein Licht auf die Angst, mit der Millionen Mitglieder unserer Gemeinschaft täglich leben", kommentierte Zuckerberg den Castile-Livestream. Immer mehr Schwarze wagen sich deshalb auch nur noch mit Handy-Kameras auf die Straße, um sich zu schützen.

Die negativen Folgen sind ebenso offenbar. Die Bilder bekräftigen alte Klischees (drangsalierte Schwarze, rassistische Cops), ohne die Meinung der anderen Seite groß zu verändern. Auch kitzeln sie einen latenten Todes-Voyeurismus hervor, den die sozialen Netzwerke wiederum vermarkten.

"Videos mit drastischem Inhalt können schockieren, beleidigen und bestürzen", heißt es in der fast lachhaften Warnung, die Facebook solchen Livestreams inzwischen artig vorwegsetzt. "Bist du sicher, dass du das sehen willst?"

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