Todesschütze von Dallas Micah Johnson hortete Waffen und Munition

Vermutlich aus Hass auf Weiße sind im texanischen Dallas fünf Polizisten getötet worden. Der mutmaßliche Heckenschütze war ein Afghanistan-Veteran und hortete Waffen. Der Stand der Ermittlungen.

Dallas' Polizeichef David Brown
AFP

Dallas' Polizeichef David Brown


Die US-Großstadt Dallas im Bundesstaat Texas steht still vor Trauer und Fassungslosigkeit: Am Donnerstagabend sind fünf weiße Polizisten erschossen worden - vieles spricht dafür, dass es sich um einen Racheakt für die tödlichen Polizeieinsätze gegen Schwarze handelte. Ein mutmaßlicher Täter ist bisher identifiziert. Unklar ist, ob er allein gehandelt hat. Was wissen wir?

Was ist in Dallas passiert?

Bei einer Anti-Rassismus-Demonstration in Dallas sind fünf Polizisten erschossen worden. Sieben weitere Beamte und zwei Zivilsten wurden verletzt. Die ersten Schüsse wurden um 20.45 Uhr Ortszeit (3.45 Uhr deutsche Zeit) abgefeuert.

Nach bisherigem Kenntnisstand gingen die Schüsse offenbar von einem einzigen Heckenschützen aus, der mit einem Scharfschützengewehr aus erhöhter Position geschossen haben soll. Augenzeugen berichteten dem Sender CNN, dass die Demonstranten zunächst dachten, mehrere Schützen zielten mitten in die Menge. Die Menschen seien um ihr Leben gerannt und hätten sich auf den Boden geworfen. Doch offenbar galten die Schüsse den Polizisten.

Die Polizei hat inzwischen drei Tatverdächtige festgenommen, darunter eine Frau. Ein vierter Mann, der mutmaßliche Schütze, hatte sich stundenlang in einer Parkgarage verschanzt. Es kam zu Schusswechseln mit der Polizei. Die Beamten setzten daraufhin einen "Bomben-Roboter" ein, um "weitere Gefahr für das Leben der Polizisten abzuwenden", wie Brown sagte. (Lesen Sie hier einen Bericht unserer US-Korrespondenten zum Tathergang.)

Was ist über den mutmaßlichen Täter bekannt?

Der getötete mutmaßliche Schütze war von 2009 bis 2015 Soldat in der US-Armee, wie ein Sprecher der Streitkräfte am Abend mitteilte. Sein Name sei Micah Johnson und er sei von November 2013 bis Juli 2014 in Afghanistan stationiert gewesen.

Wie die "Washington Post" berichtet, arbeitete Johnson zuletzt als Maurer und Schreiner in Mesquite, einem Vorort von Dallas. Er sei Reservist gewesen und habe keine kriminelle Vergangenheit gehabt, heißt es weiter. Das Weiße Haus bestätigte am Abend, Micah Johnson habe keine Verbindungen zu terroristischen Gruppierungen gehabt. Auf seiner Facebook-Seite ist zu sehen, wie Johnson eine Faust in die Höhe streckt - ein Zeichen der Black Power-Bürgerrechtsbewegung.

In seiner Wohnung hat die Polizei offenbar ein ganzes Kampfarsenal gefunden: Bei der Durchsuchung hätten die Ermittler Material zum Bau von Bomben, kugelsichere Westen, Gewehre, Munition sowie eine Art Tagebuch zu Kampftechniken gefunden, teilte die Polizei mit.

Über die weiteren Tatverdächtigen ist bisher wenig bekannt. Sie sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Der Sender CNN meldete am Freitag unter Berufung auf die Polizei in Dallas, dass Johnson der einzige Schütze gewesen sein soll. Nach Angaben von Polizeichef Brown sagte er aus, "allein" gehandelt zu haben. Die Polizei hatte zunächst von mehreren Heckenschützen gesprochen.

Warum schoss Micah Johnson auf Polizisten?

Der 25-jährige Schwarze soll laut Polizeiangaben kurz vor seinem Tod ein Tatmotiv genannt haben: Er habe Weiße umbringen wollen, besonders weiße Polizisten. Er sei wegen der Todesfälle von zwei Schwarzen in der vergangenen Woche aufgebracht gewesen.

Zwei Schwarze waren durch Polizeikugeln ums Leben gekommen: Philando Castile war von einem Polizisten während einer Fahrzeugkontrolle im Bundesstaat Minnesota angeschossen worden und erlag später seinen Verletzungen im Krankenhaus. Alton Sterling starb einen Tag zuvor, nachdem zwei Polizisten ihn auf einem Parkplatz im Bundesstaat Louisiana zu Boden gezwungen und ihn erschossen hatten. Handyvideos beider Ereignisse verbreiteten sich rasch im Internet.

Ihr Tod war der Anlass für die Demonstration in Dallas, die von Polizisten begleitet wurde. Auch US-Präsident Barack Obama stellte indirekt die Verbindung zu den tödlichen Polizeieinsätzen der vergangenen Tage her: "Es gibt keinerlei Rechtfertigung für solche Attacken oder jedwede Gewalt gegen Ordnungskräfte", sagt er am Rande der Nato-Konferenz in Warschau.

In den vergangenen Jahren hatten tödliche Polizeieinsätze gegen Schwarze immer wieder gewalttätige Proteste ausgelöst.

Gab es in den USA weitere Angriffe auf Polizisten?

Im Bundesstaat Tennessee gab es am Abend einen Vorfall auf einer Autobahn. Ein Mann soll laut Polizeiangaben auf vorüberfahrende Autos und Polizisten geschossen haben, meldet die Nachrichtenagentur AP. Dabei soll eine Frau getötet worden sein, drei weitere - unter ihnen ein Polizist - sollen verletzt worden sein.

Der Mann soll der Polizei gesagt haben, er sei wütend über die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen. Der 37-Jährige soll polizeibekannt gewesen sein. Er selbst wurde bei dem Schusswechsel mit der Polizei verletzt und liegt nun im Krankenhaus.

Was ist ein "Bomben-Roboter"?

Micah Johnson wurde von der Polizei durch einen mit Sprengstoff ausgerüsteten Roboter getötet. Details zu dem ferngesteuerten Roboter nannte die Polizei nicht. Nach Angaben des Waffenexperten Peter Singer handelte es sich um den ersten Robotereinsatz dieser Art durch die US-Polizei. Die US-Streitkräfte im Irak hätten dagegen bereits einen Sprengstoffroboter namens "Marcbot" eingesetzt.

Unklar ist, ob der in Dallas verwendete Roboter von vornherein für tödliche Einsätze dieser Art entworfen wurde. Matt Blaze, ein Informatikprofessor an der University of Pennsylvania, schrieb im Internetdienst Twitter, wahrscheinlich sei der Roboter "provisorisch" für die Tötung des mutmaßlichen Attentäters ausgerüstet worden.

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16  Bilder
Tödliche Schüsse in Dallas: Eine blutige Nacht

kry/AP/dpa/AFP

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