Kindermord in Mörlenbach Tödliche Verzweiflung

Vor der anstehenden Zwangsräumung ihres Hauses sollen Eheleute in Hessen ihre Kinder getötet haben. Ihren anschließenden Suizidversuch überlebten sie. Vor Gericht ging es nun um den Weg in die Katastrophe.

Ermittler am Tatort in Mörlenbach (Archivfoto vom 31. August 2018)
Silas Stein/DPA

Ermittler am Tatort in Mörlenbach (Archivfoto vom 31. August 2018)

Von , Darmstadt


Sie haben sich seit jenem 31. August vergangenen Jahres nicht wiedergesehen. Bei ihrer ersten Begegnung im Alten Schwurgerichtssaal des Landgerichts Darmstadt schenken sich Christiane und Werner H. keinen Blick. Sie sind verheiratet, beide Zahnmediziner, Eltern zweier gemeinsamer Kinder. Doch der Junge, 13, und das Mädchen, 10, leben nicht mehr.

Oberstaatsanwalt Klaus Tietze-Kattge erhebt sich und trägt vor, dass Christiane und Werner H. wegen Mordes an ihren Kindern und besonders schwerer Brandstiftung angeklagt sind. Sie sollen angesichts der bevorstehenden Zwangsräumung ihres Anwesens in Mörlenbach, einer idyllischen Gemeinde im Odenwald, gemeinsam einen tödlichen Plan gefasst haben: Die Kinder im Schlaf zu töten, das gemeinsame Zuhause zu zerstören, die komplette Familie auszulöschen.

In der Nacht zum 31. August - wenige Stunden, bevor die neuen Eigentümer zur Übergabe des Hauses samt Grundstück erscheinen wollten - sollen Christiane und Werner H. die Kinder in ihren Betten mit einem Jagdmesser erstochen haben. Mindestens 25 Mal soll der Vater mit einem Zimmermannhammer auf die Köpfe seiner Kinder eingeschlagen haben. Anschließend sollen die Eltern an zahlreichen Stellen im Haus Benzin verteilt und entzündet haben, um "die brutale Tötung ihrer Kinder zu verschleiern", sagt Tietze-Kattge.

Als das Feuer entfacht war, sollen die Eheleute versucht haben, sich mit Autoabgasen in ihrer Garage das Leben zu nehmen. Als der Brand bemerkt wurde, bargen Feuerwehrleute zunächst die Leichen der Kinder, dann entdeckten sie die Eltern in der Garage: bewusstlos, aber am Leben.

Wie groß kann Verzweiflung sein? Wie klein die Hoffnung? Gab es Vorboten für eine derartige Katastrophe? Wer hat welchen Tatbeitrag geleistet? Antworten auf diese Fragen muss nun die 11. Strafkammer unter dem Vorsitz von Volker Wagner suchen.

Die ersten Antworten gibt Werner H. selbst. Der Angeklagte, ein großer, schwerer Mann, 59 Jahre alt, zweifach promoviert in Medizin und Zahnmedizin, spezialisiert auf Kiefer- und Gesichtschirurgie, berichtet ausführlich über seine Kindheit in Niedersachsen und seine medizinische Ausbildung. Er spart nicht mit Eigenlob. Ende der Neunzigerjahre eröffnete er eine eigene Praxis in Weinheim an der Bergstraße, er spricht von "Senkrechtstart" und "fürstlichem Ergebnis".

"Es war einfach alles perfekt"

Werner H. verliebte sich in seine 13 Jahre jüngere Praxiskollegin Christiane, verließ seine Ehefrau samt Tochter und kaufte mit der Neuen das 1300 Quadratmeter große Grundstück in Mörlenbach. Sie bauten ein großes Eigenheim, ausgestattet mit drei Kinderzimmern, Spitzboden und Sauna. In den Jahren 2004 und 2007 kamen die Kinder zur Welt, um die sich hauptsächlich die Mutter kümmerte. "Es war einfach alles perfekt", sagt Werner H.

Erst im November 2013 erfolgte die Scheidung von seiner ersten Ehefrau, im April 2014 heirateten Werner und Christiane H. Da war schon nicht mehr alles so perfekt. Sie seien "von Wirtschaftlichkeitsprüfungen übersät" worden, sagt Werner H. Hinzu kamen Rückstände bei den Sozialbeiträgen und Mietzahlungen. Im November 2015 wurde Insolvenzantrag gestellt, die Praxis geschlossen.

Christiane H. sagt vor Gericht, sie habe von all dem nichts mitbekommen. "Für mich völlig überraschend und unvorhersehbar kam die Insolvenz", so die 46-Jährige. Sie ist der optische Gegenentwurf zu ihrem Mann: klein, schmal, mit fast kindlicher Figur. Er wirkt Jahre älter, sie Jahre jünger. Mit der Insolvenz habe "aus heutiger Sicht dieses völlig widersinnige Ringen ums Eigentum" begonnen, sagt sie mit leiser Stimme, den Kopf gesenkt.

Vielleicht täuschte sie auch der Umgang ihres Mannes mit der finanziellen und wirtschaftlichen Schieflage: Er schloss noch im Mai 2015 für einen dritten Ferrari einen Leasingvertrag ab und berappte - wie auch immer - pro Jahr etwa 150.000 Euro Raten für alle drei Sportwagen. Ein Mann, der seiner ersten Tochter seit der Trennung von deren Mutter keinen Unterhalt zahlte.

"Unser Ende ist gekommen"

Wie es zur Tragödie kommen konnte, dazu wollen an diesem ersten Verhandlungstag weder Werner H. noch Christiane H. etwas sagen. So bittet Richter Wagner den psychiatrischen Sachverständigen Henning Saß darum, der mit beiden nach der Tat gesprochen hat.

Werner H. habe ihm gegenüber vom "legendären Donnerstag" gesprochen, sagt Saß. Dem 30. August 2018 also, als das Ehepaar das Fax erreichte, wonach das Anwesen, das bereits im April zwangsversteigert worden war, nun am nächsten Tag übergeben werden müsse. Seine Frau verschickte daraufhin mehrere Faxe, in der Hoffnung, die Räumung noch aufschieben zu können.

Für Werner H. sei "das Schicksal besiegelt" gewesen. Räumung, Auszug, womöglich Umzug in eine Sozialwohnung, das alles begleitet mit einem Aufgebot von Polizei, Gerichtsvollzieher und Insolvenzverwalter - das sei für ihn keine Option gewesen, so sagte er es dem psychiatrischen Gutachter zufolge.

Zugleich habe er ihm den Film beschrieben, der wieder und wieder vor seinem geistigen Auge abgelaufen sei: Seine beiden Kinder verlassen ihr Zuhause mit je einem Köfferchen in der einen Hand; auf der Straße gegenüber steht der Insolvenzverwalter, grinsend, als wolle er mitteilen: Euch habe ich es gezeigt.

Als die Kinder abends schliefen, berichtete Werner H. seiner Frau von dem Film in seinem Kopf, der ihn begleitete. "Unser Ende ist gekommen", soll seine Frau gesagt haben, beide hätten die Räumung nicht erleben wollen. So schilderte er es dem Gutachter. Sie hätten überlegt, wie sie ihren Leben ein Ende bereiten könnten.

Für ihn sei es das erste Mal im Leben gewesen, dass er nicht weiterwusste, sagte Werner H. im Gespräch mit Saß. Er und seine Frau kramten demnach Beruhigungstabletten heraus und schluckten sie mit Bier. Als seine Frau einen Rucksack mit Papieren und wichtigen Dokumenten samt Notiz für die Schildkröten vor das Haus der Nachbarn gestellt habe, will Werner H. im Alleingang die Kinder getötet, drei Kanister Benzin verschüttet und angezündet haben.

Egomane ohne viel soziale Reflexion

Er habe sich gedacht: Wenn wir aus dem Leben scheiden, was passiert dann mit den Kindern? "Klar und plastisch" habe ihm Werner H. beschrieben, wie er seinen Sohn und seine Tochter getötet habe, sagt Saß und bescheinigt dem Angeklagten eine egozentrische Persönlichkeit. Dieser sei ein Egomane ohne viel soziale Reflexion. Mit dieser Einschätzung habe Saß es "ganz gut getroffen", sagt Werner H. vor Gericht.

Mit seiner aus der Nachbarschaft zurückgekehrten Frau habe er sich schließlich in der Garage ins Auto gesetzt und sei eingeschlafen, sagte Werner H. Beide kamen erst im Klinikum Mannheim wieder zu sich.

Auch mit Christiane H. sprach Saß. Sie konnte sich demnach nur daran erinnern, dass sie nach ihrer Rückkehr von Frankfurt an jenem 30. August auf ihr versendetes Fax an mehrere Stellen keine Antwort erhalten habe. Ab diesem Moment seien ihre Erinnerungen ausgelöscht.



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