Datenlese Im Netz des NSU

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Wie konnten die Serienmörder des NSU fast 14 Jahre unentdeckt im Untergrund leben? Eine Voraussetzung: Kontakte in die rechtsextreme Szene - aber nur, solange unbedingt nötig.

Der Chefideologe des "Nationalsozialistischen Untergrunds" beschwerte sich: Viele "Kameraden" seien nur Maulhelden. Statt den Feind anzugreifen, beschränke sich "der Kampf unserer Bewegung" auf die Vernichtung möglichst großer Alkolholmengen. So stand es in einem Beitrag für ein rechtes Szeneblatt, der Uwe Mundlos zugeschrieben wird. Zur Tat schreite man allenfalls im "Suff", und dann erhalte jeder Prügel, "egal, ob Zecke oder Kamerad".

Aber auf diese Szene war der NSU angewiesen, denn auch für ihn galt der Lehrsatz des (linken) brasilianischen Untergrundexperten Carlos Marighella: "Die Logistik des Stadtguerillero, der bei null anfängt und zunächst über keine Stütze verfügt, kann mit der Formel 'M G W M S' beschrieben werden: M (Motorisierung), G (Geld), W (Waffen), M (Munition) und S (Sprengstoff)." Dazu kommen: Wohnung und Ausweise. Das Meiste davon konnte der NSU nur aus der Szene bekommen.

Kontakte im NSU-Umfeld
Bald nach der Selbstliquidierung des NSU am 4. November 2011 wurde deutlich, wie vielfältig die Kontakte der Zelle in die rechtsextreme Szene waren. Die Dokumentationsabteilung des SPIEGEL hat bereits vor einem Jahr anhand des damaligen Ermittlungsstands eine Liste mit 40 Personen aus dem Umfeld von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe erstellt. Sie verzeichnet, wer mit wem in den letzten 14 Jahren in Kontakt stand - dem Zeitraum, in dem der NSU unerkannt morden und rauben konnte. Wir unterscheiden dabei nicht, ob ein Kontakt nur wenige Tage oder viele Jahre dauerte; auch die Art des Kontakts spielt für unsere Darstellung keine Rolle. Ein Kontakt ist in unserer Darstellung eine Linie: Die so erzeugte Grafik bietet eine Übersicht des NSU-Netzes.

Die Kreise symbolisieren Personen; je mehr Kontakte eine Person hat, desto größer der Kreis. Die im Münchner Verfahren Angeklagten sind rot gefärbt. Da die Recherche auf die Kontakte der Zelle gerichtet war, sind die Symbole ihrer Mitglieder selbst - wenig überraschend - am größten. Was auffällt und die Anklage der Bundesanwaltschaft von Beate Zschäpes Rolle zu stützen scheint: Zschäpes Kreis ist ähnlich groß wie der von Mundlos und Uwe Böhnhardt. Dabei sind hier die zahlreichen freundschaftlichen Kontakte Zschäpes mit Nachbarn gar nicht erfasst, weil wir nur mögliche Unterstützer aus der rechten Szene verzeichnet haben. Auch strafrechtlich nicht relevante Kontakte der drei Zellenmitglieder zu Autovermietern, Wohnungsverwaltern, Tierärzten, Fahrradhändlern und weiteren haben wir weggelassen.

Im Umfeld der drei Zellenmitglieder sind deutlich unterschiedliche Kreisgrößen zu erkennen. Der Schluss, "je besser vernetzt, desto eher verstrickt, desto eher angeklagt" stimmt allerdings nur zum Teil. Hier kommt zum Tragen, dass viele mutmaßliche Helfer kurz nach dem Abtauchen Anfang 1998 aktiv waren; ihre Taten sind verjährt. Daher die etwas größeren, aber trotzdem grauen Kreise, zum Beispiel der von André K.

Andererseits kann eine einzige mutmaßliche Tat eines ansonsten wenig Beteiligten zur Anklage führen, auch wenn die Tat lange zurückliegt: So ist es beim mutmaßlichen Lieferanten der Mordwaffe, Carsten S.; Beihilfe zum Mord verjährt nicht. Durchaus möglich ist, dass einige der grauen Symbole doch noch rot gefärbt werden müssen, da weiter ermittelt wird.

Nach gegenwärtigem Erkenntnisstand brach der NSU Beziehungen zu Kontaktpersonen ab, sobald er deren Hilfe nicht mehr benötigte. Momentaufnahmen nach der Etablierung im Untergrund würden daher neben den drei Zellenmitgliedern wohl jeweils weniger als fünf Personen zeigen. Der NSU verfuhr hier wie der Verfassungsschutz: Kontakte ins Trinkermilieu sind zu minimieren.

Die für die Grafik genutzten Ressourcen können Sie hier herunterladen .

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