Debatte in den USA Amerikas Waffen, Amerikas Tragödie

Waffenverbote? Wozu? Wer killen will, findet immer einen Weg, argumentiert die US-Waffenlobby und verweist auf das Schul-Massaker von Erfurt. Auch nach der Bluttat von Blacksburg ist es sehr unwahrscheinlich, dass Amerikas Bürger abrüsten. Im Gegenteil.

Tragödien kehren das Beste im Menschen hervor. Das zeigt sich immer wieder auch in den USA, einem Land, in dem Mitgefühl und Pathos so nahe an der Oberfläche schlummern. Es zeigte sich am 11. September 2001, als die New Yorker Schlange standen, um Blut zu spenden. Es zeigte sich nach "Katrina", als von überall Freiwillige nach New Orleans kamen, um den Sturmopfern zu helfen. Und es zeigte sich jetzt in Virginia, als die ganze Nation eine trauernde Universitätsgemeinschaft umarmte.

Diese Umarmung fand real und virtuell statt, mit Gesten und bewegenden Worten, für die die englische Sprache besser geeignet scheint als andere. "Menschen, die euch nicht kennen, beten für euch", sagte US-Präsident George W. Bush in seiner dankenswert knappen Rede bei der Trauerfeier an der Virginia Tech University.

Eine Woge der Solidarität schwappt durchs Land. Flaggen wehen auf Halbmast. TV-Sprecher tragen Schleifen in den Uni-Farben. News-Sender kramen elegische Oboen-Soundtracks aus dem Tonarchiv. Fernseh-Therapeut "Dr. Phil" McGraw spendet den Hinterbliebenen per Satellit Trost. Der Kerzenschein der Mahnwachen flackert über die Bildschirme, dazwischen die Bilder der Opfer, zu Engeln verklärt. Die Rituale der Betroffenheit sind einem nur allzu vertraut. Columbine. 9/11. "Katrina". Virginia Tech.

Fragen nach dem politisch-gesellschaftlichen Kontext des Blutbads gelten bei diesem Trauma zunächst als pietätlos. Die US-Medien haben sich bisher fast ausschließlich mehr dem "Was" und "Wie" gewidmet als dem "Wieso". Und selbst wenn, dann nur mit Lupenblick aufs Psychogramm des Amokläufers, der, wie so oft, mit dem Klischee "Einzelgänger" abgestempelt wurde - als einer außerhalb der Gesellschaft.

Wer killen will, findet immer einen Weg

Doch rumoren sie auch hier längst, die Fragen nach breiterer Mitverantwortung. Bezeichnend zweideutig die Schlagzeile eines Kommentars in der "Washington Post": "Die Tragödie von Virginia ist auch die Tragödie Amerikas."

Denn das Amerika, das trauert, ist das selbe Amerika, dessen historisches Leitmotiv - das Hochhalten persönlicher Freiheiten, inklusive Waffenbesitz - dem Killer von Blacksburg seine Mordwerkzeuge erst in die Hand drückte. Cho Seung-Hui tötete mit einer 9-Millimeter-Glock und einer .22-Kaliber-Walther, zwei Schusswaffen, die er sich völlig legal besorgte.

"Wir haben als Land nichts getan, um die Waffengewalt in unseren Schulen und Orten zu beenden", klagt Paul Helmke, der Präsident der Anti-Waffen-Gruppe Brady Campaign, benannt nach dem Ex-Regierungssprecher Jim Brady, der 1981 beim Attentat auf Ronald Reagan fast umkam. "Wenn überhaupt, dann haben wir den Zugang zu schweren Waffen erleichtert."

Kein Wunder, dass der Begriff "school shootings" hier längst ins Vokabular der Popkultur eingegangen ist. Doch staatliche Waffenverbote konnten auch die Amokläufer von Erfurt und Dunblane nicht stoppen. Wer killen will, so argumentiert die waffenfrohe Gegenseite, der findet immer einen Weg.

"Studenten sollten mit Knarren zur Vorlesung antreten"

Das US-Folgeargument ist purer Wildwest-Machismo: Deshalb lieber alle bewaffnen. "Bei allen Schulschießereien, die in den letzten zehn Jahren abrupt beendet wurden, geschah das, weil ein gesetzestreuer Bürger eine Waffe trug", sagt Larry Pratt, Exekutivdirektor der Waffenlobby Gun Owners of America. Virginia Tech habe sich mit seinem Campus-weiten Waffenverbot "einem Irren auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert". Klartext: Studenten sollten mit Knarren zur Vorlesung antreten.

Es ist eine uralte und hier bis heute unbewältigte Debatte, deren Kern der zweite Verfassungszusatz von 1791 ist. Denn der garantiert, gern missinterpretiert, "das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen" - eine Schutzmaßnahme gegen Übergriffe des noch blutjungen Staates auf seine Bürger. Da ging es freilich um Musketen, nicht um Kalaschnikows.

Blacksburg dürfte schnell dafür sorgen, dass das politische Washington sich an dieser Frage nun erneut die Zähne ausbeißen wird. Schon kündigte die demokratische Senatorin Dianne Feinstein an, man wolle "die schlummernden Anstrengungen neu entfachen, vernüftige Waffenbeschränkungen durchzusetzen".

Feinstein kann ein Lied davon singen: 1994 initiierte sie ein staatliches Verbot von Angriffswaffen mit - das letzte landesweite Waffengesetz, das in den USA in Kraft trat. Der damals republikanische Kongress ließ es 2004 eiskalt auslaufen, ohne es zu erneuern.

Die demokratischen Waffenfreunde

Dass die neuerlichen Rufe nach Gesetzen erfolgreich sein werden, ist ziemlich fraglich. Eher dagegen sprechen nicht nur die US-Geschichte und die Macht der Waffenlobby, deren Parteispenden im Wahljahr nach dem Columbine-Massaker 1999 auf vier Millionen Dollar hochschossen.

Die Nachwuchsgeneration der Demokraten, die im Januar den Kongress stürmte, stammt meist aus Staaten, in denen das "right to bear arms" als Bürgerrecht gilt. Viele dieser Jungdemokraten sind, wie ihre republikanischen Kollegen, gegen Beschränkungen. Ob Blacksburg die Hardliner wachrütteln wird?

"Wir haben einen Haufen demokratischer Senatoren aus ländlichen Staaten, für die Waffenkontrolle ein schlechtes Thema ist", weiß Demokraten-Stratege Steve Elmendorf. "Manche werden sich sagen: Warum reden wir überhaupt darüber, ohne eine republikanische Stimmblockade im Senat brechen zu können?"

"Es wird schwer, das zu verkaufen", ahnt auch die demokratische Abgeordnete Carolyn McCarthy, die profilierteste Waffenfeindin im Kongress. McCarthys Mann Dennis und fünf weitere Passagiere waren 1993 von einem Amokläufer an Bord der Long Island Railroad erschossen worden. McCarthy arbeitet nun an milderen Maßnahmen, die sie Waffenfreunden schmackhaft zu machen hofft. Etwa sofortige Background-Checks für Waffenkäufer.

Der Kandidat beim Wachtelschießen

Auch der Präsidentschaftswahlkampf dürfte die Frage auf lange Sicht kaum vorantreiben. Zwar klatschten alle Kandidaten - bis auf den Republikaner Mitt Romney - schnell Kondolenz-Banner auf ihre Websites und cancelten alle Auftritte des Tages. Doch kein einziger führt "gun control" bisher als brennendes Thema.

Im Gegenteil. "Ich bin schockiert und traurig", erklärte der Republikaner John McCain zu Blacksburg. Weiter hinten auf seiner Website jedoch präzisiert er seine Haltung: "John McCain glaubt, dass das Recht gesetzestreuer Bürger, Waffen zu besitzen und zu tragen, ein fundamentales, individuelles Verfassungsrecht ist, dessen Schutz unsere heilige Pflicht ist." Halali, ihr Wechselwähler in Waffenstaaten!

"Gun Control" ist die Stromschiene aller US-Wahlkämpfe. Sie half, Al Gore 2000 das Genick zu brechen. Zwei Drittel der Amerikaner sind gegen ein Waffenverbot. Deshalb pirschte der Demokrat John Kerry 2004 für die Fotografen auch mit der Schrotflinte durchs Unterholz. Deshalb prahlte Romney jetzt, er sei Mitglied der Waffenlobby NRA und sein "ganzes Leben lang ein Jäger" gewesen. Eine Behauptung, die er kurz darauf leider relativieren musste: Er sei nur zweimal jagen gegangen - einmal mit 15 und einmal letztes Jahr, zum Wachtelschießen.

Der Anchorman bricht in Tränen aus

Doch sind legere Waffengesetze allein schuld? Wer tiefer bohrt, stößt auf ein viel komplexeres Problemfeld: Amerikas gern beklagte "Kultur der Gewalt", wie es der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama nennt.

Die Ursachen dafür sind so vielfältig wie umstritten, und sie wurden zufällig gestern auch auf einem "Gewaltgipfel" von Aktivisten und Kommunalpolitikern in Indianapolis diskutiert: Arbeitslosigkeit, Armut, Hollywood-Filme, Videospiele, Rap-Musik - sowie die brutale Gewinnergesellschaft der USA, die Verlierer, Außenseiter, Andersartige und Nichtangepasste gnadenlos niedertrampelt.

Keine Aussicht auf ein Ende der Debatte also, und vor allem keine Aussicht auf eine Lösung. So bleiben vorerst nur die Rituale der Betroffenheit - und die echte Betroffenheit. CNN-Anchorman John Roberts brach gestern in Tränen aus, als er berichtete, wie die Handys der Toten auf einmal alle zu klingen begonnen hätten. "Verzeihung", stammelte er. "Als Vater fällt mir das wirklich schwer."

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