Ehemalige Todeskandidatin US-Gericht hebt Mordanklage gegen Debra Milke auf

Ein Gericht im US-Bundesstaat Arizona hat die Mordanklage gegen die Ex-Todeskandidatin Debra Milke aufgehoben. Ein neues Verfahren gegen die gebürtige Berlinerin sei unzulässig. Der Staatsanwaltschaft bescheinigten die Richter ein "ungeheures Fehlverhalten".

Ex-Todeskandidatin Milke (bei einer Anhörung im August 2013): "begeistert, schockiert und sprachlos"
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Ex-Todeskandidatin Milke (bei einer Anhörung im August 2013): "begeistert, schockiert und sprachlos"


Phoenix - Die in Berlin geborene ehemalige Todeskandidatin Debra Milke ist einem Leben in Freiheit einen wichtigen Schritt näher gekommen. Ein Berufungsgericht im Bundesstaat Arizona ordnete an, die Mordanklage gegen die 49-Jährige fallenzulassen. Das Gericht folgte damit Milkes Anwälten. Diese hatten argumentiert, eine drohende Neuauflage des langen Prozesses verstoße gegen die US-Verfassung, weil niemand zweimal für dasselbe Verbrechen vor Gericht gestellt werden dürfe.

Milke sei "begeistert, schockiert und sprachlos", sagte ihr Anwalt Michael Kimerer. Sie habe die Entscheidung kaum fassen können. Beendet ist die lange Hängepartie allerdings noch nicht, da die Staatsanwaltschaft den Fall bis zum Obersten Gerichtshof von Arizona bringen will. Bis zu dieser Entscheidung könnten laut Kimerer noch einmal drei bis vier Monate vergehen.

Die heute in Phoenix lebende Milke ist die Tochter einer Deutschen und eines US-Amerikaners. 1990 war sie zum Tode verurteilt worden, weil sie zwei Männer zum Mord an ihrem vierjährigen Sohn angestiftet haben soll. Milke beteuerte stets ihre Unschuld. Die beiden verurteilten Mörder des Jungen sitzen in der Todeszelle und verweigern jede Aussage.

Keine Tonaufnahmen vom Geständnis

Im Herbst 2013 hatte ein Berufungsgericht das Urteil gegen Milke wegen mangelnder Beweise für ungültig erklärt. Die 49-Jährige kam auf Kaution und mit einigen Einschränkungen frei, nachdem sie 22 Jahre in der Todeszelle auf ihre Hinrichtung gewartet hatte.

Das ursprüngliche Urteil stützte sich vor allem auf die Aussage des leitenden Ermittlers Armando Saldate, dem Milke ihre Beteiligung an dem Verbrechen angeblich gestanden hatte. Ein unterschriebenes Geständnis gab es aber ebenso wenig wie Tonaufnahmen oder weitere Zeugen. Die damaligen Geschworenen erfuhren auch nicht, dass Saldate bereits wegen Falschaussage unter Eid aufgefallen war.

Laut "AZcentral.com" schrieben die Richter nun, bei ihrer Entscheidung für eine Aufhebung der Mordanklage gehe es allein um die Zulässigkeit eines erneuten Verfahrens. "Wir geben kein Urteil darüber ab, ob Debra Milke schuldig oder unschuldig ist."

Ausdrücklich rügten die Richter allerdings die Arbeit der Ermittlungsbehörden. Es habe ein "ungeheures staatsanwaltliches Fehlverhalten" gegeben. Die vielen Verstöße in dem Fall hätten Arizonas Rechtssystem "schwer befleckt".

rls/dpa

insgesamt 39 Beiträge
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siamkatz 12.12.2014
1. Revision
Die Staatsanwaltschaft geht nochmal in die nächste Instanz? Unerklärlich, wie kann man derart uneinsichtig und sturköpfig sein?
Furchensumpf 12.12.2014
2. Jeder...
...welcher die Todesstrafe als das Allerheilmittel ansieht, sollte sich mal fragen, wie es wäre, wenn die Frau wirklich unschuldig ist? Jetzt kann man sie noch frei lassen und entschädigen, was wäre wenn sie schon hingerichtet worden wäre?
neinsagen 12.12.2014
3. nicht einen fussbreit in dieses Land
niemals nie werde ich in solch ein land gehen.
JuanCalato 12.12.2014
4. Verhängnisvoll
ist eben (neben vielen anderen Ungereimtheiten) das im Vergleich zu unserem Rechtssystem völlig andere Verständnis der Rolle der Staatsanwaltschaft: Während bei uns der Staatsanwalt verpflichtet ist, sowohl be- wie entlastende Faktoren u ermitteln und einzubringen, tritt in den USA der Staatsanwalt ganz legal in einen offenen Wettbewerb mit der Verteidigung. Dr wird in seiner Reputation wie auch der Verteidiger an seinen 'gewonnenen" und "verlorenen" Fällen gemessen. Erst darf Beweise für die Unschuld unberücksichtigt lassen. Wenn der Verteidiger sie nicht beibringt - Pech für den Angeklagten. Das verführt natürlich ungemein, die Ermittlungen gegen den Beschuldigten bis in die Gesetzlosigkeit zu dehnen, Beweise zu fälschen, Zeugen unter Druck zu setzen oder zu belohnen. Hauptsache, man hat den Prozess gewonnen.
nic 12.12.2014
5. da die Staatsanwaltschaft den Fall bis zum Obersten Gerichtshof von Arizona bringen will
Um Recht geht es anscheinend nicht mehr sondern nur noch um Gewinnen.
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