Demjanjuk im Gefängnis Stadelheim Erst Leberkäse, dann Haftbefehl

20-Quadratmeter-Zweier-Zelle, Dusche auf dem Gang, bayerisches Essen: Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk ist nach seiner Abschiebung aus den USA ins Münchner Gefängnis Stadelheim eingeliefert worden. Die Staatsanwaltschaft hofft nun auf einen baldigen Prozessbeginn.

München - Der Lebensweg des John Demjanjuk hat eine neue Station erreicht - diesmal hinter sechs Meter hohen Mauern. Um kurz nach 11 Uhr am Dienstagmorgen passiert ein Rot-Kreuz-Krankenwagen mit dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher das Tor zur Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim.

Langsam schließt sich der schwere Mechanismus hinter Demjanjuk und seinen Begleitern. Der 89-Jährige liegt auf einer Pritsche im Wagen, starrt durch seine Brille an die Decke. Regungslos.

Es ist eine lange Reise, die den gebürtigen Ukrainer erst in den Abgrund, dann nach Amerika und schließlich nach Stadelheim geführt hat.

Als Rotarmist gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft, wechselt dann aber - die Überlebenschancen im Gefangenenlager stehen nicht gut - nach Erkenntnissen der Ermittler als "Hilfswilliger" die Fronten: Demjanjuk wird Wachmann im NS-Vernichtungslager Sobibor. Dort soll er von Frühjahr bis Herbst 1943 Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden geleistet haben, so der Vorwurf.

Doch niemand zieht ihn zur Rechenschaft. Demjanjuk geht 1952 in die USA, erhält die Staatsbürgerschaft, arbeitet bei Ford. Bis er 1986 an Israel ausgeliefert wird, wo ihn ein Gericht zum Tode verurteilt. Nicht wegen Sobibor, sondern wegen Treblinka, einer andern SS-Todesfabrik auf polnischem Territorium. Das ist ein Irrtum, eine Verwechslung. 1993 hebt Israels Oberstes Gericht das Urteil auf, Demjanjuk kehrt in die USA zurück.

Doch nun holt ihn seine Vergangenheit als mutmaßlicher KZ-Aufseher in Sobibor ein. Deutsche Kriminalisten erklären seinen Dienstausweis für echt, die Münchner Staatsanwaltschaft erlässt im März 2009 Haftbefehl. Damit bahnt sich der womöglich letzte große Nazi-Kriegsverbrecherprozess in Deutschland an.

Monatelang haben Demjanjuks Anwälte gegen seine Abschiebung gekämpft. Vergebens. Am Dienstagmorgen um 9.15 Uhr setzt der zweistrahlige Gulfstream-Jet aus Cleveland (Kennung N250LB) auf der südlichen Landebahn des Münchner Flughafens auf. Demjanjuk ist an Bord - und nun in Deutschland. Ein Zurück gibt es nicht mehr, selbst wenn ihn das Münchner Landgericht freisprechen sollte: "Amerika nimmt ihn nicht zurück, und sonst nimmt ihn auch keiner. Er ist staatenlos, es will ihn keiner haben", sagt Günther Maull, ein Anwalt Demjanjuks.

Freude dagegen in Amerika: Die Abschiebung sei ein "historischer Moment in den Bemühungen der US-Regierung, Nazi-Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen", so der Leiter der Kriminalabteilung im US-Justizministerium, Lanny Breuer. Demjanjuk werde jetzt endlich zur Verantwortung gezogen für seine Rolle "in einem der entsetzlichsten Kapitel der Geschichte".

Die deutschen Behörden versuchen, ihren prominenten JVA-Zugang vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. Die kleine Gulfstream wird sofort nach der Landung in eine Frachthalle bugsiert, die großen Tore des Hangars verschlossen. Dahinter gibt es einen kurzen medizinischen Check, dann wird John Demjanjuk, der die meiste Zeit des rund neunstündigen Flugs geschlafen hat, in einen Krankenwagen des Bayerischen Roten Kreuzes verfrachtet. Über die Autobahn geht es auf schnellstem Wege in den Münchner Südosten, nach Stadelheim.

Dann die Panne: Der Wagen fährt zum Südtor der Anstalt. Das aber bleibt auch nach mehrmaligem Klingeln verschlossen, minutenlang geht gar nichts. Die Chance für die zahlreichen Fotografen, ein Bild von Demjanjuk zu schießen. Kurz darauf geht es weiter - zum richtigen Tor. Der Greis wirke "geistig fit", berichten Justizbeamte später.

Doch wegen seines körperlichen Zustands bekommt er eine 20-Quadratmeter-Zelle auf der Krankenstation zugewiesen. Die muss er sich mit einem Mitgefangenen - einem Rollstuhlfahrer - teilen. Waschbecken und Klo gibt's auf dem Zimmer, die Dusche ist auf dem Gang. Stadelheim ist Bayerns größte Haftanstalt, maximal 1600 Gefangene können hier untergebracht werden, 1400 Meter Mauerlänge umschließen sie. Drinnen werden auch mal bayerische Mahlzeiten zubereitet. Das erfährt Demjanjuk bereits am ersten Tag: Dienstagmittag gibt es Leberkäse mit Kartoffelbrei.

Wie jeder Gefangene bei Einlieferung wird auch John Demjanjuk vom Anstaltsarzt untersucht: Momentan halte man seinen Aufenthalt in Stadelheim für vertretbar, heißt es aus der Haftanstalt. Allerdings müsse man noch die Laboruntersuchungen abwarten. Zudem hat die Staatsanwaltschaft nach eigener Auskunft bereits einen ärztlichen Sachverständigen beauftragt, Demjanjuks Verhandlungsfähigkeit zu begutachten. "Wenn er kränklich ist, dann wird man darauf Rücksicht nehmen müssen", so Verteidiger Maull zum Fernsehsender n-tv: "Das kann die ganze Sache verzögern."

Offensiver zeigt sich der Demjanjuk-Anwalt Ulrich Busch. Er erwägt Verfassungsbeschwerde gegen den Haftbefehl. Der Nachrichtenagentur AP erklärte er, das Oberlandesgericht München werde wahrscheinlich noch diese Woche über seine Haftbeschwerde entscheiden: "Dann werden wir überlegen, ob wir das Bundesverfassungsgericht oder den Europäischen Gerichtshof einschalten", so Busch. Und weiter: "Wir nehmen den Kampf auf!"

Im Gefängnis derweil Routine: Nach dem Leberkäs wird dem inhaftierten Demjanjuk gegen 14 Uhr der 21-seitige Haftbefehl verlesen. Man habe zwei Dolmetscherinnen eingesetzt, sagt Abteilungsleiter Heinrich Breinbauer zu SPIEGEL ONLINE, für englische und ukrainische Sprache: "Denn Demjanjuk spricht tatsächlich kaum Deutsch." Rund eine Stunde habe die Prozedur gedauert.

Nun soll es schnell gehen. Die Münchner Staatsanwaltschaft erhofft sich, schon in wenigen Wochen Anklage erheben zu können. Dies unterstützt auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland: "Jetzt gilt es, alles juristisch Mögliche zu unternehmen, um Demjanjuk schnellstmöglich vor Gericht zu stellen." Für die Opfer des Holocaust sei es unerträglich, wenn die Abschiebung eines vermeintlichen KZ-Wachmanns mit Folter gleichgesetzt werde.

Zuvor hatte Demjanjuks Familie mit dem Folter-Argument versucht, die Abschiebung zu verhindern. Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjährten niemals, sagt dagegen Knobloch. Der Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle für die Ermittlung von NS-Verbrechen, Kurt Schrimm, rechnet noch mit einem oder zwei weiteren Prozessen gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher. Es gebe ähnliche Fälle, sagte er im Südwestrundfunk.

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