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29. November 2009, 07:38 Uhr

Demjanjuk-Prozess

"Die Menschen sollen nicht vergessen"

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Im Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Wachmann John Demjanjuk treten mehr jüdische Nebenkläger auf als bei jedem Verfahren zuvor. Ihre Angehörigen starben im KZ Sobibór, sie selbst entkamen nur durch Glück oder Zufall der Deportation. SPIEGEL ONLINE schildert das Schicksal von drei Überlebenden.

Mindestens 35 Nebenkläger hat die Strafkammer für den Prozess gegen den mutmaßlichen SS-Gehilfen John Demjanjuk zugelassen. Das sind mehr als im Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965, dem bislang größten NS-Verfahren in Deutschland. Es könnten noch mehr werden, denn der Vorsitzende Richter Ralph Alt darf noch während des laufenden Verfahrens zusätzliche Nebenkläger zulassen.

19 der Nebenkläger sind als Zeugen geladen und wollen zu Prozessbeginn nach München reisen. Sie sollen bei planmäßigem Verlauf innerhalb der ersten drei Prozesstage gehört werden.

Andere verfolgen den Prozess aus der Ferne, in den Niederlanden, in den USA, der Schweiz oder Israel. Alle Nebenkläger haben enge Angehörige verloren, Eltern, Geschwister oder Ehegatten, zum Teil die komplette Familie. Sie starben laut erhaltener Transportlisten im Vernichtungslager Sobibór im besetzten Polen, ermordet in jenen Monaten des Jahres 1943, als Demjanjuk dort mutmaßlich von der SS als Wachmann eingesetzt wurde.

SPIEGEL ONLINE zeichnet stellvertretend das Schicksal dreier Nebenkläger nach, die in New York leben. Die Biografien beruhen auf Gesprächen, die der Kölner Strafrechtsprofessors Cornelius Nestler mit seinen Mandanten geführt hat.

Aleida Keesing, geboren 1918

Der Schwiegervater von Aleida Keesing, Abraham Keesing, war ein renommierter Chirurg und Arzt in Amsterdam und in der jüdischen Gemeinde weithin bekannt. Bald nach 1933 bekam er Drohbriefe von holländischen Sympathisanten des Hitlerregimes, die ihm ankündigten, er werde einer der ersten Juden sein, die im Konzentrationslager Dachau landen würden. Über aus Deutschland geflohene Patienten wurde Keesing unmittelbar mit Erlebnissen von der Judenverfolgung in Deutschland konfrontiert. Er informierte seinen Sohn Gustav und dessen Verlobte Aleida schon 1935 über Möglichkeiten, in die USA auszuwandern. Sechs Wochen vor dem Einmarsch der Deutschen in die Niederlande verließen Gustav und Aleida das Land.

Die Eltern und der Bruder schaffen die Ausreise nicht mehr rechtzeitig. Ein Versuch, die drei kleinen Kinder des Bruders bei anderen Familien zu verstecken, scheiterte. Die Eltern sowie der Bruder und dessen Familie wurden ins Internierungslager Westerbork gebracht, von dort im Sommer 1943 nach Sobibór gebracht und dort ermordet.

Aleida Keesing arbeitete als Privatsekretärin für einen der Repräsentanten des niederländischen Königshauses in New York. Immer wieder versuchte sie herauszufinden, was mit Eltern und Bruder passiert war. Die Wahrheit erfuhr sie erst im Jahr 1950. Ihren beiden Kindern brachten Keesing und ihr Mann bei, niemals ihre jüdische Identität offenzulegen - aus Angst. Erst nach langen Diskussionen entschloss sie sich, der Nebenklage beizutreten. "Die Menschen sollen nicht vergessen, was in Sobibór passiert ist", sagt Aleida Keesing. "Wenn ich dabei helfen kann, indem ich für meine Eltern und meinen Bruder als Nebenklägerin auftrete, dann will ich das tun."

Ralph Erman, geboren 1923

Ralph Erman wuchs als ältester von vier Söhnen des Fabrikanten Alfred Erman auf, dem Direktor der Chemischen Fabrik Wittlich, Ermann & Co. Seine Mutter Sybilla van Amerongen stammte aus den Niederlanden. In der Schule in der Kleinstadt Wittlich litt Ralph als einziger Jude seiner Klasse unter dem grassierenden Antisemitismus. Der Musiklehrer habe mit Vorliebe Lieder singen lassen wie "Hängt die Juden auf und stellt die Kapitalisten an die Wand".

Die Ermans gaben Haus und Unternehmen auf und zogen 1937 nach Köln-Lindenthal, die Kinder gingen auf ein jüdisches Realgymnasium. Nach der Pogromnacht 1938 flüchtete die Familie in die Niederlande und bezog ein Haus in Arnheim. Die Versuche des Vaters, in Holland ein neues Unternehmen zu gründen, scheiterten, weil die holländischen Behörden äußerst restriktiv mit Gewerbeerlaubnissen umgingen. Nach der deutschen Besetzung wurde das Leben immer schwieriger.

Im November 1942 entschied sich die Familie, sich zu verstecken. Die drei Söhne - einer hatte es nach Großbritannien geschafft - wurden mit Hilfe des holländischen Untergrunds auf verschiedene Familien verteilt. Die Eltern wurden im März 1943 verraten, nach Sobibór deportiert und dort ermordet. Das erfuhr Ralph aber erst zehn Jahre später.

Er selbst überlebte, indem er von Versteck zu Versteck wechselte, teilweise tauchte er in Wäldern untern, neun Monate versteckte er sich in einer Dachkammer. Mehrfach gelang es ihm in letzter Sekunde, sich dem Zugriff von Polizei und SS zu entziehen. Nach dem Krieg fanden alle vier Brüder wieder zusammen, zogen wieder in das Haus, das sie zuletzt mit den Eltern bewohnt hatten und warteten auf deren Rückkehr, mit wachsenden Zweifeln.

Mit Hilfe eines Onkels, der in New York lebte, planten sie die Ausreise in die USA und kamen im Sommer 1946 in New York an. Er wolle nicht nach München zum Verfahren gegen Demjanjuk kommen, sagt Erman. "Das muss ich mir nicht mehr antun." Aber der Prozess gegen Demjanjuk solle auch in seinem Namen geführt werden.

Geertrudia Zeehandelaar-Beffie, geboren 1922

Der Vater von Geertruida Zeehandelaar-Beffie war ein erfolgreicher Diamantenhändler in Amsterdam. Als ihr Bruder Eduard im August 1941 nicht mehr zurückkehrte, nachdem er von den Deutschen festgenommen worden war, fassten die Eltern den Entschluss, dass wenigstens eins der Kinder in Sicherheit gebracht werden müsse.

Der Vater stellte Verbindungen zur niederländischen Untergrundbewegung her. Ein Mann versprach, es gebe deutsche Gestapo-Männer, die gegen großzügige Bezahlung jüdische Kinder in Sicherheit brächten. Es wurde verabredet, dass Geertrudia, damals 19, in einer Gruppe mit drei jüngeren Mädchen aufbrechen solle.

Sie reisten mit dem Zug von Amsterdam nach Paris, in Begleitung von zwei Gestapo-Offizieren. Die Offiziere wiesen sie an, nach einer Übernachtung einen Zug nach Südfrankreich zu nehmen, in eine Stadt namens Hendaye am Fuße der Pyrenäen. Die Kinder wurden dort abgeholt, Geertrudia machte sich mit ihrem Koffer auf den Weg in Richtung spanischer Grenze.

Dort nahm sie ein Kontaktmann der niederländischen Untergrundbewegung in Empfang, sie wurde mit einem Pferdewagen nach San Sebastian gebracht, wo sie einen Zug nach Bilbao nahm.

Dort warteten schon über tausend Flüchtlinge auf ein Schiff, das ungefähr einmal pro Monat nach Havana in Kuba ablegte. Die Passage kostete 1000 Dollar pro Person, das Geld wiesen die Tante und deren Mann aus New York an, die dorthin aus Le Havre übergesetzt waren.

Die Reise dauerte 22 Tage, dann legte das Schiff an einer kleinen Insel bei Havanna an, die die amerikanische Flotte während des Krieges besetzt hatte. Dort beantrage Geertruida die Einreise in die USA, musste aber einige Wochen warten, bis sie im Dezember 1941 nach New York fahren durfte.

Der Bruder und andere Familienmitglieder wurden im Juli 1943 in Sobibór ermordet, Vater und Mutter an einem anderen, der Tochter nicht bekannten Ort.

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