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01. Dezember 2009, 20:12 Uhr

Demjanjuk-Prozess

"Gefühllose und unbarmherzige Gesinnung"

Aus München berichtet

Die Anklage im Münchner Holocaust-Prozess ist juristisches Neuland. John Demjanjuk soll verurteilt werden, ohne dass ihm Exzess-Taten nachgewiesen werden können. Die Nebenkläger begrüßen das Verfahren dennoch: Sie schildern am zweiten Prozesstag das Leid überlebender Familienmitglieder der KZ-Opfer.

Auch Verhandlungen über beispiellose Verbrechen gehorchen einer Routine. Das deutet sich schon am zweiten Tag des Münchner Prozesses gegen den mutmaßlichen Lageraufseher John Demjanjuk, 89, an. Wieder wird der Angeklagte in einem Bett hereingerollt, er trägt seine schwarze Lederjacke, eine graue Baseballmütze, die Augen sind geschlossen.

Die Zuschauerränge haben sich gegenüber dem Vortag geleert, ein Großteil der Reporter ist schon wieder abgereist. Einige Dutzend verharren noch auf abgeschabten orangefarbenen Schalensitzen unter Neonlicht. Das öffentliche Interesse werde weiter nachlassen, prophezeit flüsternd Noah Klieger, 84, ein Auschwitz-Überlebender, der für eine israelische Zeitung das Verfahren beobachtet. So sei es schon während des Demjanjuk-Prozesses in Israel gewesen, den der Journalist verfolgt hatte.

Das Strafverfahren wird mühsam werden, das spüren alle. Es ist heiß, die Luft ist schlecht, eine Strapaze vor allem für die meist betagten Nebenkläger, die zum Prozessauftakt angereist sind.

Zweimal 90 Minuten - mehr nicht

Der Vorsitzende Richter Ralph Alt will zu Beginn die Anlage verlesen lassen. Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch unterbricht: Das ganze Verfahren sei unrechtmäßig, Israel habe seinen Mandanten freigesprochen, Polen die Ermittlungen eingestellt. Der Antrag wird zurückgestellt, doch wieder hat der Verteidiger 40 Minuten gesprochen, und die Zeit ist knapp: zweimal 90 Minuten darf pro Tag verhandelt werden, mehr nicht.

Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz steht auf, um die Anklage zu verlesen. Die Kernsätze: Demjanjuk habe "bereitwillig an der Ermordung von mindestens 27.900 jüdischen Männern und Frauen" mitgewirkt, weil "er selbst deren Tötung aus rasseideologischen Gründen" wollte. Er habe "in gefühlloser und unbarmherziger Gesinnung" gehandelt.

Die Argumentation der Staatsanwaltschaft lautet so: Demjanjuk arbeitete im Jahr 1943 als Wachmann in Sobibór. Dort war er automatisch Teil der Vernichtungsmaschine, also ein Mordhelfer. "Jeder Angehörige des Stammpersonals war an dem routinemäßigen Vernichtungsvorgang beteiligt", führt Lutz aus.

Juristische Premiere

Hinter solchen Sätzen verbirgt sich eine juristische Premiere. Früher wurden vor allem die sogenannten "Exzesstäter" verurteilt, also jene Männer und Frauen, die sich beim Massenmord durch besondere Grausamkeit oder eigene Initiative ausgezeichnet hatten. Diejenigen hingegen, die die Todesfabriken in Betrieb hielten, konnten die Verantwortung von sich schieben. Sie hätten ja nur Befehle befolgt oder geglaubt, dass solche Befehle existierten.

Eine neue Rechtskonstruktion, ausgerechnet im Verfahren gegen einen untergeordneten Helfer. Doch der schweigt, keine Regung, als der Vorsitzende sagt: "Herr Demjanjuk, Sie haben das Recht, sich zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft zu äußern."

Die Eröffnung der Beweisaufnahme beginnt, über viele Minuten verliest der Vorsitzende Namen, Geburts- und Todesdaten von jüdischen Männern und Frauen, die im Jahr 1943 vom niederländischen Lager Westerbork nach Sobibór deportiert wurden. Es sind viele Namen, jeder einzelne ist ein naher Angehöriger der Nebenkläger, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern. Einige Nebenkläger zucken zusammen, als die Namen ihrer Verwandten vorgelesen werden.

Wie umgehen mit den Opfern?

Wie sollen die Opfer am besten im Verfahren repräsentiert werden? Darüber sind sich selbst die Anwälte nicht einig, das wird durch einen Antrag des Nebenkläger-Vertreters Cornelius Nestler deutlich.

Er beantragt, dass Demjanjuk auch wegen Beihilfe zum versuchten Mord an jenen 1679 Menschen verurteilt werden solle, die nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft während des Transports nach Sobibór verstarben. "Zweck des Transports war die Verbringung zum Mord", sagt Nestler. Demnach wäre Demjanjuk für alle Stadien des Vernichtungsprozesses ab Beginn der Deportation mit verantwortlich.

Die meisten Nebenkläger-Anwälte schließen sich dem Antrag an, Widerspruch kommt von Stefan Schünemann, dem Rechtsvertreter des Sobibór-Überlebenden Thomas Blatt: Eine Erweiterung der Anklage würde das Procedere nur unnötig verkomplizieren.

Bewegende Minuten

Am Nachmittag kommen endlich die Nebenkläger selbst zu Wort, sie werden in alphabetischer Reihenfolge als Zeugen aufgerufen. Es sind die bislang bewegendsten Minuten des Verfahrens. Die Nachkommen erzählen vom eigenen Leid und dem ihrer Angehörigen, einige werden von der Trauer überwältigt und müssen unterbrechen. Auf den Rängen weinen einige mit nach München gereiste Familienmitglieder still.

Den Anfang macht Mary Richheimer Leijden van Amstel aus Amsterdam. "Ich bin die einzige Überlebende meiner Familie", erzählt die Niederländerin. Weitere erschütternde Lebensberichte folgen, auch der Verhandlungstag am Mittwoch soll weitgehend den Stimmen der Nebenkläger gehören. Der Niederländer David van Huiden verlässt den Zeugenstand mit den Worten: "Ich danke herzlich für die Möglichkeit, dass ich hier etwas sagen durfte."

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