Der Amoklauf des Tim K. Einzelgänger im Waffenwahn

Eine Stadt sucht Erklärungen. War Tim K. ein Waffennarr, ein irrer Isolierter, hasste er Frauen - was treibt einen 17-jährigen Jungen dazu, 15 Menschen zu töten? Die Winnender sind entsetzt nach dem Amoklauf des früheren Schülers. Und wütend auf die Eltern, deren Beretta er benutzte.

Winnenden - Sie hat noch bis zum Feierabend gearbeitet. Die Patienten mussten schließlich versorgt werden, ihr Essen bekommen - aber jetzt "will ich nur noch heim", sagt die Frau, und ihre Lippen zucken nervös. Sie ist Diätassistentin im Krankenhaus, 21, mit blondem Pferdeschwanz und schwarzem Plastikreif im Haar. Stundenlang musste sich die Frau an diesem Mittwoch mit ihren Kollegen in der Klinikküche verschanzen - wegen Tim K. Jenem 17-Jährigen, der nebenan im Schulzentrum ein Massaker angerichtet hat, wie sie es bisher "nur aus dem Fernsehen kannte".

Plötzlich sei ein Gärtner zu ihnen hereingestürmt und habe gerufen, dass draußen ein Mann angeschossen wurde. K.s zehntes Opfer, das kurze Zeit darauf stirbt.

Die Menschen in der Küche verbarrikadieren sich - und warten. Stundenlang. Sie denken nach, reden, machen sich Sorgen, denn der Mann hätte mit Gewalt natürlich trotzdem zu ihnen gelangen können. "Da bekommt man es schon mit der Angst zu tun", sagt die Frau leise. Und dann noch mal: "Ich will nur noch heim." Sie geht weg.

"Sonst kennt man das ja nur aus Amerika"

Eine Stadt unter Schock. Viele in Winnenden haben an diesem Tag eine Geschichte zu erzählen, wie sie den Amoklauf erlebt haben.

Ein 16-Jähriger aus der Albertville-Realschule schildert, wie er zu spät gekommen ist an diesem Morgen. Erst eine Viertelstunde vor zehn war er dort - "verschlafen", sagt er und lächelt verschämt. Tim K. war da gerade wieder weg.

Die Schule schien auf den ersten Blick menschenleer. "Ich habe am Computerraum total lang geklopft", sagt der Junge. Erst antwortete niemand. Dann musste er genau beschreiben, wer er ist. Die Tür ging einen Spalt auf, er wurde reingezogen von jenen, die sich dort versteckten. Einen Augenblick lang müssen sie ihn für den Amokschützen gehalten haben.

Einem 72-jährigen Rentner, der gerade in Richtung der Schule geht, merkt man das Entsetzen noch an. "Da wird einem schon g'schwind warm", sagt er über das, was er an diesem Tag erlebt hat. Er hatte seine Frau zur Arbeit begleitet, sie putzt in einer Arztpraxis. Dann saßen sie dort fest. In einer abgesperrten Stadt. Draußen durchstreifte die Polizei die Straßen. "Als meine Frau aus dem Fenster geschaut hat, kam da plötzlich einer mit so einer schwarzen Zipfelmütz'." Sie dachten, es sei der Amokläufer, "so schneidig, wie der um die Ecke bog". Erst als noch mehr Männer kamen, wurde ihnen klar, dass es Polizisten waren.

"Meiner Frau sitzt das immer noch in den Knochen", sagt der Mann. "Sie wollte nicht mitkommen." Er aber quält sich zur Schule, stützt sich bei jedem Schritt auf seinen Regenschirm, er muss es einfach sehen. "Sonst kennt man das ja nur aus Amerika", sagt er. "Ist das nicht schlimm?"

Der Junge sei aus einer guten Familie gewesen, der Vater Unternehmer, "der hatte 150 Beschäftigte", sagt der Mann. Er habe den Opa gekannt. Aber einen Hang zu Waffen habe der 17-Jährige wohl schon immer gehabt, sagt der Rentner - "habe ich gehört", schränkt er ein. Es werde sicher "viel g'schwätzt" auf der Suche nach Erklärungen.

Tatsächlich machen an diesem Tag viele Gerüchte die Runde. Die "Bild"-Zeitung zitiert einen "Kumpel", Tim K. habe 30 Softair-Waffen in seinem Zimmer an der Wand gehabt und beim Spielen gern damit auf andere gefeuert; die Beretta des Vaters habe es ihm außerdem angetan. Spekulationen über eine Trennung von einer Freundin werden zitiert und über den Amoklauf in der vorherigen Nacht in Alabama, der ihn zu der Tat gereizt haben könnte. Im Radio laufen Berichte, Tim K. habe in einem vom Vater ausgebauten Kellerzimmer mit Waffen gespielt. Auch Ballerspiele am Computer soll er geliebt haben.

"Er war ein bisschen abgehoben"

Und trotzdem: Niemand kann sich vorstellen, dass ausgerechnet Tim K. dieses Blutbad angerichtet hat. Ein ruhiger Typ sei er gewesen, berichten Jugendliche vor der Schule - allerdings kennen auch sie ihn allenfalls vom Sehen. Eine Cousine sei immer mit ihm im Bus gefahren, sagt einer. Ein Einzelgänger offensichtlich. "Tischtennis, was anderes hat er nicht im Kopf gehabt", sagt sein Trainer dem ZDF. "Er war ein bisschen abgehoben, weil er besser war als die anderen. Aber auch nicht so, dass man dachte, der ist jetzt 'n Superstar."

Was trieb Tim K. zu dieser Tat? Ganz Deutschland sucht an diesem Tag Antworten, aber die sind nicht einfach.

Auf der Pressekonferenz am Abend sagt Landesinnenminister Heribert Rech, die Hintergründe lägen im Dunkeln. Es habe keine Hinweise auf die Tat oder Ankündigungen im Internet gegeben, K. habe auch keinen Anlass für Zukunftsängste gehabt - schließlich kam er aus guter Familie. Auffällig ist für die Ermittler nur, dass die meisten Opfer in der Schule weiblich sind, sieben Schülerinnen und drei Lehrerinnen. Rech will daraus "aber noch nichts ableiten", es könne mit der Raumsituation zusammenhängen. Allerdings habe der Täter seine Opfer vor allem durch Schüsse in den Kopf getötet - was zeige, dass er nicht wahllos um sich gefeuert habe.

Klar ist, dass Jörg und Ute K., seine Eltern, 16 Schusswaffen zu Hause hatten; der Vater ist im Schützenverein, daher hat er das Recht dazu. Die Pistole, mit der Tim K. um sich schoss, stammte aus diesem Arsenal - sie lag im Schlafzimmer und nicht im Tresor wie die anderen.

"Ich hoffe, dass die eine richtig ordentliche Strafe kriegen"

Die Fassungslosigkeit der Winnender paart sich deshalb mit Wut. "Ich hoffe, dass die eine richtig ordentliche Strafe kriegen", empört sich ein Mann. "Wie kann das sein, dass der an die Waffen dran kommt?", schimpft ein anderer. Dessen Eltern betreiben ein Bistro ein paar hundert Meter weit von der Albertville-Schule entfernt, den ganzen Vormittag schlossen sie sich ein, sie hatten Angst. "Wir haben die ganze Zeit telefoniert dabei", sagt der Sohn, der bei Porsche in Zuffenhausen in der Produktionslogistik arbeitet.

Auch ihn hat es nach der Arbeit zur Schule gezogen an diesem Nachmittag. Warum, kann er nicht genau sagen. Vielleicht einfach, um zu sehen, ob dort immer noch die vielen Topfpflanzen im Fenster stehen. Ob das eckige Gebäude immer noch so verdammt nach einer modernen Schule in einer friedlichen schwäbischen Kleinstadt aussieht.

"Ich habe eine Tochter, die ist zweieinhalb", sagt der Mann. Er frage sich, wo er sie aufwachsen lassen könne, wenn schon in Winnenden Derartiges möglich sei.

Der 17-jährige Moritz, der in eine Schule in der Umgebung geht, erzählt, wie er am Morgen noch eine Englischarbeit geschrieben hat. "Lief gut." Und plötzlich saß er im Klassenzimmer mit seinen Mitschülern fest - alle Schulen in der Gegend wurden abgeriegelt, während die Polizei Tim K. jagte. Manche Schüler mussten mehr als drei Stunden aushalten. Die besorgten Eltern, die ihre Kinder abholen wollten, standen vor verschlossenen Türen.

"Die ganze Straße war voll mit Autos", sagt ein Hauptschüler aus dem benachbarten Leutenbach. Er und seine Kameraden wurden nur noch zu zweit aufs Klo gelassen. Eine seiner Mitschülerinnen begann plötzlich zu weinen - sie hatte bei den Eltern einer Freundin von der Albertville-Schule angerufen, Schreien gehört und dann nichts mehr.

Es sind Momente, die sie nie vergessen werden. "Eigentlich", sagt der 17-jährige Moritz, "eigentlich fängt man erst jetzt nach ein paar Stunden an zu begreifen."

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