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Furcht vor Geheimdienst: "Arctic Sea"-Experte flieht aus Russland

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Der Fall "Arctic Sea" Russland ermittelt wegen Waffenschmuggels

Wende im mysteriösen Fall des finnischen Frachters "Arctic Sea": Russland hat erstmals offiziell bestätigt, doch einen möglichen Waffenschmuggel auf dem lange vermissten Schiff zu untersuchen. Eine russische Zeitung berichtet von einer Geheimdienstverwicklung eines EU-Landes.

Moskau - Seit dem Verschwinden des Frachters gab es stets Zweifel daran, ob die Ladung tatsächlich nur aus Holz bestand. Militärexperten der EU und Russlands äußerten immer wieder den Verdacht, dass an Bord auch Waffen - vermutlich Marschflugkörper aus Sowjetzeiten - geschmuggelt worden seien. Nun hat Russland erstmals offiziell eingeräumt, auch einen möglichen Waffenschmuggel zu untersuchen.

Vielleicht sei auf dem Schiff nicht nur Holz transportiert worden, sagte der Leiter der Ermittlungsbehörden, Alexander Bastrykin, in einem vorab veröffentlichten Interview der Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta". "Wir schließen keine Varianten aus", so Bastrykin. Die "Arctic Sea" werde auch deshalb in den russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk geschleppt, um dort weitere Ermittlungen anzustellen.

Bastrykin schloss nicht aus, dass die auf Malta registrierte "Arctic Sea" als Beweismittel bis zu einem Gerichtsverfahren beschlagnahmt bleibe. Auch die 15 von dem Frachter befreiten Seeleute müssten so lange festgehalten werden, bis klar sei, ob sie in die Entführung des Schiffs verwickelt seien. "Das Wichtigste ist, dass wir die Entführer haben, dafür gilt der Kriegsmarine ein großer Dank", sagte Bastrykin weiter.

Die Zeitung "Moskowski Komsomolez" ("MK") berichtete unterdessen unter Berufung auf russische Geheimdienstquellen, die "Arctic Sea" habe auch Waffen "mit unbekannter Herkunft und unklarem Ziel" an Bord gehabt. Die gefassten acht mutmaßlichen "Ostsee-Piraten" seien vorbestrafte Kriminelle, die vom Geheimdienst eines EU-Landes angeheuert worden seien.

"Sollten die Finnen Flügelraketen dazugeladen haben, wäre das ihre Sache"

Die "Arctic Sea" war Ende Juli mit Holz im Wert von mehr als einer Million Euro an Bord in Finnland aufgebrochen und hätte am 4. August in Algerien eintreffen sollen. Vor der Küste von Schweden wurde die Besatzung nach eigenen Angaben überfallen, nach dem letzten Funkkontakt am 28. Juli im Ärmelkanal blieb der Frachter drei Wochen lang verschwunden.

Der Fall hatte einen wohl einmaligen Einsatz von Geheimdiensten aus 20 Ländern ausgelöst. Beim Wiederauffinden des Frachters vor gut einer Woche hatte auch die Nato auf Bitten Russlands geholfen. Russland hatte mehrere Kriegsschiffe in Bewegung gesetzt, um die 15 russischen Seeleute aus der Gewalt der Entführer zu befreien. Wegen des immensen militärischen und geheimdienstlichen Aufwands halten sich Gerüchte, an Bord der "Arctic Sea" könnten Waffen oder Drogen geschmuggelt worden sein.

Moskaus Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin hatte in Brüssel betont, dass Russland selbst keine Rüstungsgüter auf der "Arctic Sea" transportiert habe. "Sollten die Finnen noch Flügelraketen zu dem Holz dazugeladen haben, dann wäre das ihre Sache", sagte Rogosin in einem Interview mit dem SPIEGEL.

Kapitän und drei Crew-Mitglieder noch an Bord der "Arctic Sea"

Die russische Zeitung "Kommersant" berichtete, dass auch die estnischen Behörden ermitteln. Sechs der mutmaßlichen Seeräuber lebten zuletzt in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Die Verdächtigen gaben an, als Umweltschützer vor der schwedischen Küste unterwegs gewesen zu sein, als sie am 24. Juli in Seenot von der "Arctic Sea" gerettet wurden. Dagegen wirft Russland ihnen vor, nach einem bewaffneten Überfall Lösegeld gefordert zu haben. Laut "MK" war auch der russische Militärgeheimdienst in die Aufklärung des Falls um die "Arctic Sea" eingebunden.

Die mutmaßlichen Seeräuber kündigten an, gegen die Haftbefehle Beschwerde einzulegen. Sie verlangen, sich in ihrer Heimat gegen die Vorwürfe verteidigen zu dürfen. In Russland drohen ihnen 20 Jahre Gefängnis.

Der Kapitän der "Arctic Sea" und drei weitere Crew-Mitglieder befinden sich noch an Bord des Frachters, elf Seeleute werden in Moskau vom Inlandsgeheimdienst FSB verhört. Sie sollen sich nach Medienberichten in einem überwachten Hotel aufhalten. Angehörige von zwei Seeleuten teilten am Dienstag mit, sie hätten erstmals ganz kurz telefonischen Kontakt gehabt. Die Familien fordern seit Tagen die Freilassung der Seeleute. Nach unbestätigten Berichten sollen die Männer Ende der Woche nach Hause dürfen.

siu/dpa/AP
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