Der Fall Dennis J. Haftbefehl gegen Berliner Kommissar

Zivilfahnder Reinhard R. erschoss im brandenburgischen Örtchen Schönfließ den flüchtenden Straftäter Dennis J. Nun hat ein Ermittlungsrichter Haftbefehl gegen den Beamten erlassen - wegen Totschlagsverdacht.

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Hamburg - Es ist nicht viel, was man bislang über den Berliner Polizeikommissar Reinhard R. weiß: 34 Jahre ist er alt, verheiratet soll er sein und Vater zweier Kinder. Der Beamte arbeitete beim Abschnitt 25 im Streifendienst Verbrechensbekämpfung, wie die Zivilfahnder in der Hauptstadt heißen.

Von Berufs wegen jagte Reinhard R. also flüchtige Straftäter, doch seit dem gestrigen Montagnachmittag, als er gegen kurz vor drei Uhr in seinem Haus im Stadtteil Reinickendorf festgenommen wurde, steht der Polizist selbst im Zentrum intensiver Ermittlungen. Ein Neuruppiner Amtsrichter erließ am heutigen Dienstag Haftbefehl gegen den Kommissar - unter Auflagen wurde das Papier jedoch außer Vollzug gesetzt.

"Eine Notwehrsituation lag nicht vor"

R. wird dringend verdächtigt, am Silvesterabend im brandenburgischen Örtchen Schönfließ den mit zwei Haftbefehlen gesuchten Straftäter Dennis J. erschossen zu haben.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hatten drei Zivilfahnder, darunter Reinhard R., den untergetauchten Dennis J. gegen 18 Uhr vor dem Schönfließer Elternhaus seiner Freundin Patricia "Ticy" M., 19, in einem gestohlenen Jaguar sitzend aufgespürt und wollten ihn festnehmen.

Es sei zu einem kurzen, aggressiven Wortwechsel mit dem unbewaffneten J. gekommen, dann habe R. aus unmittelbarer Nähe den tödlichen Schuss durch die Seitenscheibe des Wagens abgegeben, so Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper. "Eine Notwehr- oder Nothilfesituation lag nicht vor", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Gerd Schnittcher. Der Einsatz der Dienstpistole sei daher "nicht gerechtfertigt" gewesen.

Der schwer verletzte J. habe die Limousine gestartet und zu fliehen versucht, hieß es. Er rammte demnach den schräg auf der Straße stehenden Dienstwagen der Zivilfahnder, einen grauen Opel Kombi, und beschädigte einen Wintergarten. Reinhard R. feuerte nach Angaben der Staatsanwaltschaft während der kurzen Fluchtfahrt noch siebenmal aus seiner Waffe vom Typ Sig Sauer P6, fünf Schüsse trafen das Auto, doch keiner den Flüchtenden. Nach wenigen Metern verlor Dennis J. das Bewusstsein, der Jaguar rollte gegen eine Wand.

Vom Dienst suspendiert

Kommissar R. war den Staatsanwälten zufolge als einziger der drei Fahnder bewaffnet. Er wurde inzwischen vom Dienst suspendiert, wie ein Sprecher der Berliner Polizei sagte.

Die Neuruppiner Ermittler kritisierten die fehlende Kooperationsbereitschaft der an dem Einsatz beteiligten Männer. "Von beiden Beamten haben wir bisher keine Hilfe bei der Aufklärung bekommen", sagte Lodenkämper. Sie hätten erklärt, von Silvesterknallern abgelenkt worden zu sein. Die Staatsanwältin betonte aber, keiner der als Zeugen gehörten Passanten und Anwohner habe zu dieser Zeit Böller gehört.

Wie auf Bildern vom Tatort zu erkennen war, befanden sich zwei Einschusslöcher in der Beifahrertür des Wagens, eine Kugel traf die Karosse am hinteren Kotflügel. Zunächst war der Eindruck erweckt worden, R. habe in Notwehr handeln müssen, doch Augenzeugen konnten laut Zeitungsberichten keine Gefährdung der drei Beamten erkennen.

Auch hatte es zunächst geheißen, Dennis J. habe einen Fahnder mit dem PS-starken Gefährt am Bein verletzt. Diese Darstellung erscheint mittlerweile fraglich. "Ein Polizist hat eine Verletzung am Knie angegeben, die wir am Tatort nicht feststellen konnten", sagte Staatsanwalt Schnittcher. Mittlerweile habe der Beamte jedoch ein ärztliches Attest vorgelegt, dass derzeit von einem Rechtsmediziner überprüft werde.

Ein polizeibekannter Krimineller

Das Opfer, Dennis J., war ein polizeibekannter Krimineller, den die Fahnder vom Abschnitt 25 schon seit Monaten suchten. In fast 160 Fällen hatten Beamte bereits gegen den 26-Jährigen ermittelt - unter anderem ging es um Raub, gefährliche Körperverletzung und Drogen. Zuletzt hatte J. eine 13-monatige Haftstrafe wegen verschiedener Verkehrsdelikte nicht angetreten und war untergetaucht.

Das war der Moment, in dem die Jagd begann.

Doch J. konnte seinen Verfolgern zweimal entkommen. Im vergangenen November rannte er ihnen einfach davon und einige Wochen später, es war inzwischen Dezember, attackierte er einen Polizisten mit Pfefferspray. Dennis J. verschwand. Der Todesschütze R. arbeitete nach Angaben der Staatsanwälte als Chefermittler an dem Fall. Ob er jedoch auch zu den abgehängten Beamten zählte, konnte ein Berliner Behördensprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht sagen.

Zum Verhängnis wurde Dennis J. offenbar die Beziehung zu seiner Freundin Patricia M. Deren Stiefvater ist Bundespolizist und gab den Fahndern den entscheidenden Hinweis auf J.s Aufenthaltsort. Mit zwei Kollegen fuhr Reinhard R. daraufhin vor knapp zwei Wochen nach Schönfließ.

"Sie wussten nicht, was er tat"

Die Schwester und die Mutter des Getöteten streben nun in einem möglichen Prozess gegen den Kommissar eine Nebenklage an. Entsprechendes sei inzwischen beantragt worden, sagte ihr Berliner Anwalt, Thomas Worm, SPIEGEL ONLINE. Der zuständige Staatsanwalt habe ihm bereits Einsicht in die Ermittlungsakten zugesagt.

Dennis' Angehörige könnten viele Fragen, die nun gestellt würden, nicht beantworten. Der beschäftigungslose Zweiradmechaniker, der in Neukölln aufwuchs und ein Jahr lang in Schwaben arbeitete, habe ein "eigenständiges Leben" geführt, der Kontakt zu seiner Familie sei "nicht sehr rege" gewesen. "Sie wussten nicht, was er tat", sagte Worm.

Seinen Angaben zufolge wird Dennis J. am Freitagmorgen in Neukölln beigesetzt. Anschließend sei ein Trauermarsch geplant. Bereits am vergangenen Samstag hatten sich in dem Berliner Problemstadtteil mehrere Dutzend Menschen zu einer spontanen, nicht angemeldeten Gedenkveranstaltung versammelt. Laut Polizei verhielten sie sich "verbal-aggressiv" gegenüber den eingesetzten Beamten.

Sie riefen: "Mörder!"

Mit Material von dpa und AP



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