Der Fall Dennis J. Polizist wegen Todesschüssen festgenommen

Sechsmal feuerte der Polizeikommissar Reinhard R. in Brandenburg auf einen flüchtenden Kriminellen - Dennis J. starb. Der Beamte will in Notwehr gehandelt haben, doch acht Augenzeugen widersprechen laut einem Bericht dieser Darstellung. Nun wurde der Fahnder festgenommen.

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Hamburg - Ein weißes Holzkreuz, mit Rosen geschmückt, rote Grablichter, ein Brief, der mit rührenden Worten schließt: "Dein Platz wird für immer und ewig in meinem Herzen bleiben. Ich werde dich niemals vergessen. Dein dich liebender Schatz, Ticy." So hat es eine runde Mädchenhandschrift auf das DIN-A-5-Blatt gemalt, das dort liegt, wo Dennis J. starb: eine verschneite Sackgasse im brandenburgischen Schönfließ mit grauen Häusern, kleinen Autos und hohen Hecken.

Hier tötete am Silvestertag, es war gegen 18 Uhr, der Polizeikommissar Reinhard R., 34, mit sechs Schüssen aus seiner Dienstwaffe vom Typ Sig Sauer P 6 den gesuchten Kriminellen Dennis J. Noch längst ist nicht genau geklärt, was sich an diesem zugig-kalten Abend in dem 2000-Seelen-Nest ereignet hat. Fest steht bislang nur, dass drei Berliner Zivilpolizisten des Abschnitts 25 den mit drei Haftbefehlen gesuchten Straftäter Dennis J. dort in einem gestohlenen Jaguar stellten.

Die Musik aufgedreht, mit laufendem Motor und verschlossenen Türen soll der 26-Jährige darauf gewartet haben, dass seine Freundin Patricia "Ticy" M., 19, zu ihm in den Wagen steigt. Stattdessen stürmten aber die Fahnder vom Streifendienst Verbrechensbekämpfung auf die graue Luxuskarosse zu. Dennis drückte aufs Gas, verletzte einen der Polizisten am Bein und rammte den Dienstwagen der Beamten, einen grauen Opel. Dann fielen die Schüsse, Dennis J. starb.

Überraschende Wendung

Ein gesuchter Krimineller mit einem ellenlangen Vorstrafenregister, fast 160-mal wurde gegen Dennis J. ermittelt, noch dazu in einer gestohlenen Luxuskarosse unterwegs, flüchtete vor Polizisten und verletzte einen dabei - zunächst sah alles nach einem eindeutigen Fall aus: Notwehr, keine weiteren Fragen.

Nun aber die überraschende Wendung: Der Polizeikommissar R. wurde nach Angaben der Neuruppiner Staatsanwaltschaft festgenommen. Gegen den Beamten bestehe der dringende Tatverdacht des Totschlags, sagte Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper. Die Behörde wolle Haftbefehl beantragen. Wohn- und Diensträume des Beamten seien durchsucht worden. Details nannte die Ermittlerin nicht, sondern verwies auf eine Pressekonferenz am morgigen Dienstag. Reinhard R. schweigt zu den Vorwürfen.

Der zuständige Pressesprecher der Berliner Polizei bestätigte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE die Festnahme seines Kollegen und kündigte "dienstrechtliche Konsequenzen" an. Bislang war R. nicht vom Dienst suspendiert worden.

Gleichzeitig mehren sich die Stimmen derer, die das Vorgehen des Beamten R. in Zweifel ziehen. "Ich hätte den Gesuchten laufen lassen", sagte ein ehemaliger Fahnder, der sich nicht namentlich zitieren lassen wollte, SPIEGEL ONLINE. "Er hatte keine schweren Straftaten begangen. So einen kriegt man immer wieder."

Auch aus örtlichen Sicherheitskreisen verlautete: "Nach Lage der Dinge scheint die Neuruppiner Staatsanwaltschaft die Rechtmäßigkeit des Schusswaffengebrauchs stark anzuzweifeln." Und ein Kriminalpolizist aus Nordrhein-Westfalen, er sucht ebenfalls vorrangig nach flüchtigen Straftätern, hält das Vorgehen seines Berliner Kollegen schlicht für "unprofessionell. Man schießt in einer Wohnsiedlung nicht auf davonfahrende Autos."

War es wirklich Notwehr?

Tatsächlich erscheint mittlerweile fraglich, ob der Kommissar R. in Notwehr feuern musste. Die "B.Z." meldete, es gebe insgesamt acht zivile Augenzeugen, die keine bedrohliche Situation für den Polizisten hätten erkennen können.

So nähren auch die Spuren am Tatort Zweifel: Zwei Einschusslöcher befinden sich in der Beifahrertür des Jaguars, eine Kugel traf die Limousine am hinteren Kotflügel. In der Frontscheibe waren ebenfalls zwei Löcher zu erkennen, die von Projektilen stammen könnten. Laut "Tagesspiegel" schoss R. demnach von der Seite und von hinten auf den Wagen.

Noch lässt sich allerdings trefflich darüber spekulieren, ob der mutmaßliche Übereifer des Kommissars R. darauf zurückzuführen sein könnte, dass Dennis J. der Polizei bereits mehrfach entwischt war. Der 26-Jährige hängte im vergangenen November und Dezember insgesamt zweimal die Abschnitt-25-Männer ab. Einmal griff er dabei einen Beamten mit Pfefferspray an.

Dabei sollte der arbeitslose Zweiradmechaniker aus Neukölln jedoch nur eine vergleichsweise geringe Strafe antreten. Wegen verschiedener Verkehrsdelikte hätte J. 13 Monate im Gefängnis verbringen sollen. Dennoch machte er sich laut "B.Z." auf und davon, als er die Ladung zum Haftantritt erhielt, wohnte in einem Hotel und wechselte ständig seine Handy-Nummern.

Zum Verhängnis wurde Dennis J. dann offenbar aber die Beziehung zu Ticy. Deren Stiefvater ist mehreren Zeitungsberichten zufolge Bundespolizist und könnte den Fahndern den entscheidenden Hinweis auf J.s Aufenthaltsort gegeben haben. Sollte das zutreffen, spielen sich nun im Örtchen Schönfließ familiäre Dramen ab.

Und nicht nur das. Die Todesschüsse könnten auch politische Konsequenzen haben. So kündigte der Innenausschuss-Vorsitzende des Berliner Abgeordnetenhauses, Peter Trapp (CDU), gegenüber SPIEGEL ONLINE an, in der Sache nach Abschluss der Ermittlungen umgehend aktiv werden zu wollen. "Das Thema muss auf den Tisch. Unbedingt."

Mit Material von dpa



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