Geisel-Doku "Der Kapitän und sein Pirat" Gib dem Gangster dein letztes Hemd

Fünf Monate Geiselhaft, endlose Demütigungen, die eigene Crew wendet sich ab: Der Kapitän des entführten Frachters "Hansa Stavanger" freundete sich mit dem Anführer der Piraten an. Ein aufwühlender Dokumentarfilm erzählt vom Schicksal der beiden Männer.

Brockhaus & Wolff

Vier Monate lang befand sich die Besatzung des deutschen Frachters "Hansa Stavanger" in der Gewalt somalischer Piraten. Der Kapitän hielt der psychischen Belastung der Geiselhaft nicht stand und begann eine Freundschaft mit dem Anführer der Piraten. Dem Münchner Filmemacher Andy Wolff ist es gelungen, die beiden höchst unterschiedlichen Männer vor die Kamera zu holen. In seinem Dokumentarfilm "Der Kapitän und sein Pirat" erzählen der kriegserfahrene, eiskalte Gangster und der überforderte Kapitän ihre jeweils eigene Sicht der Kaperung.

Die besondere Leistung des Regisseurs, dessen Film im Oktober auf dem Dokumentarfilmfestival in Leipzig zu sehen war und dort den Preis der Jugendjury gewann, besteht schon allein darin, Ahado, den Anführer der Piraten, in Somalia überhaupt ausfindig zu machen. Denn das ostafrikanische Land ist eines der gefährlichsten Orte der Welt. Ausländer können sich nur mit bewaffnetem Begleitschutz dorthin wagen und meist nur sehr kurz bleiben. Auch für die ARD-Reportage "Im Land der Piraten" hatte sich ein TV-Team in die Piratenhochburgen von Somalia vorgewagt.

Wie riskant eine Reise nach Somalia sein kann, musste Filmemacher Wolff bereits erfahren, als er im Flugzeug in der Hafenstadt Bosaso landete und sogleich von Bewaffneten umstellt war. Das Sicherheitspersonal und sein Begleitschutz, der ihn am Flughafen erwartete, standen sich so feindselig gegenüber, dass Wolf im Flugzeug bleiben und weiterfliegen musste.

Das ausführliche Interview mit Ahado, Herzstück des Films, musste daher in den Nachbarstaat Dschibuti verlegt werden. Dort berichtete der Piratenboss über seine Erfahrungen mit Geiseln, erzählte, wie sie auf die Belastungen ihrer Haft reagieren - und wie die Piraten die psychische Zermürbung der Entführten als Druckmittel bei den Reedereien benutzen. Ahado wirkt lässig, abgeklärt und überlegen. Auch, als er erzählt, wie er allmählich Freundschaft mit dem Kapitän der "Hansa Stavanger" schloss, Krzysztof Kotiuk, der zwar seine ranghöchste Geisel an Bord, gleichzeitig aber womöglich auch die schwächste Persönlichkeit war. "Am Ende mochte ich ihn, so wie man einen Vater mag", sagt Ahado, "ich mochte ihn als Somalier und als Muslim."

Mitten im Piratengetümmel

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Geiseln sich mit ihren Entführern solidarisieren und sogar Sympathie empfinden. Der Täter ist ihnen näher als irgend jemand anderes, bei ihm liegt die Entscheidung über Leben und Tod. Dass in diesem Fall nun ausgerechnet der Kapitän sich als schwächstes Glied der Besatzung herausstellte, ist indes eher ungewöhnlich.

Dass Wolff bis ans Horn von Afrika vorstoßen konnte, hat er einer Portion Rechercheglück zu verdanken. Er kam in Kontakt mit Yusuf Guul, ein Somalier, der in Deutschland lebt und über seinen heimatlichen Clan Kontakt zu Ahado aufnehmen konnte. Es gelang Wolff, Guul für das Projekt zu begeistern und in sein Team aufzunehmen. Monatelang lebte der Somalier, der zuvor noch nie eine Kamera in der Hand hatte, unter Piraten in Hobyo und Garakad. Er steuerte eindrucksvolle Bilder bei, die belegen, wie gefährlich das Leben in den Piratennestern sogar für die Freibeuter selbst ist, die sich ständig auch untereinander in Scharmützeln und Konflikten wiederfinden.

"Einmal konnte ich die Piraten überreden, mich an Bord eines gekaperten Schiffs mitzunehmen", erinnert sich Guul im Film. Doch schon auf dem Weg dahin kam es zur Schießerei zwischen verfeindeten Gruppen, die eine an Land, die andere von See kommend. Der Afrikaner geriet in den Kugelhagel und rettete sich mit einem Sprung über Bord. "Es gab Tote und Verletzte", sagt Guul, "und ich kam nicht zum Filmen, weil ich die Wunden der Verletzten versorgen musste."

Scheinhinrichtung und Vorwürfe der Verbrüderung

In München sprach Wolff lange mit Kapitän Kotiuk und begleitete ihn bei seiner Traumatherapie, mit der der gebürtige Pole versuchte, seine Erlebnisse an Bord des Hamburger Frachtschiffs zu verarbeiten. Kotiuk musste Scheinhinrichtungen ertragen, Erniedrigungen durch die Piraten und das Bewusstsein, dass sich die eigene Mannschaft von ihm abgewendet hatte. Kotiuk war nicht als Held heimgekehrt, sondern als Versager. Das kann ihm niemand vorwerfen: In Extremsituationen, noch dazu in Todesangst, reagiert jeder Mensch anders. Und auch der Film verurteilt ihn nicht.

Der Zuschauer erlebt mit, wie sich Kotiuk in seiner Therapie mit der Geiselerfahrung auseinandersetzen muss. Der Therapeut schont ihn nicht. Der Kapitän muss die Scheinhinrichtung ebenso erneut durchleben wie die Vorwürfe seiner Mannschaft, er habe sich mit den Piraten verbrüdert und sie allein gelassen.

Regisseur Wolff gelingt es, ein differenziertes Bild des Skippers einzufangen. Der Zuschauer erlebt einen Mann, der an seine Grenzen gelangt ist. Kotiuk hat in seinen eigenen Abgrund geschaut. Das macht den Film so eindringlich.

"Ich wollte die Geschichte zweier Männer erzählen, die der Zufall zusammengeführt hat und die in der besonderen Situation von Geiselnehmer und Geisel zu Freunden werden", sagt Wolff, den das Thema seit der Entführung des Schiffs am 6. April 2009 nicht mehr losgelassen hat. Als im August 2009 das Lösegeld von 2,75 Millionen Dollar von einem Flugzeug neben dem Schiff abgeworfen wurde, schenkte der Kapitän dem Pirat noch ein Hemd und ein Paar Schuhe, es war das Einzige, was er noch besaß.

Ende Januar wird "Der Kapitän und sein Pirat" beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken zu sehen sein. Einen Verleih für Wolffs Film gibt es noch nicht.



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ratxi 28.12.2012
1. Herren über Gut und Böse
Zitat von sysopBrockhaus & WolffFünf Monate Geiselhaft, endlose Demütigungen, die eigene Crew wendet sich ab: Der Kapitän des entführten Frachters "Hansa Stavanger" freundete sich mit dem Anführer der Piraten an. Ein aufwühlender Dokumentarfilm erzählt vom Schicksal der beiden Männer. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/der-kapitaen-und-sein-pirat-doku-ueber-das-drama-der-hansa-stavanger-a-874572.html
Ein vermutlich sehr interessanter Film, den ich mir mit Sicherheit anschauen werde. Wenn ich auch nur versuche, mir die Situation des Kapitäns vorzustellen, scheint es mir in der Tat am sinnvollsten, sich fernab aller Fragen über das "wieso" und "warum" mit der gegenwärtigen Situation abzufinden und dann das Beste daraus zu machen. Und das scheint eben zu sein, mit den "Mächtigen" Kontakt aufzunehmen, um so gut wie möglich zu verstehen und auch dadurch die eigenen Chancen und Möglichkeiten etwas auszuloten. Als ich selbst vor Jahren einmal für einige endlos erscheinende Stunden in Caracas in Handschellen auf dem Strohbett einer "Polizeistation" lag, erging es mir ähnlich; auch ich suchte den Kontakt zu meinen Peinigern, die von Amtswegen meine Herren über gut und böse waren. Und es gelang mir und ich kann sagen, dass ich auch tasächlich eine gewisse Sympathie aufgebaut habe für jene, die mir doch so übel mitspielten. Denn ich konnte sie verstehen. Das bedeutet keinesfalls--wie es hier gern gedeutet wird--das Tun gutheissen, sondern einfach nur ein Begreifen der Abläufe. Ich konnte mich in die Lage der Betreffenden versetzen und erkennen, dass sie eben aus ihrer ganz eigenen Sicht keine andere Möglichkeit sahen, als so zu handeln. Die Situation ging letztlich gut für mich aus und ich habe heute keinerlei traumatische Erinnerungen an das Erlebnis. Es besteht in meinem Inneren eher wie ein Film, den ich jederzeit abrufen kann; ich kann es aber auch lassen.
spatenheimer 28.12.2012
2.
Zitat von sysopBrockhaus & WolffFünf Monate Geiselhaft, endlose Demütigungen, die eigene Crew wendet sich ab: Der Kapitän des entführten Frachters "Hansa Stavanger" freundete sich mit dem Anführer der Piraten an. Ein aufwühlender Dokumentarfilm erzählt vom Schicksal der beiden Männer. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/der-kapitaen-und-sein-pirat-doku-ueber-das-drama-der-hansa-stavanger-a-874572.html
Hätte der Kapitän doch nur mehr Zeit im SPON-Forum verbracht. Hier ist jeder ein furchtloser Held.
Peter_Lublewski 28.12.2012
3. Der Magen
Allein bei dem Gedanken, dass sich ein Schiffskapitän mit einem Piraten anfreundet, dreht sich mir der Magen um.
blowup 28.12.2012
4. dreist
Zitat von Peter_LublewskiAllein bei dem Gedanken, dass sich ein Schiffskapitän mit einem Piraten anfreundet, dreht sich mir der Magen um.
Na, wenn sich ihr Magen dabei schon umdreht, kann man sich ja vorstellen, wie sie bei einer Scheinhinrichtung reagieren. Manche Menschen haben offenbar keinerlei Vorstellungsvermögen. Ich finde ihr vorwurfsvolles Posting irgendwie ziemlich dreist. Der Kapitän hat - wie die anderen Geiseln auch - mein volles Verständnis. Es braucht so wenig, um Menschen an ihre psychischen Grenzen zu bringen und sie dort scheitern zu lassen. Meist gelingt dies am besten bei denen, die vorher am meisten getönt haben...
Peter_Lublewski 28.12.2012
5. Bescheid wissen
Zitat von blowupNa, wenn sich ihr Magen dabei schon umdreht, kann man sich ja vorstellen, wie sie bei einer Scheinhinrichtung reagieren. Manche Menschen haben offenbar keinerlei Vorstellungsvermögen. Ich finde ihr vorwurfsvolles Posting irgendwie ziemlich dreist. Der Kapitän hat - wie die anderen Geiseln auch - mein volles Verständnis. Es braucht so wenig, um Menschen an ihre psychischen Grenzen zu bringen und sie dort scheitern zu lassen. Meist gelingt dies am besten bei denen, die vorher am meisten getönt haben...
Würde mich interessieren, woher Sie so genau über mich Bescheid wissen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.