Prozess um ermordete Chinesin Die Frau, die das Opfer in die Falle lockte

Sie führte das Opfer, eine chinesische Studentin, ins Haus. Doch als ihr Freund die Frau tötete, war Xenia I. offenbar nicht dabei. Fünfeinhalb Jahre muss sie in Jugendhaft - die Anklage hatte mehr gefordert.
Von Uta Eisenhardt
Xenia I.

Xenia I.

Foto: Sebastian Willnow/ dpa

Eine Frau, Mitte 50, drängt sich im Landgericht Dessau durch die Tür des Verhandlungssaals, dem herausströmenden Publikum entgegen. "Ich wollte bloß mal sehen, wie furchtbar der Mann aussieht", erklärt sie entschuldigend. "Der sieht nicht furchtbar aus", antwortet eine andere Frau. "Der ist furchtbar!"

Die Rede ist von dem 21-jährigen Sebastian F., Sohn einer Polizistin und eines Polizisten, der gerade wegen der Ermordung der 25-jährigen Architekturstudentin Yangjie Li zu lebenslanger Haft mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt wurde. Seine gleichaltrige Mittäterin und Ex-Freundin Xenia I. muss wegen schwerer sexueller Nötigung eine Jugendstrafe von fünfeinhalb Jahren verbüßen. Die Verurteilten müssen den Eltern des Opfers 60.000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Als die Vorsitzende Richterin Uda Schmidt das Urteil gegen Xenia I. verkündete, ging ein Raunen durch das Publikum. Mancher hat wohl eine härtere Strafe erwartet. War es doch diese kleine, harmlos wirkende Frau gewesen, die das Opfer am Abend des 11. Mai 2016 ins Verderben gelockt hatte.

Sie hatte sich vor ihrem im Zentrum der Kleinstadt gelegenen Wohnhaus postiert, wo sie mit ihren beiden Kleinkindern und F. wohnte. Als sie die joggende Chinesin erblickte, machte Xenia I. ihr gestenreich und auf Englisch weis, sie benötige Hilfe beim Tragen von Kartons, wohlwissend, dass hinter der Hauseingangstür Sebastian F. stand: groß, muskulös, sexbesessen, empathielos und gewaltbereit.

Sebastian F.

Sebastian F.

Foto: Sebastian Willnow/ dpa

Seit zwei Jahren hatte er seine Freundin gedrängt, sie möge eine Partnerin für einen Dreier organisieren. In ihrer Not erkundigte sich Xenia I. bei ihrer Cousine. Als diese ablehnte, verlangte Sebastian F. von ihr, auf der Straße eine Frau anzusprechen. Er skizzierte den Tatplan, sie führte ihn aus.

Sie warnte F., als sie fürchtete, er könne sich zu früh auf sein Opfer stürzen. Sie hielt ihm Türen auf, schaltete beständig das Flurlicht an, während er sein Verbrechen in einer dunklen, leerstehenden Wohnung im ersten Stock des Vorderhauses beging. Xenia I. beobachtete die Szenerie und ließ es geschehen, dass F. sie auszog und dafür sorgte, dass die Chinesin sie im Intimbereich berührte.

Das Gericht glaubte Xenia I., dass sie dann in ihre über dem Tatort befindliche Wohnung gegangen sei und geduscht habe. Später habe F. sie heruntergerufen und gebeten, die am Boden kauernde Studentin mithilfe des Google-Übersetzers zu befragen, ob sie Krankheiten habe und ob jemand sie vermissen würde.

Ankläger sahen aktivere Rolle

"Yangjie Li wies zu diesem Zeitpunkt keine blutenden Verletzungen auf, sie konnte die Fragen mit Nicken und Kopfschütteln beantworten", argumentierte die Richterin. "F. sagte, er wolle noch eine Zigarette rauchen und die junge Frau dann gehen lassen. Es ist Xenia I. nicht in den Sinn gekommen, dass er Yangjie Li töten würde."

Die Richter glaubten ebenfalls, dass Xenia I. wieder nach oben in ihre Wohnung ging und erst aus den Erzählungen von F. erfuhr, dass er das Opfer getötet habe, was nicht einfach gewesen sei. Sie habe ihm dann geleuchtet, während er den Körper mithilfe einer Mülltonne vom Tatort durch den Innenhof ins Hinterhaus und von dort durch ein geöffnetes Fenster nach draußen bugsierte. Anschließend sei er um das Haus herumgegangen und habe ihn unter eine Konifere geworfen. Dort wurde die entstellte Leiche, die zahlreiche Verletzungen am gesamten Körper aufwies, zwei Tage später gefunden.

Die von Xenia I. geschilderte Version bescheinigt ihr die geringstmögliche Beteiligung an diesem Verbrechen. "Die Spuren können zwanglos mit ihren Angaben in Einklang gebracht werden", betont die Vorsitzende Richterin. Die Staatsanwaltschaft und die Anwälte der Eltern von Yangjie Li sehen das anders. In ihren Plädoyers hatten sie Xenia I. eine deutlich aktivere Rolle bei den sexuellen Handlungen, insbesondere aber bei der Spurenbeseitigung zugeschrieben.

Zwei gestörte Persönlichkeiten

Einig waren sich die Juristen jedoch über den Charakter des Paares, das wie Schlüssel und Schloss zusammengepasst hatte: Der dominante, selbstbewusste Sebastian F. war in seiner Kindheit den gewalttätigen Partnern seiner Mutter ausgeliefert. Andererseits wurde das verhaltensauffällige Kind stets von seiner Mutter in Schutz genommen und niemals begrenzt. Der psychiatrische Gutachter bescheinigte F. eine in allen Bereichen, auch im Sexuellen, gestörte Persönlichkeit, die so gefestigt sei, dass eine erzieherisch wirkende Jugendstrafe nicht mehr in Frage komme.

Anders schätzte der Gutachter die selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung von Xenia I. ein. Diese hatte sich auf der Basis eines feindlichen Familienklimas in Verbindung mit einem sexuellen Missbrauch durch den Stiefvater entwickelt. Im Ergebnis war sie nicht in der Lage, allein ihren Alltag zu regeln, Konflikte zu klären und sich gegen ihre gewalttätigen Partner zu behaupten. Aus Angst, von F. verlassen zu werden, war sie ihm hörig und wurde sein Lockvogel.

Beide Persönlichkeitsstörungen seien gravierend, befand der psychiatrische Gutachter. "Aber eine Schwäche kann man beheben, eine Dominanz ist schwer beherrschbar."

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