Detmolder Auschwitz-Prozess Früherer SS-Wachmann bricht sein Schweigen

Reinhold Hanning muss sich im Detmolder Auschwitz-Prozess vor Gericht verantworten. Dort hat der ehemalige SS-Mann nun eine persönliche Erklärung abgegeben.
Angeklagte Reinhold Hanning

Angeklagte Reinhold Hanning

Foto: Bernd Thissen/ dpa

Im Detmolder Auschwitz-Prozess hat der frühere SS-Wachmann Reinhold Hanning sein Schweigen gebrochen. "Ich schäme mich dafür, dass ich das Unrecht sehend geschehen lassen und dem nichts entgegengesetzt habe", sagte der 94-Jährige vor dem Landgericht, wo er eine persönliche Erklärung verlas. "Es tut mir aufrichtig leid."

Er bereue zutiefst, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben, die für den Tod vieler Unschuldiger und für die Zerstörung unzähliger Familien verantwortlich sei - gemeint ist damit die SS, für die er während des Zweiten Weltkriegs als Wachmann gearbeitet hat. Bislang hatte sich Hanning während des gesamten Verfahrens nicht geäußert. Die jetzige Entschuldigung las der im Rollstuhl sitzende Mann von einem Blatt Papier ab.

Zuvor hatten seine Verteidiger einen 23-seitigen persönlichen Bericht über Hannings Jugend und seinen Einsatz in Auschwitz verlesen. Darin räumt er ein, von den Massenmorden gewusst zu haben. Er zeichnet gleichzeitig das Bild eines Mannes, der sich gegen seine Einberufung und den späteren Wachdienst nicht habe wehren können.

"Es wurden Menschen erschossen, vergast, verbrannt"

So habe ihn seine Stiefmutter gedrängt, sich zur SS zu melden. Zunächst sei er in Frankreich, später an der Ostfront eingesetzt gewesen, trug sein Anwalt vor. Bei Kiew sei er verwundet worden und daher zum "Innendienst nach Auschwitz" versetzt worden. Anfangs habe er nicht gewusst, was dort geschah. "Wenn man aber, wie ich, längere Zeit da war, dann bekam man auch mit, was dort ablief", zitierte ihn sein Verteidiger. "Es wurden Menschen erschossen, vergast, verbrannt."

Als Mitglied des Wachbataillons habe er darauf achten müssen, dass keiner der Häftlinge floh. Dies habe allerdings nie jemand versucht. "Wir hätten für diesen Fall sofort von der Schusswaffe Gebrauch gemacht." Das Verhältnis unter den Kameraden sei von Misstrauen geprägt gewesen, schilderte er. Zweimal habe er vergeblich Versetzungsanträge an die Front gestellt.

In Auschwitz sei den Soldaten "recht deutlich gemacht" worden, dass man zu funktionieren habe. "Wenn ich mich richtig erinnern kann, ließ man auch keinen Zweifel daran, dass - sollte man sich weigern - man Schlimmeres zu befürchten hatte." Er habe bis zur Anklage versucht, diese Zeit zu verdrängen. "Auschwitz war ein Albtraum. Ich wünschte, nie dort gewesen zu sein", schloss die Erklärung.

"Er hat so vieles schöngeredet"

Als Nebenkläger verfolgen auch viele KZ-Überlebende und ihre Angehörigen den Prozess. Einer von ihnen, Leon Schwarzbaum, äußerte sich nach der Entschuldigung enttäuscht. "Das ist mir nicht genug. Er hat so vieles schöngeredet", sagte der 95-Jährige aus Berlin. "Es mag sein, dass er heute ein anderer Mensch ist, aber für das was war, dafür gibt es keine Entschuldigung."

Auch Nebenkläger-Anwalt Cornelius Nestler bezeichnete die Erklärung als "dünn und inhaltsarm". Aus ihr gehe nicht hervor, zu welchem Zeitpunkt Hanning in Auschwitz was getan habe. Dennoch sei eine Entschuldigung zu respektieren. "Dass sich Herr Hanning nach so langem Schweigen endlich seiner Verantwortung stellt, zeigt doch, wie sinnvoll solche Strafverfahren noch sind", sagte Nestler.

Gegen den 94-Jährigen war ursprünglich wegen Beihilfe zu mindestens 170.000-fachem Mord in dem Vernichtungslager zwischen Januar 1943 und Juni 1944 verhandelt worden. Vor wenigen Tagen hatte die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe ausgeweitet. Gegen Hanning wird nun wegen Beihilfe zu allen Morden im Vernichtungslager Auschwitz zwischen Januar 1943 und Juni 1944 verhandelt. Insgesamt wurden in dem Konzentrationslager bis zu 1,5 Millionen Menschen systematisch umgebracht.

Ein Historiker hatte zuletzt in einem Gutachten dargelegt, dass er es für sehr wahrscheinlich halte, dass Hanning an der sogenannten Rampe eingeteilt gewesen sei. Dort trafen die Deportierten in Güterzügen ein und wurden selektiert. Die eine Gruppe wurde sofort in Gaskammern umgebracht, die andere zur Zwangsarbeit eingeteilt.

mxw/dpa
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