»Hohes Maß an krimineller Energie« IT-Fachleute halten Sabotageangriff auf die Bahn für möglichen »Testlauf«

Die Attacke auf die Deutsche Bahn könnte laut einem IT-Expertengremium erst der Anfang sein: Es handle sich womöglich nur um einen Test – seit dem russischen Überfall auf die Ukraine registriere man vermehrt Cyberangriffe.
Repariertes Kabel in Berlin

Repariertes Kabel in Berlin

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Sean Gallup / Getty Images

Die Beschädigung wichtiger Kabel der Deutschen Bahn war laut IT-Sicherheitsexperten womöglich ein Test.

»Es könnte nur ein Testdurchlauf gewesen sein, um die Auswirkungen einer solchen Sabotage zu sehen«, sagte Michael Wiesner, Sprecher des Expertengremiums Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG Kritis) den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die AG Kritis ist eine unabhängige Arbeitsgruppe aus Fachleuten, die beruflich mit der IT-Sicherheit kritischer Infrastrukturen zu tun haben.

Unbekannte hatten am Samstag wichtige Kommunikationskabel der Deutschen Bahn in Berlin und auch in Nordrhein-Westfalen zerstört. Daraufhin stand der Bahnverkehr in vielen Teilen Norddeutschlands über mehrere Stunden größtenteils still, weil die Kommunikation zwischen den Leitstellen, die den Zugverkehr steuern, und den Zügen nicht mehr möglich war.

Sprecher Wiesner sagte, es handle sich um »koordiniertes Vorgehen«. Die Täter hätten Informationen über die Trassenführung und das GSM-R-System gehabt. Dies lasse »auf ein hohes Maß an krimineller Energie« und »umfangreiche Vorbereitung« schließen.

In diesem Jahr registrierte die AG Kritis nach eigenen Angaben vermehrt Cyberattacken, etwa auf den Energiesektor. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine werde deutlich, dass »›hybride Kriegsführung‹« eine größere Rolle spiele. Dabei würden traditionelle Operationen durch Cyberangriffe begleitet.

Staatsschutz ermittelt

Da ein politisches Motiv nicht auszuschließen ist, ermittelt der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamtes. Zu den möglichen Tätern und ihren Motiven gibt es von offizieller Seite bisher keine Informationen.

Die Ermittler gehen nach SPIEGEL-Informationen davon aus, dass es sich um eine gezielte Sabotage des Bahnnetzes handelte. Dafür spricht, dass die unbekannten Täter zunächst gegen zwei Uhr morgens bei Herne einen Kabelschacht an einer Bahnstrecke öffneten, der mit einem schweren Betondeckel gesichert war. Dort durchtrennten sie offenbar mit einer Flex eine wichtige Leitung für die interne Bahn-Kommunikation.

Am frühen Samstagmorgen dann wurde bei Berlin-Karow ein weiterer Schacht geöffnet und das dortige Datenkabel durchtrennt. Dieses diente zu der Zeit als Back-up für die bei Herne durchtrennte Datenleitung.

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Vieles spricht für eine gezielte Tat

Beteiligte Beamte sagten, vieles spreche für eine gezielte Tat, da nur die Kombination aus den beiden Leitungen, die getrennt worden waren, zu dem Totalausfall der internen Bahn-Kommunikation führen konnte. Nach der Sabotageaktion fiel das gesamte Kommunikationssystem für gut drei Stunden komplett aus, daraufhin stoppte die Bahn aus Sicherheitsgründen den Großteil des Fernverkehrs.

Die Tat hat eine politische Debatte entfacht. In der SPD gibt es einem Bericht zufolge Überlegungen, der Bundespolizei mehr Befugnisse zu verschaffen.

»Die Bedrohungslage ist hoch. Dies haben die Sabotageakte auf unsere Infrastruktur noch mal sehr deutlich gemacht«, sagte Fraktionsvize Dirk Wiese der »Rheinischen Post«. Man müsse nun »sehr schnell« ein »modernes Bundespolizeigesetz« auf den Weg bringen. Die letzte Reform sei aus dem Jahre 1994, seitdem habe sich viel geändert. 2021 scheiterte eine Reform des Bundespolizeigesetzes im Bundesrat.

jpz/afp/dpa
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