Thomas Fischer

Deutsche Moral Kätzchen, Knöllchen, Krustentiere

Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Wissen wir, wer und was »unmoralisch« ist? Im Zweifel immer der andere.
Fischverkäufer mit Hummer, Archivbild von 2018

Fischverkäufer mit Hummer, Archivbild von 2018

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Rolf Vennenbernd / dpa

Ach, die Moral! Wenn wir sie nicht hätten! Dann wären wir, evolutionär betrachtet, noch nicht einmal auf Schimpansen- und Gorilla-Niveau. Bei denen ist nämlich so etwas wie Moral durchaus vorhanden. Und erst recht schon die ältesten Zeugnisse vor- und frühmenschlichen Lebens zeigen eine Vielzahl von Hinweisen auf Verhaltensregelmäßigkeiten, die sich nicht allein empirisch, sondern nur auch als Kulturgewohnheiten erklären lassen. Anders als mit Moral geht das Leben in einer Primatengruppe halt nicht – man ist ja schließlich keine Ameise.

Nun denken viele Menschen, »Moral« sei, wenn man ein guter Mensch ist. Das stimmt nicht ganz oder vielmehr nur auf sehr verkürzte Weise: Sie haben einfach das Attribut »richtig« oder »gut« weggelassen.

Moral an sich ist nämlich weder gut noch böse; sie ist nur funktional oder dysfunktional. Moral ist, wenn der Mensch eigenes und fremdes Handeln an Regeln misst, die nicht aus bloßer Erfahrung und Wahrscheinlichkeit bestehen, sondern ein Sollen und Dürfen formulieren und sich dabei auf übergeordnete Normen beziehen. Woher die letzteren kommen, ist egal: Von Göttern, aus dem Wesen der Natur, aus der Vernunft oder aus der Rationalität sozialer Funktionalität. Wichtig ist stets, dass Moral einen »Sinn« macht, unterstellt und intendiert. Erdbeben und Virenepidemien sind nicht unmoralisch; man kann sie auch weder verachten noch bestrafen. Es hat keinen Sinn, der Sonne übel zu nehmen, dass sie in ein paar Milliarden Jahren explodieren wird, was hierzulande einige wirklich unangenehm heiße Sommer zur Folge haben wird.

Soviel einmal ganz global zur Moral. Wir wissen natürlich, wer und was »unmoralisch« ist: Im Zweifel immer der andere. Also die Sünde, die Untugend, die falschen Zwecke und fehlerhaften Motive. Wenn man es so allgemein formuliert, fällt auf, dass ein Nazi eine Moral hat, ein Gotteskrieger eine andere, ein Berufsverbrecher eine dritte und Johanna von Orleans eine vierte. Das lässt sich beliebig erweitern, wenn man ein paar Zeitungen liest und Online-Foren besucht: An Moralen ist kein Mangel. Man kann sich der Moral nähern, indem man über die Geschichte des Begriffs spricht, oder über die Geschichte der Bemühungen, richtige von falscher, gute von unguter Moral zu scheiden, oder durch Spekulationen über den kosmischen Ursprung der Gewissheit, dass Veganer bessere Menschen seien. Die Moralen, um die es im Alltag angeblich geht, sind allerdings meist so übersichtlich beschaffen, dass sie direkt aus der Magenschleimhaut gewonnen werden können und einen Umweg über die Großhirnrinde nicht benötigen. 

Mensch und Maschine

Der Umweltminister des Landes Baden-Württemberg hat, wie wir lasen, eine fahrlässige Ordnungswidrigkeit begangen, indem er als Führer eines Kraftfahrzeugs auf öffentlichen Straßen die zulässige Höchstgeschwindigkeit außerorts um mehr als 40 km/h überschritt, genauer: auf der Bundesautobahn 177 statt 120 km/h fuhr. Die Begründung dafür war, so teilte der Minister mit, dass er es eilig gehabt habe. An der Veröffentlichung dieses Bekenntnisses kann man sehen, dass man auch als Minister den Rat eines Fachmenschen für Beschuldigteneinlassungen suchen sollte, wenn es einmal dumm läuft. 

Franz Untersteller (Bündnis 90/Die Grünen), Umweltminister von Baden-Württemberg

Franz Untersteller (Bündnis 90/Die Grünen), Umweltminister von Baden-Württemberg

Foto: Uli Deck / dpa

Kann passieren! Ich weiß das zum einen, weil ich einst so manches Fahrverbot verhängte, zum, anderen, weil ich im letzten Jahr, ohne es eilig zu haben, auf freier, dreispuriger Bundesautobahn mit eingeschaltetem Tempomat und konstant entspannten 124 km/h die Beute eines mobilen Messwagens der Polizei wurde und, da ich eine anlasslose Begrenzung auf 80 km/h verpennt hatte, mittels eines Monats Fahrverbot und zwei Punkten im Verkehrszentralregister (VZR) an die Moral des Gehorsams erinnert wurde. Das VZR heißt auch im Zeitalter des »Rasens« immer noch »Verkehrssünderkartei«, wie einst, als Vati mit dem Opel Rekord über den Ruhrschnellweg hoppelte. Insbesondere der katholische Teil von Deutschland hat zur Sünde bekanntlich ein recht entspanntes Verhältnis. Allerdings durchweg nur zur eigenen, so dass den sündigen Minister die volle Wucht der Schuld-Qual treffen muss.

In den letzten zwei Tagen habe ich daher mit Freude hundert Moral-Ejakulationen gelesen, in denen entweder der sofortige Rücktritt des Ministers oder die Verhängung von Zuchthausstrafen für das Rasen an sich sowie jedenfalls mal ein Verbot von PKWs gefordert wurden, die schneller fahren können als 130 km/h. Heuchler-Entlarver voran! Grüner Minister rast! Finanzminister hat Konto überzogen! Wissenschaftsministerin kennt neueste Studie nicht! Man weiß nicht: ist 177 Fahren genauso schlimm wie eine Summa-cum-laude-Dissertation darüber, was man früher im Ortsverein so gemacht hat? Oder weniger schlimm als 80 Afghanen in die Luft zu sprengen? Oder schlimmer, als beim Nachrechnen zu merken, dass zwanzigtausend Millionen Euro fehlen? Solche Fragen kann man nur beantworten, wenn man eine Messlatte hat, auf der die Liter Empörung, die Kilo Schuld und die Meter Moral sauber abgelesen werden können. An solchen Präzisionswerkzeugen besteht in Deutschland indes umso weniger Mangel, je ausverkaufter das Klopapier und die Nudel sind. 

Mensch und Fisch

Apropos Nudel: Haben Sie eigentlich mal in Malta einen Lobster gegessen? Anders gefragt: Haben Sie überhaupt schon mal einen Lobster gegessen? Ich meine nicht das Gläschen Hummercocktail, das es als Vorspeise bei der Hochzeit der besten Freundin oder bei der Jahressause der »Bild« gibt. Sondern einen nordamerikanisch-maltesischen Monsterhummer, wie ihn das mit Abstand gesündeste Volk der Welt bei McDonald's kauft. Leider ist zuletzt das Hummeressen ein bisschen teurer geworden, nachdem beispielsweise im Bundesstaat Maine, wie ich dem Fachblatt »Fischmagazin« entnommen habe, im Jahr 2019 nur noch 22.500 Tonnen aus den Körben gezogen wurden. Wie es in Helgoland und Malta aussieht, weiß ich nicht. Jedenfalls kostet, wie von Investigativ-Füchsen ermittelt wurde, auf jenem wegen seiner Hummer, seiner Briefkästen und seiner Pressefreiheit berühmten Eiland ein »erlesenes Hummer-Dinner« 250 Euro, also etwas weniger als ein ordentliches Wagyu-Filetsteak in Hamburg. Gespeist haben, im Mai 2017, ein »Ex-Lebensgefährte« und seine Ex-Lebensgefährtin, was einigen volksnahen Pressemedien ausgesprochen unmoralisch vorkommt, weil erstens der Ex-Gefährte der Untreue (zu Lasten einer Fraktionskasse, nicht der Ex-Gefährtin!) beschuldigt wird, zweitens diese inzwischen Justizsenatorin ist und überdies drittens auf Malta war, um an einem Einsatz zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer teilzunehmen. Flüchtlinge retten und Hummer fressen geht natürlich gar nicht, meint das Volk von Hamburg durch den Mund bedeutender Fraktionen und mindestens ebenso bedeutender Presseorgane, die es wissen müssen, weil sie dem Wirt eines italienischen Restaurants in Eimsbüttel ein paar Fotos von Verdächtigen gezeigt haben. Tatsächlich hat er die Ex-Gefährtin erkannt, die dort mit dem Ex-Gefährten zu essen pflegte. Wer weiß: Vielleicht eine Fischplatte für zwei für 35 Euro? Das ist dann allerdings ohne Hummer; der geht extra.

Ob der maltesische Hummer vergoldet war, wissen wir nicht; es würde uns bei dem Preis aber wundern! Ziehen wir ein Fläschchen griechischen Weines ab für 80 Euro, zwei Aperitifs à 10 und zwei Vorspeisen à 15, ein Nachtischlein für die Dame (15) und zwei Espresso (10), dazu ein Liter vom guten deutschen San Pellegrino-Wasser (15), bleiben für den armen Hummer samt Beilagen und Süppchen gerade mal 80 Euro, pro Person 40. Frage: Kriegt man das für den Preis in Alsternähe?

Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass weder Presse noch Polizei irgendetwas darüber wissen, ob dieses sündige Essen irgendetwas mit den Untreuevorwürfen gegen den Ex-Gefährten zu tun hat, von Unregelmäßigkeiten der Ex-Gefährtin einmal ganz zu schweigen. Außer ein paar selbst bezahlten Antipasti und penne rigate in Elmsbüttel konnten ihr, soweit ich sehe, bislang keine Verbrechen nachgewiesen werden.

Anna Gallina (Bündnis 90/Die Grünen), Justizsenatorin von Hamburg

Anna Gallina (Bündnis 90/Die Grünen), Justizsenatorin von Hamburg

Foto: Georg Wendt / dpa

Selbstverständlich ist das der Neidmoral aber völlig wurscht. Dass man auf Malta keinen Hummer, sondern höchstens Seezunge aus dem Nordatlantik oder gemästete Scampi in Knoblauch-Sahnepampe fressen darf, weiß der Deutsche Moralist aus dem Zeitalter vor dem schrecklichen Unglück des Lock- und Shutdown, als er auf Malta und überhaupt am mare nostrum sein trockenes Brot mit den boat people teilte, wie es deutsche Sitte ist seit alters her. 

Mensch und Tier

Haustiere sind übrigens im italienischen »Stammlokal« der Senatorin erlaubt! Das könnte ihr vielleicht den politischen Kopf retten, falls sie nachweist, dass sie dies erstens weiß und zweitens schon einmal einem italienischen Hund (aus dem Tierheim, versteht sich!) oder einer feministischen Katze (sterilisiert) das Köpfchen gestreichelt hat.

Womit wir uns dem Höhepunkt der Kolumne nähern: dem völligen Versagen der Frankfurter Justiz (sprich: Landgericht), das einen Mann (!) wegen Sachbeschädigung zu 30 Tagessätzen à 65 Euro Geldstrafe verurteilte, weil er auf die Katze seiner Nachbarin (!) mit dem Luftgewehr geschossen hatte. Das Amtsgericht hatte ihn wegen Tierquälerei zu 70 Tagessätzen à 230 Euro verurteilt. Das Forum zu dem dies bezeugenden SPIEGEL-Artikel vom 9. Dezember umfasste am Morgen des 11. Dezember 530 Kommentare von Moralphilosophen und Tiersachverständigen. Ich kann sie für eine schlaflose Nacht zur Lektüre empfehlen; man lernt allerlei oder vertieft zumindest alte Kenntnisse. Zum Beispiel, dass es vollkommen gleichgültig ist, welche Voraussetzungen der Tatbestand des § 17 TierschutzG aufstellt. Dort ist mit Strafe bedroht, ein Wirbeltier zu »quälen«. Mancher Tierfreund kennt den Begriff vielleicht aus § 225 StGB: Danach wird mit Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis zu 10 Jahren bestraft, wer ein Kind »quält«, das seiner Fürsorge untersteht. Nun haben bislang relativ wenige Katzenfreunde, die gelegentlich ihren Kindern oder Kindeskindern einen kurzen scharfen Schmerz zufügen, gefordert, man möge sie wegen Quälens von Schutzbefohlenen zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilen.

Zu Recht, wie man sagen muss: Denn »Quälen« ist nicht gleich »Körperverletzen«. Es bedeutet das Zufügen länger andauernder physischer oder psychischer Schmerzen oder Qualen. Wer nicht »quält« kann durchaus »misshandeln« und wird dann wegen Körperverletzung bestraft. Bei den Tieren, die nach § 90a BGB »keine Sachen« sind, auf die aber »die Vorschriften über Sachen angewendet« werden, ist es etwas anders: Wer eine Pute bei lebendigem Leib vergammeln lässt, dieweil die köstlichen Putenbrüste sie blutig und kiloschwer auf den Boden ziehen, »quält«. Wer sie köpft, misshandelt sie, quält sie aber nicht. Tiermisshandlung ist aber als solche nicht strafbar. Sie ist Sachbeschädigung (§ 303 StGB), wenn das Tier fremd ist. Bringt Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren oder Geldstrafe; das reicht für einen Luftgewehrschuss auf eine Katze, und der Katze ist es egal, ob man sie mit »Frau Katze« oder mit »Kuschelsache« anspricht.

Nun will ich mich heute nicht darüber beschweren, welch bunten Strauß an Abwegigkeit, Gewaltfantasien, sadistischen Wünschen, Verfluchungen und bloßen Skurrilitäten ein Forum über eine Sachbeschädigung an Nachbars Katze in die Welt spült. Dass den Richtern die Augen ausgeschossen gehören, geht den Katzenmuttis und besten Freunden ihres Retrievers locker von den Lippen, ergänzt um allerlei fern liegendes Geschwätz über das Seelenleben, die Geschöpflichkeit und das Wohl der lieben Tiere und das völlige Versagen der deutschen Justiz.

Die Moral des Tierliebhabers ist durch nichts zu übertreffen. Wenn alles dahin ist, die ganze Welt verdorben und verzehrt, 80 Prozent der Arten ausgerottet, die allerletzten Ressourcen aus dem Boden gekratzt, die Ozeane eine warme Müllbrühe, dann werden noch der treue Dackel und die cremefarbene Angoramieze uns den Schoß und das Herz wärmen und ganz bestimmt jedes Wort verstehen. 

Vorweihnacht

Sie werden (hoffentlich) sagen: Was soll’s? Ein Nichtraucher hat heimlich geraucht, ein Ladendieb hat heimlich geklaut, eine Lebensgefährtin hat heimlich Ihren Liebsten betrogen, ein Rentner hat heimlich Plastikmüll in die Biotonne geworfen. In China ist ein Sack Reis umgefallen, weil er es eilig hatte. Damit könnte man es bewenden lassen. So billig geht das aber heutzutage nicht mehr! Eine Nachricht muss eine Moral haben, das lernt man schon in der AG Schülerzeitung, und so bleibt es dann. Irgendjemand muss schuld sein. Die eigene Schuld – oder sagen wir: die eigene Verantwortung – versteckt sich hinter Gebirgen von Heuchelei. Das ist nicht neu, sondern Teil des Moral-Spiels. Trotzdem kann man es gelegentlich erwähnen, wenn es in den Wahnsinn zu rutschen droht.

Dass Menschen in großer Zahl sich darüber erregen, dass in Eppstein/Taunus ein Kätzchen mittels mutwilligem Luftgewehrschuss verletzt wurde, während zugleich »umstritten« bleibt, ob 600 oder 800 Seuchentote pro Tag genügend Raum für das übliche »Besinnlichkeits«-Spektakel, Zuckerfressen und Geschenkpapier-Entsorgen lassen, ist beim besten Willen nur noch mit Hilfe des ICD-10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) zu erklären - eine Erkenntnis, die einen zwar emotional kurzfristig entlastet, aber ja auch nichts nützt, denn auf die Schnelle wird die pharmazeutische Industrie hier nicht gegensteuern können.

Selbstverständlich sind die drei von mir genannten Beispiele ohne jede eigene Bedeutung. Sie gewinnen Gewicht durch die groteske Unverhältnismäßigkeit von Anlass und öffentlichem Moralaufwand, vor dem Hintergrund einer erkennbar schweren Krise des öffentlichen Friedens und der sozialen Moral. Die wenigen Leitplanken dieser Moral der Rationalität und der Friedlichkeit, die, wie verbesserungswürdig im Einzelnen sie auch sein mögen, ziemlich gut funktionieren, werden von Apokalyptikern, Panikern und Feinden zerstört: Es sind das Recht, die demokratische Legitimation sowie die Institutionen und Strukturen öffentlichen Vertrauens.

Nieder mit der Moral! Es lebe die Wissenschaft! Ich verlange, dass Umweltminister mit höchstmöglicher Geschwindigkeit zu den Orten der Vernichtung fahren! Ich fordere, dass Justizminister mehr Lobster essen und goldene Armbanduhren an illegale Immigranten verteilen! Kampf der streunenden Katze!

Alle sollen eine Woche lang 24 Stunden am Tag ununterbrochen mit allen sprechen: Laut, leise, empört über sich selbst und den undankbaren Nikolaus. Dann sollen sie sich mit Ochs und Esel in ihre Ställe setzen, vier Wochen schweigen und die Füße stillhalten. Schüler sollen tun, was sie wollen, Rentner Gymnastik machen, Opernsänger leise summen und Aktienhändler einfach mal die Klappe halten. Alternativ könnten meinetwegen alle einmal eine Studie über Immunologie schreiben – jeder wie er kann und mag. Wir sprechen dann nächstes Jahr darüber.

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