Massaker von Utøya: Vom Urlauber zum Helden
Deutsche Urlauber als Retter in Norwegen Die Helden von Utvika
Der Lebensretter zapft sich ein Bier und zündet sich eine Zigarette an. Er hat in der Nacht nur ein oder zwei Stunden geschlafen, sein Gesicht sieht müde aus. Es ist der Tag nach dem Massaker in dem norwegischen Jugendcamp auf der Insel Utøya. 85 Menschen hat der Täter Anders Behring B. dort kaltblütig erschossen - aber Dutzende konnten fliehen, indem sie ins Wasser sprangen und Richtung Festland schwammen.
Rund 24 Stunden ist es her, dass Marcel Gleffe zu einer Schlüsselfigur bei der Rettung vieler dieser Jugendlicher wurde. Der 32-Jährige arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Dachdecker in Norwegen, zurzeit verbringt er gemeinsam mit seinen Eltern Walter und Heidrun seinen Urlaub auf dem Campingplatz in Utvika - an dem Ufer gegenüber der Insel, die zum Schauplatz des Grauens wurde. Er nimmt einen Zug aus der Zigarette und erzählt.
Am späten Freitagnachmittag ist es kühl. Die Gleffes haben sich gerade an den Campingtisch vor ihrem Wohnmobil gesetzt und Kaffee in die Tassen gegossen. Sie sprechen über den Anschlag in Oslo kurz zuvor, mehrere Tote hat es dort gegeben, als eine Bombe im Regierungsviertel explodierte. Ein Nachbar auf dem Platz hat ihnen das erzählt, sie sind schockiert und besorgt.
"Sie schrie 'Help! Help!'"
Da hören sie es plötzlich dumpf knallen. Einmal, zweimal. "Dann eine ganze Salve", sagt Heidrun Gleffe, 53. Sie sehen dunklen Rauch aufsteigen. "Ich sagte zu meinem Mann: 'Komm, wir gehen runter zur Mole, wir müssen schauen, was passiert ist.'" Ein Feuerwerk vielleicht, denken die Gleffes, oder irgendwelche Übungen.
Die Mole ist nur 200 Meter vom Wohnmobil der Familie entfernt, es liegen Boote dort, die Insel Utøya liegt etwa 600 Meter entfernt. Man kann drüben die Felsen erkennen, die Fähre, die davor liegt, das Ufer.
Als sie an der Mole ankommen, sehen die Gleffes, wie ein Mann ein Mädchen aus dem Wasser fischt. 16, 17 Jahre alt sei die Jugendliche gewesen, nur in Unterwäsche. Direkt hinter ihr schwimmt schreiend ein anderes Mädchen. "Sie schrie 'Help! Help!', sie schrie 'Shooting!' und dass wir die Polizei rufen sollten", erzählt Heidrun Gleffe.
Es ist der Moment, in dem die Gleffes ahnen, dass etwas Unvorstellbares passiert sein muss, drüben auf der Insel. "Wir haben lauter Köpfe im Wasser gesehen", sagt Heidrun Gleffe.
Es sind die Köpfe von Jugendlichen, die von der Insel ins Wasser gesprungen sind. Dutzende andere Jugendliche sind zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon tot.
Die Gleffes handeln wie ferngesteuert, schnell, ohne eine Sekunde Zeit zu verlieren. Mutter Heidrun wickelt die Mädchen, die durchgefroren und geschockt am Ufer ankommen, in Decken und bringt sie ins Wohnmobil.
"In so einer Situation denkt man gar nicht nach", erzählt ihr Sohn Marcel. Er rennt los und holt den Schlüssel für den kleinen roten Kahn, den er für diese Woche gemietet hat und schmeißt den Motor an. "Ich habe gleich geahnt, dass das in einer Verbindung zu dem Anschlag in Oslo steht", sagt er.
"Es war unglaublich zu sehen, was für starke Menschen das sind"
Die Menschen, die im Wasser schwimmen, rufen: "Nicht dichter ran, nicht dichter ran!"
Doch Marcel Greffe handelt. "Ich habe einfach nur funktioniert", sagt er. Immer mehr Menschen sieht er von den Klippen auf der Insel ins Wasser springen, mit einem Fernrohr schaut er auf die Insel - und kann plötzlich den Attentäter sehen: Er hockt auf einem Felsen, die Waffe erhoben. Augenzeugen erzählen später, dass der Mörder auch auf jene Jugendlichen geschossen hat, die bereits ins Wasser gesprungen waren.
"Überall im Wasser schwammen Jugendliche. Ich warf ihnen Schwimmwesten zu und zog die, denen es am schlechtesten ging, ins Boot", sagt Marcel Gleffe. "Alle schrien, aber sie halfen sich gegenseitig." Sie schrien, sie weinten, in der großen Not machten sie sich gegenseitig Mut, umarmten sich. "Es war unglaublich zu sehen, was für starke Menschen das sind", sagt Marcel Gleffe.
Immer wieder fährt der 32-Jährige raus auf den See, immer mehr Jugendliche sammelt er ein und bringt sie zur Mole. Dort treffen unterdessen weitere Helfer ein, andere Camper mit ihren Booten. Marcel Gleffe schätzt, dass er allein mehr als 20 Jugendliche ans rettende Ufer gebracht hat.
So genau kann er das nicht mehr sagen - und so einfach ließen sich einige der Flüchtenden auch gar nicht retten. Auf dem Campingplatz erzählen sie sich noch am Tag danach, wie einige schrien: "Kommt uns bloß nicht zu nahe", oder "Wollt Ihr uns töten?" Den Grund erfuhren die Retter erst, als sie die Jugendlichen beruhigt und ihnen zugerufen hatten, dass sie selbst Kinder hätten: "Der Attentäter war so perfide, dass er den Jugendlichen zugerufen hatte: 'Kommt her, ich rette euch'!" So berichtet es einer der norwegischen Retter, der ebenfalls mit seinem Boot auf den See hinausfuhr.
"Es ist doch ganz selbstverständlich, was wir gemacht haben"
Psychologen, die nach dem Massaker auf den Zeltplatz gekommen sind, zeigen sich verblüfft von der guten Organisation der Camper: Als die Schießerei losging, brachten sie kleine Kinder sofort in ein Auto, sie sollten von den schrecklichen Szenen nichts mitbekommen. Ein Mann brachte die verzweifelten und zitternden Geretteten mit dem Auto zur Rezeption.
Insgesamt 150 Menschen haben die Urlauber von Utvika mit ihren Booten gerettet. "Trotzdem machen sich manche noch wahnsinnige Vorwürfe", sagt Psychiaterin Kirsti Oscarson. "Sie denken an die Menschen, die sie im Wasser lassen mussten, weil diese nicht mehr ins Boot passten - nicht an die anderen Menschen, die sie gerettet haben." Ihre Aufgabe sei es jetzt, so Oscarson, den Rettern das Gefühl zu geben, dass diese Gedanken in ihrer Situation ganz normal seien.
Auf dem Campingplatz bekommen die Retter nun psychologische Hilfe. Ein Drittel von ihnen wird wohl Probleme haben, das Erlebte zu verarbeiten, schätzen die Psychiater. "Wir dürfen keine Therapiesitzung abhalten", sagt Psychiaterin Oscarson. Vielmehr gehe es darum, die psychologischen Abwehrkräfte zu unterstützen.
Retter Marcel sagt: "Gestern ging es noch, heute wird einem schlecht, da wird einem einfach nur schlecht." Aber er habe nicht anders gekonnt als zu helfen. "Es ist doch ganz selbstverständlich, was wir gemacht haben."
Mitarbeit: Kadra Yusuf