Deutsche Waldfrau "Meine Mission ist beendet"

Zwölf Jahre lang war sie verschwunden. Jetzt steht die Frau aus Brandenburg, die in einem Waldstück der Schweizer Gemeinde Bolligen bei Bern entdeckt wurde, im Rampenlicht - und das passt ihr ganz und gar nicht.


Bern - Die Aufmerksamkeit, die sie erregt, ist Gabriele S. zuwider: "Weil ich so was um meine Person eigentlich nicht mag", sagte die 52-Jährige dem Regionalsender Telebärn. Die "Waldfrau", wie sie die Schweizer Zeitungen nennen, war am Mittwoch von ihrer Schwester abgeholt und nach Deutschland zurückgebracht worden. Sie hatte rund ein Jahr in dem Waldstück in einer Erdhütte aus Planen und einem dürftigen Schlafsack gelebt. Seit Februar 1997 galt die damals 40-Jährige als vermisst.

Die Polizei Bern berichtete von Aussagen, nachdenen sich die Frau jahrelang bereits in Wäldern in Italien, Frankreich und der Schweiz aufgehalten habe. Zuvor hätte sie ihre Familie - darunter zwei erwachsene Kinder - verlassen. Unterstützung habe sie immer abgelehnt. Auf die Frage, wie sie sich ernährt habe, antwortete sie: "Mit Gottes Hilfe." Bürgermeister Rudolf Burger bestätigte, dass sie gesagt habe, ihr Vater sei Förster gewesen. Deshalb zog es sie offenbar in den Wald.

Über Österreich kam sie zufällig in das Grauholz, wie das Waldstück heißt, bei Bolligen. Aus dieser Gemeinde mit etwas über 6000 Einwohnern wurde sie teilweise wohl auch mit Lebensmitteln versorgt, wie Zeitungen berichteten. "Ich bin ja nicht ständig im Wald gewesen", sagte S. dazu.

Gabriele S. bekam auch schon einmal an einer Autobahnraststätte etwas zugesteckt und bummelte durch Bolligen. "Aber irgendwo muss man sich ja zur Ruhe begeben." Für sie sei das keine Belastung gewesen. Einzelheiten ihrer Überlebenskunst gab sie aber nicht preis. "Die Leute in der Schweiz sind sehr freundlich, wenn man sie lieb nach etwas fragt", so S.

Die "Berner Zeitung" meldete am Donnerstag, S. habe sich im Restaurant "Sternen" zum ersten Mal nach zwölf Jahren ein Schnitzel bestellt. Dann organisierte der Bürgermeister unter Ausschluss der zahlreichen Reporter ein erstes Familientreffen im Gasthof "Alpenblick", bei dem die "Waldfrau" ihre jüngere Schwester traf. Die Familie sei immer davon ausgegangen, dass Gabriele S. tot sei, sagte sie.

"Meine persönliche Mission ist beendet", teilte S. nun mit, ohne ihre Worte zu erklären. "Ich gehe mit ihr (der Schwester) zurück nach Deutschland." Dort freue sie sich darauf, mal wieder ein Theater oder eine Galerie besuchen zu können, so die "Berner Zeitung".

Nach dem Zeitungsbericht hat die "Waldfrau" ihren Unterschlupf im Wald sauber verlassen und sogar die Zigarettenstummel der Journalisten eingesammelt. Als Toilette hätten ihr Säckchen für Hundekot gedient, die es überall in der Schweiz gibt.

jdl/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.