Deutscher auf dem Campus "Menschen flohen, schrien, weinten"

Der deutsche Mathematiker Torben Swart hat das Blutbad von Blacksburg miterlebt. Er saß in seinem Büro, als der Amokläufer im Gebäude gegenüber Menschen hinrichtete - ein Protokoll.


Das Auffälligste ist die Stille. Neun Stunden nach dem Amoklauf herrscht hier, am Campus der Virginia Tech University in Blacksburg, eine beklemmende Stille. Polizisten haben das Gelände abgeriegelt, die Straßen sind leer, die Studenten haben sich in ihren Wohnungen verschanzt. Außer mir hält sich kaum mehr ein Mensch am Universitätsgelände auf: Lediglich ein Dutzend Polizisten, die Wache stehen, und die Leute von der Spurensicherung. Zwei Journalisten von Fox-News wollten mich interviewen, aber ich habe abgelehnt. Ich glaube, sie finden auch niemanden mehr. Der Campus gleicht einer Geisterstadt.

Amoklauf von Blacksburg: 33 Tote, Dutzende Verletzte
AP

Amoklauf von Blacksburg: 33 Tote, Dutzende Verletzte

Heute Morgen war alles anders: Menschen rannten über das Unigelände, schrien, weinten, brachen zusammen; Polizisten brüllten Befehle, Scharfschützen sprangen aus gepanzerten Wagen, die Sirenen der Krankenwagen heulten. Ich selbst saß in meinem Büro in der Mathe-Fakultät gegenüber der Norris Hall, wo der Verrückte Amok lief. Das Ausmaß der Katastrophe war uns anfangs nicht bewusst. Zunächst hieß es nur, es sei zu einer Schießerei im Studentenwohnheim gekommen, bei der ein Mensch starb.

Um 10.15 Uhr erhielten wir per E-Mail die Anweisung, in den Räumen zu bleiben und die Türen zu verschließen. Langsam wurde ich nervös. Die Ungewissheit bereitete mir Sorgen – nicht genau zu wissen, was geschehen war und was geschehen wird. Aus den Fenstern konnten wir beobachten, wie Verletzte abtransportiert wurden.

Um 12 Uhr stürmte die Polizei das Gebäude. Wir flüchteten über den Nordausgang zu den Parkplätzen. Eine Freundin fuhr mich in ihrem Auto nach Hause. Im Radio hörten wir die Pressekonferenz unseres Direktors Charles Steger. "Unsere Universität wurde von einer monumentalen Tragödie getroffen", sagte er. Jetzt erst erkannte ich, dass ich soeben Zeuge des schlimmsten Amoklaufs in der Geschichte Amerikas wurde. Und dennoch werde ich noch einige Zeit brauchen, um den Horror des Ereignisses wirklich zu begreifen.

Zuhause in meiner Wohnung schaltete ich den Fernseher ein. Überall liefen die Bilder des Amoklaufs. Es war so absurd: Ich sah meine Universität, meinen Campus, meine Kommilitonen. Ich rief meine Freunde und meine Familie an, um ihnen zu sagen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, dass es mir gut geht. Ich sprach mit Freunden von der Uni – sie alle waren schockiert und entsetzt. Es hieß, der Täter habe seine Opfer an der Wand aufgestellt. Einer meiner Bekannten arbeitet in Blacksburg im Krankenhaus, er sagte: "Die Klinik ist dicht, hier werden nur noch Verwundete des Amoklaufs behandelt."

Es ist jetzt 17 Uhr. Ich bin, nachdem ich wie wild telefoniert hatte, noch einmal mit dem Fahrrad zum Campus gefahren. Eigentlich sieht hier alles aus wie immer – von den Polizisten, die patrouillieren, abgesehen. Blacksburg hat etwa 40.000 Einwohner, mehr als die Hälfte davon sind Studenten. Das Verbrechen trifft die Gemeinde deshalb umso härter. Ich glaube niemand weiß hier so recht, wie es nun weitergehen soll. Morgen wird an der Universität der Opfer gedacht. Ich werde zu der Feier hingehen. Mehr kann man im Moment eh nicht tun.

Torben Swart, 26, ist Mathematik-Doktorand aus Berlin. Er arbeitet für drei Monate an der Virginia Tech University in Blacksburg.

Protokoll: Maximilian Popp



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