Unbequeme Wahrheiten Die Macht der Kinder

Derzeit ist viel von Kindern die Rede. Über den sehnsüchtigen Wunsch nach wahren Antworten aus Kindermund wird häufig übersehen, dass die größten Lügen meist in den Fragen stecken.

Für ein Symbolbild inszenierte Kinder-Demonstration
Getty Images

Für ein Symbolbild inszenierte Kinder-Demonstration

Eine Kolumne von


Traumwelt

In Ridley Scotts Film Blade Runner (1982) spielt der Genetik-Designer J. F. Sebastian mit Spielzeug, das eine seltsame, traumversponnen-grausame Position zwischen Kind und Maschine einnimmt. Wirkliche Kinder kommen nicht vor; vielmehr sind in der Welt der Tyrell Corp. die Menschen zu Kindern geworden, die zwischen sich selbst und ihren Puppen nicht mehr unterscheiden können.

Heute scheint es dem aufgeklärten Bürger der Metropolen vertraut, dass jeweils alle anderen lügen, und zwar immerzu und mit Fleiß. Das gilt namentlich für diejenigen Menschen, die Interessen verfolgen, welche nicht die seinen sind, außerdem bevorzugt für Eliten und Politiker, Journalisten und Intellektuelle. Harte Fakten zerfließen unter den Händen zu vagen Annahmen, das Leben erscheint als menschenwürdegefährdende Zumutung angesichts der Verpflichtung des Schicksals, für Happiness über den Tod hinaus zu sorgen.

Die Wahrheiten scheinen dahin, seit es keine Hölle mehr gibt und der Tod eine Vorabendserie ist. Der Bundesgesundheitsminister hat einen Plan entwickelt, ihn zumindest für den Fall abzuschaffen, dass nicht ein doppelter Widerspruch in das Recyclingregister eingetragen wird. So viel Ewigkeit soll sein, dass jedenfalls die Facebook-Posts und die Bauchspeicheldrüse drei Generationen überstehen. Was die Welt im Übrigen zu bieten hat, bewegt sich zwar in der Form von Breaking-news-Laufbändern, bleibt aber neblig hinter Milchglas. Zufall ist das nicht. In den Kinderwelten des entfesselten Zinses nimmt man mit Träumen vorlieb. Hierfür will ich zwei aktuelle Beispiele nennen.

Kinderwelt

Am 20. September 2019 habe ich in der "Süddeutschen Zeitung" folgenden Satz gelesen: "Vielleicht wird man von ihrer Reise über den Atlantik dereinst als Beginn einer Zeitenwende sprechen." Hier war, wie Sie ahnen werden, die Rede von einem Wesen, vor dem derzeit Herr Bundesminister Altmaier in der Sonntagsabends-Show, Frau Bundeskanzlerin sowieso, und überhaupt jedermann den allergrößten Respekt bekunden. Es ist klar: Wenn die deutsche Leitpresse das Wort "dereinst" verwendet und vom eigenen Ernst ganz durchdrungen ist, werden wir Zeuge von etwas wirklich Großem. Ein Messias, ein Moses im Körbchen, eine blinde Seherin, ein Mägdlein im Stall ist der Welt erschienen; das leuchtende Stigma des auf allen Kanälen "milde" genannten Wahnsinns hat sich an die Spitze des Heeres gesetzt.

Greta Thunberg an Bord der "Malizia II": Emissionsfrei über den Atlantik
Ben STANSALL / AFP

Greta Thunberg an Bord der "Malizia II": Emissionsfrei über den Atlantik

Die Zeitenwende-Story war mit der Reise an Bord eines fliegenden Teppichs schon fast maximal hochgefahren. Die Gefühlsmaschine suchte anfänglich noch den richtigen Sound. Das Gemäkel am Rückflugs-Spritverbrauch von Herrn Pierre Rainier Casiraghis Formel-Eins-Teppich war eindeutig zu kleinkariert, und die Fotos von der ersten USA-Reise der Beatles lagen schon im Ansatz daneben. Die Geschichte vom schneeweißen Kinderfuß der Unschuld, vom schwankenden Abgrund des Schicksals auf den Boden einer neuen Welt gesetzt, war um Klassen besser.

Mit der aus Hollywood direkt an den Mund der Lady Liberty hingeflogenen Frage "Wie konntet ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit euren leeren Worten?" dürfte der Ekstase-Peak jetzt erreicht sein; für noch mehr Punkte auf der internationalen TV-Gänsehautskala müssten schon Drohungen mit Kollektivsuiziden in der Sekundarstufe 1 her. Erste deutsche Politiker, so lasen wir, "gingen auf Distanz" und ließen den guten alten Klaus Töpfer hochleben. Noch ein Weilchen, und Herr Minister Altmaier, ein wirklich großer Zauberer auf jedem Kindergeburtstag, wird die Ruferin, die vom nahen Ende der Welt kündet, nach eigener Beurteilung aber "shouldn't be up here, but back in school on the other side of the ocean", im Fernsehen nicht mehr "Frau Thunberg" nennen.

Ob das erfreulich ist oder bedauerlich, spielt hier keine Rolle. Es geht mir nicht um dieses spezielle, sondern um das Menschenkind als solches, dessen Reise über den jeweiligen Ozean unter den Top-Ten-Zeitenwenden gelistet werden soll. Es ist ja bekanntlich nicht lange her, dass ein anderes Kind seinen Fuß an ein Gestade setzte, woraufhin ebenfalls von einer Zeitenwende die Rede war. Das Kind hieß Alan Kurdi. Sie werden sich, verehrte Leser, daran erinnern, dass das Bild seiner Ankunft auch in der deutschen Presse als "ikonisch" gefeiert wurde. In einer abgewandelten Pop-Art-Variante können Sie es an einer Brücke am Frankfurter Osthafen betrachten. An der damals ausgerufenen Zeitenwende arbeitet eine interministerielle Arbeitsgruppe.

Flüchtlinge auf der "Alan Kurdi" im Mittelmeer
DPA

Flüchtlinge auf der "Alan Kurdi" im Mittelmeer

Mir scheint, beide Kinder haben das nicht verdient. Die Zeitenwenden, von denen die Rede ist, verbinden sich aber auf seltsame Weise. Ihr Aufstieg und Fall beleuchten, neben anderem, die exzessive Infantilisierung der entwickelten Kulturen des sogenannten Westens. Bewegt nehmen die Eliten der reichsten Länder die Kinderbotschaft entgegen, dass die Welt untergehen werde. Das Klimakabinett verhandelt neunzehn Stunden und ist wirklich stolz. Die Bundeskanzlerin, während sich ihre Augen vor Müdigkeit nach hinten verdrehen, spricht: Wir haben den Weckruf der jungen Leute gehört. Die Weltpresse berichtet, dass die Rede des Kindes Thunberg vor der Uno-Versammlung die Erwartungen nicht erfüllt habe. Die Steuer auf Benzin, sagt das Verfassungsorgan Klimakabinett, wird in fünf Jahren um zwölf Cent erhöht. Wenn nicht, werden die Inder schon sehen, was sie davon haben.

Schöne Welt

Eine wundersame Kindervorstellung nahm ihren Ausgang beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dessen Träger sind: GKV-Spitzenverband, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Deutsche Krankenhausgesellschaft und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung. Er beschloss, nicht invasive molekulargenetische Tests (NIPT) auf drei Trisomien bei sog. Risikoschwangerschaften als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen zuzulassen. Als Reaktion auf die Veröffentlichung dieses Beschlusses entbrannte abermals die erstaunliche Debatte über die ethische Beurteilung des Tests. Sein Sinn wird, für die Kinderfreunde unter den lieben Mitbürgern, gern so dargestellt, dass Schwangere und Eltern, die von einem entsprechenden Gendefekt eines Embryos erfahren, sich "frühzeitig darauf einstellen" können. Tatsächlich ist es, wie jeder weiß, natürlich so, dass eine frühzeitige Information - wenn sie denn gewünscht ist - fast regelmäßig zur Abtreibung führt. Das darf man aber nicht sagen, denn an das Aussprechen dieser (durch Erfahrungen in anderen Ländern bestätigten) Wahrheit wird alsbald der Vorwurf geknüpft, auf diese Weise werde Behinderten (etwa Menschen mit Downsyndrom aufgrund Trisomie 21) das Lebensrecht bestritten. Im Fernsehen durften deshalb auch in der vergangenen Woche wieder ein paar fröhliche Menschen mit Downsyndrom in die Kameras sagen: "Wir gehören auch dazu".

Das ist ganz ohne Zweifel völlig richtig. Es gilt jedoch, jedenfalls nach Meinung der meisten, nur für Geborene. Man kann also nicht umgekehrt daraus ableiten, es sei ein individueller Vorteil oder erstrebenswert, wenn möglichst viele behinderte Kinder geboren werden. Mit guten Gründen kann man die Ansicht vertreten, man solle der Natur, dem Zufall und dem Schicksal nicht ins Handwerk pfuschen und die Dinge (und die Kinder) so annehmen, wie sie kommen. Wenn man diese Grundsatzposition nicht vertritt, hat es allerdings keinen Sinn, eine halbherzig-verdruckste Pseudo-Ethik zu vertreten, die das Thema in einem allgemein stimmungszuträglichen Wohlfühlrahmen hält.

Ein sogenannter "Präna-Test"
Tobias Kleinschmidt/ DPA

Ein sogenannter "Präna-Test"

Welchen Sinn etwa soll es haben, NIPT nur für "Risiko"-Schwangere zu bezahlen? Das Risiko, das gemeint ist, ist ja gerade die überproportional hohe Häufigkeit von Trisomien bei bestimmten Gruppen von Schwangeren. Man will also den DNA-Test in solchen Fällen bezahlen, in denen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit auf eine Behinderung besteht. Welchen anderen Grund sollte das haben als die Möglichkeit, sich für eine (ggf. späte) Abtreibung zu entscheiden? Wenn der Sinn der Sache wäre, dass 40-jährige Schwangere sich frühzeitig um die Organisation des Lebens mit einem gehandicapten Kind kümmern können, bräuchte man das Ethik-Gemurmel ja nicht. Wenn es aber stimmt, dass es in Wahrheit gar nicht um Lebensvorsorge, sondern um Abtreibung geht: Aus welchem rätselhaften Grund sollte man dann Frauen, die ein nur "normales" Risiko aufweisen, den Test verweigern?

Dahinter stehen natürlich Dilemmata: Kein vernünftiger Mensch kann auf die Idee kommen, geborene Menschen mit Downsyndrom hätten lieber nicht geboren werden sollen. Niemand kann aber auch wollen, dass möglichst viele geboren werden, damit sie "auch dazugehören" und die Gesunden sich an ihnen und sich selbst freuen können. Aus Sicht der einzelnen, konkreten Person ist es immer erstrebenswert, geboren zu werden und zu leben. Hieraus eine abstrakte Aufgabe der Unvermeidbarkeit zu machen, verdreht das in ein verlogenes Gefühl von einer kollektiven Verantwortung, die in Wirklichkeit weder erkannt noch gar wahrgenommen wird.

Die Betrachtungen und Abwägungen, die sich in hohen moralischen, aber unterentwickelten sozialen Kategorien mit dem Trisomie-Test befassen, stellen durchweg auf die Einzigartigkeit, Subjektivität und Würde des einzelnen Menschen ab und fassen sie auch schon vorgeburtlich ins Auge. Zugleich aber gilt ein Abtreibungsrecht als allein menschenwürdig, das auf eine solche Betrachtung praktisch vollständig verzichtet und schon ihre öffentliche Erwähnung und Diskussion als grausamen Angriff auf "Gefühl" und Freiheit von Betroffenen ansieht. Und als "betroffen" gelten, anders als im Fall gendefekter Embryonen, nicht die potenziellen Kinder, sondern allein die Schwangeren. Anders gesagt: Bei der Frage nach dem (ggf. abtreibungsvorbereitenden) Trisomie-Test stehen ethisch die Würde und die Person des ungeborenen Kindes im Zentrum der Aufmerksamkeit; bei der "allgemeinen" Frage nach der Abtreibung spielt beides praktisch keine Rolle.

Das ist in hohem Maß unredlich. Es belastet zudem Risikoschwangere und Frauen, bei deren Embryo eine Trisomie festgestellt wurde, mit hohen moralischen Sonderopfern. Für eine nicht Trisomie-bedingte Abtreibung muss man weder einen guten Grund angeben noch haben. Das ist die schlichte Wahrheit, auch wenn gebetsmühlenartig behauptet wird, alle 110.000 jährlich in Deutschland Abtreibenden hätten immer einen guten Grund: Es kommt darauf nicht an. Warum also soll, wenn eine Trisomie festgestellt wurde, die betroffene Frau - die ja nun tatsächlich ohne Zweifel einen Grund hat, den man "gut", jedenfalls plausibel nennen könnte - unter den extremen Druck gestellt sein, sich nicht wie alle anderen für oder gegen das "Entfernen von Schwangerschaftsgewebe", sondern ganz speziell für oder gegen das Leben eines liebenswerten Kindes entscheiden zu müssen, das "auch dazu gehören" möchte?

Und weiter gefragt: Warum entdecken dieselben Gruppen, Personen, Medien, Gefühls-Agenturen, die es als eine unzumutbare Bedrückung, Belästigung und Bevormundung ansehen, Schwangere, die sich in einer Abwägung für oder gegen eine Abtreibung befinden, mit moralisch aufgeladenen, Kinder-bezogenen Argumenten und Bildern zu bedrängen, regelmäßig ihr Herz für liebenswerte, fröhliche, lebenstüchtige Menschen mit Downsyndrom, wenn es um die Frage der Früherkennung möglicher Abtreibungsgründe geht? Denn dann werden, so scheint es, die moralischen Bedenken gegen "Menschenzucht" und Naturferne übermächtig. Wenn es um die Wunderwelt der Therapien gegen den eigenen Krebs oder Demenz geht, ist davon nicht die Rede.

Spielwelt

Sicher werden manche behaupten, die beiden vorgenannten Themen hätten nicht viel miteinander zu tun. Ich bin anderer Ansicht. Gemeinsam ist, dass Begriffe, um die herum Versuche kollektiver Identitätsbestimmung versucht werden, in bemerkenswerter Weise auf inhaltsferne Förmlichkeit reduziert werden und zu Attitüden verkommen: Es geht um die Identifikation von Worten und ihre Zuordnung zu Gefühls-Heimaten. Das ist ein ebenso typisch kindliches Verhalten wie die buchstäbliche Auflösung der ganzen Welt in Waren. Die Rationalität der sogenannten Globalisierung erscheint ihren Meistern nurmehr in der wirren Idealisierung vorgeblich urwüchsiger Kindlichkeit verständlich und erträglich.

Der Papst entschuldigt sich bei der Welt, weil die Priester seiner Kirche jahrzehntelang Zehntausende von Kindern sexuell missbraucht haben. Der Vorstandsvorsitzende von Tepco entschuldigt sich dafür, dass es in den Blöcken des Kraftwerks Fukushima zu Kernschmelzen kam. Der Premierminister von Kanada entschuldigt sich bei der Menschheit, weil er sich vor 18 Jahren auf einer Kostümparty als "Scheich" verkleidet und schwarz geschminkt hat. Bundesminister Altmaier entschuldigt sich ein bisschen bei den Lesern von "Bild" und "Focus", dass er zu viele Klöße mit Leberwurstfüllung isst. Das deutsche Klimakabinett, das Rentenkabinett, das Zinskabinett und das Kriegskabinett sagen zu all dem, dass jeder einzelne viel tun kann.

Das Gefühl, das jeweils Richtige zu tun, zu meinen oder zu sagen, hat sich mangels sozialer Bindungen und in der Auflösung strukturierter Milieus zu Spielmaterial verflüchtigt. Dass jetzt 40- bis 70-jährige Politiker und Chefredakteure durchs Land streichen und ganz ernsthaft behaupten, den Weg weisen sollten nun die Kinder, die sie sich von der Gute-Kita-Ministerin gerade aus den Füßen schaffen lassen, damit die Welt noch schöner werden kann - das zeugt von einer grotesken Freude, die schon was hat. J. F. Sebastian würde sich vermutlich spontan zu Hause fühlen.



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hertha.bauer 26.09.2019
1. Zu lang und verschwurbelt
Der Beitrag von Herrn Fischer ist mir zu lang und zu gewunden, als daß ich da zu jedem Satz eine Meinung hätte. Eines ist aber klar, und das wollen die jetzt 60/70/80/90-jährigen gar nicht gerne hören, daß der so gehätschelte und heiß geliebte Kapitalismus ein Krieg gegen die Erde ist, wie es ihn noch nie gegeben hatte und wie es ihn auch nie wieder geben wird, da bereits die jetzigen Folgen niemals mehr repariert werden können.
andreasclevert 26.09.2019
2. ?
Spannend zu lesen und jeder Block für sich konsistent (Greta und Down-Syndrom-Test). Aber ganz ehrlich, das Zusammenziehen beider Dinge, der letzte Absatz, das habe ich nicht verstanden..... Und habe es, unüblicherweise am Bildschirm, wieder hochgescrollt und zweimal gelesen. Ich bitte um Aufklärung...
martindeeg 26.09.2019
3. Zumindest ein kleiner Fortschritt.....
...denn vor kurzem war ein Motto der SPD bekanntlich noch: "Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden." Dieses Motto ist offenkundig gescheitert, nun müssen eben die Kinder herhalten, um die Gesellschaft zu "retten"....
martindeeg 26.09.2019
4. J.F. Sebastian....
...wurde übrigens von seinem "Spielzeug" der Garaus gemacht.
Jor_El 26.09.2019
5.
Gleich im 2ten Absatz wird vom "Aufgeklärten Bürger" gesprochen. Der "Aufgeklärte Bürger" ist ein utopistisches Hirngespinst, das ebensowenig realistisch ist, wie "Kommunismus" oder "Weltfrieden".
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