Diktaturverbrechen in Argentinien Priester wegen Folter und Mordes verurteilt

Spätes Urteil in Argentinien: Mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur hat ein Gericht in La Plata einen deutschstämmigen Priester zu lebenslanger Haft verurteilt. Demnach war er an etlichen Morden, Folter und Entführungen beteiligt.


Buenos Aires - Der deutschstämmige frühere katholische Polizeikaplan Christian Federico von Wernich wurde gestern Abend von einem Gericht in La Plata in der Provinz Buenos Aires zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der heute 69-Jährige wurde der Beteiligung an sieben Ermordungen von Regimegegnern, an 31 Folterfällen und an 42 Entführungen während der Diktatur, die von 1976 bis 1983 andauerte, für schuldig befunden. Er nahm das Urteil regungslos auf. Der Priester hatte Folter als Methode des Anti-Guerilla-Kampfes öffentlich gerechtfertigt. Er lebte und arbeitete lange Zeit unter falschem Namen in Chile. Nach Ende der Amnestiegesetze in Argentinien wurde er 2002 enttarnt.

Im Gerichtsgebäude und davor brachen bei der Urteilsverkündung Hunderte Menschen in Jubel aus. Nicht nur ehemalige Gefangene der Diktatur und Angehörige der Opfer zeigten sich erfreut. Mit Feuerwerk und Autohupen wurde der Richterspruch in der Nacht begrüßt.

"Wir hätten nie gedacht, dass wir das noch erleben", sagte die Sprecherin einer Organisation für Mütter von Diktaturopfern. "Die Kirche, die uns so viel Schaden zugefügt hat, erfährt endlich Gerechtigkeit." Der Menschenrechtssekretär der Regierung sprach von einem "historischen Urteil".

Die argentinische Bischofskonferenz teilte in einer Stellungnahme mit, die Kirche des Landes sei "betroffen vom Schmerz, den die Beteiligung eines Priesters an schwersten Verbrechen auslöst". Man müsse sich von Hass und Straflosigkeit entfernen und Schritte zur nationalen Versöhnung unternehmen. Wernich beteuerte, er habe nur "sakramentale Dienste" geleistet und nie Informationen an Folterer weitergegeben. Priester seien zum Besuch von Folterzentren gezwungen worden.

Unter den Dutzenden Zeugen sagten 41 Überlebende der Folterzentren des Regimes aber aus, der Angeklagte habe nicht als Priester, sondern wie ein Angehöriger der Foltermannschaften agiert. Wernich entgegnete, die Belastungszeugen seien vom Teufel beeinflusst worden.

Wernich war einer der engsten Vertrauten von Ramon Campos. Der 1994 verstorbene Ex-Sicherheitschef von Buenos Aires galt als einer der Hauptverantwortlichen für die Verbrechen der argentinischen Militärdiktatur.

Der Prozess entfachte in Argentinien aufs Neue die Diskussion über die umstrittene Rolle der Kirche während der blutigen Jahre. Während der Militärdiktatur wurden in Argentinien nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen etwa 30.000 Menschen ermordet.

ffr/dpa



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